28.09.2007 · Warum die Zeit im Auto nicht sinnvoll nutzen: Diktate mit dem Handy aufnehmen und einfach per E-Mail versenden. Die neue Philips-Software für den Taschencomputer bietet eine Lösung. Leider braucht der Anwender nicht nur das richtige Handy, sondern auch das passende Auto.
Von Michael Spehr„Im Auto kommen die besten Ideen, und ich habe jede Menge Zeit. Wie sieht es mit dem Diktieren während der Fahrt aus?“ fragt uns ein vielbeschäftigter Anwalt. Er will wissen, ob man vielleicht das Handy für Diktate im Auto einsetzen kann, auch mit dem Ziel, die so erfassten Aufnahmen unterwegs via Mobilfunkverbindung ans Sekretariat weiterzuleiten. Wir haben uns einige Produkte unter dieser Leitfrage angesehen.
Zunächst die naheliegende Idee: Mit dem Handy diktieren. Fast alle besseren Geräte haben einen Sprachrekorder eingebaut. Allerdings liegt die Tücke im Detail: Etliche Modelle - selbst teure Nokias - begrenzen die Aufnahmezeit auf wenige Minuten.
Das Handy: Lösung und Problem zugleich
Sodann ist die Frage aufgeworfen, in welchem Datenformat gespeichert wird. Mit exotischen Standards wie AMR (Adaptive Multi-Rate Codec) von Sony Ericsson kann man am PC ohne Konvertierung nichts anfangen. Wird das weitverbreitete Wav-Format aus der Windows-Welt verwendet, sind die Dateien unverhältnismäßig groß, der Versand via Mobilfunk ist damit zeitaufwendig und teuer. Außerdem gibt es derzeit noch kein Handy mit dem gewohnten Schiebeschalter, der für Vieldiktierer ein Muss ist: Aufnahme, Pause und Wiedergabe werden mit einer Daumenbewegung gesteuert.
Nicht zuletzt spricht auch das Handy-Verbot gegen diese Idee. Nach Paragraph 23 der Straßenverkehrsordnung und mehreren aktuellen Entscheidungen ist „dem Fahrzeugführer“ während der Fahrt bereits das In-die-Hand-Nehmen eines zum Telefonieren geeigneten Apparats verboten. Es ist dabei unerheblich, ob man nur auf die Uhr des Handys guckt, den Telefonbuchspeicher ausliest oder diktiert.
Diktieren, speichern und abschicken
Anders sieht es bei der Nutzung einer Freisprechanlage aus. Hier ist uns aber keine technische Möglichkeit bekannt, über diese ein Sprachmemo anzulegen. Es gibt indes ein interessantes Gerät von Philips, den „Telefon Desktop 9850“, ein Kombigerät aus Anrufbeantworter und Diktiergerät. Es benötigt im Büro eine eigene Telefonleitung und -nummer. Ruft man hier an und identifiziert sich mit einem Zahlencode, kann man anschließend sein Diktat aufsprechen. Mit Tastentönen steuert man Aufnahme, Stopp, Rück- und Vorlauf oder Wiedergabe und legt das Ende der Aufnahme sowie ihre Priorität fest. Die Sprache wird im standardisierten DSS-Format aufgezeichnet, das jedes professionelle Diktiersystem nutzt. Das bedeutet: kleine Dateien, hohe Qualität und Kompatibilität zu gängigen Wiedergabe- und Spracherkennungssystemen.
Die mitgelieferte Software lässt sich so programmieren, dass sie nach Diktatende bestimmte Aktionen automatisch ausführt. Diktate mit hoher Priorität werden etwa sofort an ein externes Schreibbüro weitergeleitet, der Rest wird dem internen Service via FTP zugestellt. Anhand von Autorenkürzeln und Stichworten ist klar, was von wem stammt und wie mit der Datei zu verfahren ist. Dazu muss allerdings ein PC angeschlossen sein und laufen. Ist er ausgeschaltet, nimmt der Telefon-Desktop die Diktate nur entgegen und speichert sie auf einer Secure-Digital-Karte. Der Apparat hat indes zwei Nachteile: Er ist recht teuer (1100 Euro), und die Akustik der Aufzeichnungen ist für eine automatische Spracherkennung unzureichend.
