26.06.2009 · Willkommen im Twitterland: Mehr als 62.000 deutschprachige Nutzer zählt der Mikrobloggingdienst bereits und minütlich werden es mehr. Gerade Prominente sind dem Gezwitscher verfallen. Doch was bewegt die Menschen dazu zu twittern?
Von Stefan HerberEs ist zurzeit der größte Hype im Netz: Twitter. Auch in Deutschland zieht der Microblogging-Dienst seit ein paar Monaten viele Onliner in seinen Bann. In den Medien tauchen Berichte über Twitter regelmäßig auf. Besonders beliebt ist der Dienst bei der männlichen Zielgruppe. Der Anteil der Männer liegt bei rund 74 Prozent. Der Anteil der Frauen dagegen bei nur etwa 26 Prozent. Der durchschnittliche Twitter-Nutzer ist 32 Jahre alt, im Schnitt also älter als die Nutzer sozialer Netzwerke (26 bis 27 Jahre) und laut Statistik haben 78 Prozent der Twitterer Abitur. Das geht aus einer Studie von Thomas Pfeiffer, Moderator der Xing-Microblogging-Gruppe #xmbg, hervor.
Twitter wurde bereits 2006 von Jack Dorsey, Biz Stone und Evan Williams gegründet. Dabei handelte es sich anfangs noch um ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt der Firma Odeo, das das Unternehmen ausschließlich intern nutzte. Später gewann der Dienst sehr schnell an Bekanntheit und wurde im März 2007 mit dem South by Southwest Web Award in der Kategorie „Blogs“ ausgezeichnet. Ganz im Geiste des Dienstes stand auch die Dankesrede von Jack Dorsey: „Wir würden uns gern mit 140 Zeichen oder weniger bedanken. Was wir hiermit getan haben“.
Alle drei bis vier Minuten eine Neuanmeldung
Die von Dorsey erwähnten 140 Zeichen sind das zentrale Kennzeichen des Dienstes: Twitter ist Kommunikation in kürzester Form. Im Web oder mit dem Handy können Kurznachrichten verfasst werden, so genannte Tweets, die dann auf der Seite der „Follower“ - den „Freunden“ des Twitterers - erscheinen. Mikroblogging nennt man diese Art der Kommunikation. Dabei darf die Textlänge von 140 Zeichen nicht überschritten werden. Die Tweets, die man auf Twitter findet, reichen von Belanglosigkeiten und einfachen Statusberichten bis hin zu interessanten Diskussionen und nützlichen Links.
Längst haben auch Unternehmen den Weg ins „Twitterland“ gefunden. Jeder vierte Twitterer ist Unternehmer oder Führungskraft. Jeder zweite Nutzer stammt aus der Medien- oder Marketingbranche. Laut einer Studie der Webevangelisten gab es allein im April dieses Jahres 12.400 Neuanmeldungen, weitere 13.300 im März. Das sind im Schnitt, allein in diesen beiden Monaten, pro Woche 3000, pro Tag 400 und alle drei bis vier Minuten ein neuer Nutzer. Eine Studie von Nielsen zeigt den raschen Wachstum des Dienstes. So soll Twitter im Februar 2009 über sieben Millionen Nutzer gehabt haben, während es im Vorjahreszeitraum noch 475.000 waren.
Nutzer kehren dem Dienst den Rücken
Allerdings zeigt die Studie auch, dass Twitter nur ein kurzweiliges Vergnügen zu sein scheint. Auch wenn der Dienst von Tag zu Tag wächst, springen ebenso rasch die Nutzer wieder ab. Rund 60 Prozent der Twitterer kehren dem Mikrobloggingdienst einen Monat nach Registrierung den Rücken. Andere Social-Media-Dienste, wie etwa das soziale Netzwerk MySpace, erreichten zu einem vergleichbaren Entwicklungsstand eine doppelt so hohe Bindungsrate.
Miriam Meckel, Kommunikationswissenschaftlerin und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität Sankt Gallen, führt den Twitter-Hype auf das „Kommunikationsbedürfnis der Menschen“ zurück. Ein Motiv sei, das Twitter ein bisschen wie eine „Vergewisserungskommunikation“ sei. „Wenn man kleine Geschwister hat und man früher zusammen im Zimmer lag, hat meist der Kleinere immer gefragt 'Schläfst Du schon?'. Das sind so Formen der permanenten Vergewisserung, ob alles in Ordnung ist“. Ein anderes Motiv sei, dass Twitter auch als „Informations- und Nachrichtenmedium spannend, aktuell und unkompliziert ist“, sagt Meckel.
„Eine Momentaufnahme dessen, was die Netzwelt beschäftigt“
„Menschen haben ein großes Mitteilungsbedürfnis. Heute haben sie neue, technische Möglichkeiten, um dieses auszuleben. Mit Twitter können sie das, was sie gerade bewegt, in die Welt hinaus kommunizieren“. Trotzdem glaubt Meckel nicht, dass dadurch eine Veränderung in der gesellschaftlichen Kommunikation entsteht. „Nicht jede neue Technologie bringt zwangsläufig eine Bedrohung oder gravierende Änderung mit sich.“
Interessant an Twitter sei für sie, dass der Dienst „sehr gut die Art und Weise der Kommunikation in der total vernetzten, globalisierten Gesellschaft widerspiegelt.“ Twitter generiere praktisch in jeder Sekunde „eine Art 'digital state of mind' des Netzes, eine Momentaufnahme dessen, was die Netzwelt beschäftigt“, so Meckel. Das wiederum liefert spannende Informationen: „Schaut man zum Beispiel nach den häufigsten Suchbegriffen bei Twitter, sieht man, dass bestimmte Themen die ganze Twitter-Gemeinschaft beschäftigen“. Das können zum Teil „unterhaltungsorientierte und alberne, aber auch sehr spannende und politische Themen sein“.
Twittern im Kampf gegen die Taliban
So twittert seit wenigen Tagen das US-Militär Nachrichten aus Afghanistan über ihren Kampf gegen die Taliban. In einem Tweet vom 1. Juni steht, dass es in der Nacht zu einem Gefecht in der Provinz Paktika gekommen sei und sechs Aufständische getötet wurden. Neben dem Videoportal YouTube und dem sozialen Netzwerk Facebook sei Twitter ein weiterer Kommunikationskanal des amerikanischen Militärs um „extremistischer Propaganda zuvorzukommen“.
Zu Unterhaltungszwecken und vermutlich für die eigene PR twittern auch zunehmend Prominente (siehe Bilderstrecke in diesem Text). Bekanntestes Beispiel dürfte Ashton Kutcher sein, der im April öffentlich wettete, dass er schneller zu einer Million Leser kommen wird als der Nachrichtendienst CNN. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Kutcher rund 900.000 Follower, einzig CNN hatte mehr. Am Ende gewann der Schauspieler die Wette. Heute „folgen“ ihm über zwei Millionen Menschen.
Noch skurriler war dagegen eine Aktion der Evangelischen Kirche: Unter dem Motto „Wir twittern die Bibel“ teilten Theologen das „Buch der Bücher“ in 3900 Abschnitte auf und ließen diese beim Bremer Kirchentag verteilen. Die Besucher haben daraufhin die Bibelteile twitter-typisch auf 140 Zeichen zusammengekürzt. Sinn der Aktion war es, den Menschen die Kirche näher zu bringen. Zur Frankfurter Buchmesse im Oktober sollen dann die Bibel-Tweets als komplettes Buch erscheinen.