29.06.2010 · Facebook hat Ambitionen. Das Unternehmen will nicht nur das dominante soziale Netzwerk sein, sondern eine Plattform für viele andere Entwickler. Die Beziehungen zu diesen Entwicklern sollen nun systematisch ausgebaut werden.
Von Patrick Bernau, LondonFacebook geht auf die Unternehmen zu, die sich mit eigenen Diensten in das soziale Netzwerk integrieren. Vor einigen Wochen unterschrieb das Unternehmen einen Partnerschaftsvertrag mit dem Spieleentwickler Zynga - künftig werde Facebook ähnliche Verträge mit weiteren großen Anwendungsentwicklern schließen, kündigte Facebook-Manager Ethan Beard am Rande eines Entwicklertreffens in London an.
Facebook hat inzwischen nach eigenen Angaben zehn Millionen aktive Nutzer in Deutschland; in aller Welt sind es fast eine halbe Milliarde. Darum präsentieren sich in dem Netzwerk gern auch andere Internetseiten und Programmentwickler auf der Suche nach neuen Nutzern. Facebook erleichtert ihnen das: Entwickler können zum Beispiel Zusatzprogramme (Applications) für Facebook anbieten. Besonders beliebt ist zurzeit das Spiel Farmville. Seitenbetreiber können Facebook-Nutzer auf der eigenen Seite chatten lassen. Oder sie können schlicht eine Schaltfläche auf ihrer Seite einbinden, mit der Leser ihren Facebook-Freunden einzelne Artikel empfehlen können: den sogenannten "Like"-Button, der in Deutschland "Gefällt mir" heißt. Seiten mit diesem "Like"-Button werden seit vergangener Woche auch in die Facebook-interne Suche aufgenommen.
Funktionen gelten als Datenschutzproblem
All diese Funktionen fasst Facebook unter dem Begriff "Plattform" zusammen. Facebook zufolge nutzen eine Million Internetseiten die Plattform, davon 300.000 in Europa. Unter Kritikern gelten diese Funktionen allerdings als Datenschutzproblem, weil Facebook-Applikationen weitreichende Daten über den Nutzer bekommen - und weil Facebook in vielen Fällen erfährt, dass der Nutzer diese Websites besucht hat.
Für Facebook und die Anbieter der Dienste bringen sie dagegen großen Nutzen: Die Anbieter können zusätzliche Facebook-Nutzer für ihre Dienste gewinnen. Facebook bekommt gleichzeitig mehr Dienste und Nachrichten auf seine Seite und macht das Netzwerk attraktiver. Intern werden Facebook-Manager auch daran gemessen, wie aktiv Facebook-Nutzer auf den anderen Seiten der Plattform sind.
Künftig sollten die externen Entwickler in ihren Programmen alle Facebook-Funktionen nutzen können - zum Beispiel die Funktionen rund um lokale Dienste, an denen Facebook gerade arbeitet. "Wir wollen alle neuen Funktionen von Facebook möglichst schnell als Programmschnittstelle zur Verfügung stellen", sagte der Chef des dreißigköpfigen Plattform-Teams, Ethan Beard. "Wir wollen, dass Facebook nicht nur eine Internetseite ist, sondern auch eine Plattform."
Seiten- und Programmentwickler gelten als normale Facebook-Nutzer
Wann diese Funktionen tatsächlich kommen, hängt bisher nur von Facebook ab. Bisher gelten Seiten- und Programmentwickler schlicht als normale Facebook-Nutzer, die eben manchmal zusätzliche Unterstützung brauchen, wenn sie ihre Angebote an Facebook anpassen.
Doch darüber ärgern sich einige Unternehmen - vor allem die, die einen Großteil ihrer Nutzer über Facebook bekommen und die deshalb von dem Netzwerk abhängen. Der große Spieleentwickler Zynga zum Beispiel wurde im vergangenen Jahr ungehalten: Damals begrenzte Facebook die Zahl an Nachrichten, die Entwickler wie Zynga verschicken dürfen, und nahm Zynga so eine Chance, Kontakt zu Nutzern zu bekommen. Nach mehreren Meinungsverschiedenheiten kamen gar Gerüchte auf, Zynga gründe ein eigenes soziales Netzwerk, um von Facebook unabhängiger zu werden.
Kooperation mit dem Zahldienstleister Paypal ausgeweitet
Nun kündigte Ethan Beard an, Facebook werde stärker auf die Nutzer seiner Plattform zugehen. "Im Moment muss jede Zwiesprache über ein seltsames Standard-Interface gehen. Wir merken, dass das vielen Entwicklern nicht reicht." Von jetzt an wolle sich Facebook mit den großen Entwicklern regelmäßig über die Geschäftsstrategie austauschen und klare Regeln für Streitfälle vereinbaren. "Einige Entwickler wären sogar bereit, dafür Geld zu zahlen", sagte Beard. Dafür Geld zu verlangen, plane Facebook aber zumindest derzeit nicht.
Damit die Entwickler auch Geld verdienen können, hat Facebook seine Kooperation mit dem Zahldienstleister Paypal ausgeweitet. Künftig können die Nutzer für Dienstleistungen oder virtuelle Güter nicht nur mit Kreditkarten, sondern auch mit Hilfe des weitverbreiteten Zahlungssystems der Ebay-Tochtergesellschaft Paypal zahlen. Auch Clickandbuy ist als Zahlungsdienstleister bereits auf Facebook aktiv.
Facebook durchsucht jetzt auch das Internet
Facebook konkurriert mit Google nicht nur auf dem Online-Werbemarkt, sondern auch in dessen Kerngeschäft, der Suche. Das soziale Netzwerk streut in seine Suchergebnisse jetzt auch Ergebnisse von den Seiten ein, die per „Like“- Button mit Facebook verbunden sind. Entscheidend für die Plazierung des Suchergebnisses sind dann nicht mehr Algorithmen wie bei Google, die zum Beispiel auf Links beruhen. Statt- dessen entscheiden menschliche Empfehlungen wie das Klicken des „Like“- Buttons, ob ein Inhalt prominent in der Suchmaschine auftaucht. Facebook erhöht mit diesem System den Anreiz für andere Seiten, den „Like“-Button einzusetzen und möglichst prominent zu plazieren, um mehr Nutzer auf ihre Seiten zu locken.
Allerdings kann die Facebook-Suche eine allgemeine Suchmaschine, die alle Seiten umfasst, nicht ersetzen. Auch sind die ersten Ergebnisse noch wenig aussagekräftig. Dennoch könnte dieser Schritt der Einstieg in eine neue Generation der Suche sein, in der die Inhalte nach oben gespült werden, die von den Nutzern als attraktiv bewertet wurden. Sollte sich das Prinzip durchsetzen, werden die Suchmaschinenoptimierer umdenken müssen.
Patrick Bernau Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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