Speicherkarten helfen
Also doch das Diktiergerät im Auto einsetzen? Und wie kommen die Aufnahmen dann ins Büro? Eine rundum zufriedenstellende Lösung gibt es nicht. Wir probierten Folgendes: In unserem Referenz-Diktiergerät Philips DPM 9600 ersetzten wir die Secure-Digital-Speicherkarte durch einen Adapter mit Micro-SD-Karte. Also quasi eine Karte in der Karte für weniger als 10 Euro. Nach der Aufzeichnung setzten wir den fingernagelgroßen Micro-SD-Chip ins Handy ein und verschickten die Datei per E-Mail.
Damit das funktioniert, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Der E-Mail-Client auf dem Mobiltelefon muss eingerichtet sein, und man sollte darauf achten, dass man die Speicherkarte des Handys im laufenden Betrieb wechseln darf. Einige Modelle lagern ihre Programme auf der Karte aus und reagieren äußerst allergisch, wenn plötzlich Teile der Software oder sonstige Daten fehlen. Das Ganze ist außerdem eine ziemliche Fummelei. Bei vielen Handys lässt sich die Speicherkarte ohne Öffnen der Akkuabdeckung wechseln, andere verlangen dazu die Entfernung des Kraftspenders.
Der Versand kann teuer werden
Der Versand lohnt sich zudem nur bei vorhandener UMTS-Funkversorgung. Zeichnet man im DSS-Format auf, nimmt eine Minute Sprache rund 100 Kilobyte ein (also eine deutlich stärkere Verdichtung als bei MP3). Nutzt man das qualitativ bessere DSS Pro, braucht man den doppelten Platz. Ein zehnminütiges Diktat im Umfang von einem Megabyte verschickte das Nokia E90 in rund 90 Sekunden. Mit dem Notebook und einer UMTS-Karte wäre es schneller gegangen, bei anderen UMTS-Smartphones kann der Vorgang aber auch deutlich länger dauern. Nicht alle Taschengeräte sind für den Versand größerer Dateien ausgelegt. Man sollte auf die Kosten achten: Ohne Datenoption zum Mobilfunkvertrag kann der Spaß teuer werden. Einige Netzbetreiber verlangen bis zu 30 Euro je Megabyte, der reine Wucher. Prepaid-Anbieter Simyo verlangt für UMTS hingegen nur 24 Cent je Megabyte.
Eine schöne Hilfe beim E-Mail-Versand ist die Philips-Software „Speech Exec Mobile“ für 120 Euro. Sie arbeitet mit Windows-Mobile-Geräten und Blackberrys. Der Adapter für Secure-Digital-Karten gehört bereits zum Lieferumfang, außerdem werden die DSS-Dateien bei Bedarf verschlüsselt. Alles in allem ist jedoch die Übertragung von Diktaten mit mobilen Geräten eine lästige Prozedur. Eine rundum zufriedenstellende Lösung wäre ein Diktiergerät mit UMTS-Mobilfunkeinheit. Das gibt es aber - noch - nicht.
Nebengeräusche vermeiden
Ein weiteres Problem beim Diktieren im Auto stellt sich immer dann, wenn das Diktat nicht vom Sekretariat oder Schreibbüro transkribiert wird, sondern von einem Spracherkenner am PC. Das ist typischerweise Dragon Naturally Speaking. Die amerikanische Software erzielt hervorragende Ergebnisse, wenn ihr DSS-Pro-Dateien vorgesetzt werden. Aber im Auto stören die Nebengeräusche. Wir empfehlen deshalb in jedem Fall ein möglichst leises Auto und ein kleines Aufsteckmikrofon mit Richtcharakteristik. Solches Zubehör gibt es beispielsweise von Olympus oder demnächst von Philips.
Unsere Erfahrung: In einem Wagen der oberen Mittel- oder der Oberklasse gelingen bei Geschwindigkeiten unter 140 km/h Diktate, die sich problemlos von Dragon weiterverarbeiten lassen. Aber auch hier besteht noch Potential für Verbesserungen, etwa eine elektronische Nebengeräuschunterdrückung, wie sie in hochwertigen Handy-Freisprechanlagen zum Einsatz kommt. Das letzte Wort zum Diktieren im Auto ist noch nicht gesprochen. Aber das Ganze ist ungemein praktisch. Wir diktieren schon lange morgens im Auto die Antworten auf E-Mails, die wir zu Hause gelesen haben. Im Büro setzt Dragon die Nachrichten um, so lässt sich die Zeit im Stau halbwegs produktiv nutzen.
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