12.06.2009 · Das kleine W995 von Sony Ericsson ist ein Spezialist für zwei Disziplinen: Musik hören und Fotos machen. Beides macht das Gerät sehr gut. Es sieht zudem schick aus, hat ein helles, brillantes Display und ist ein „Slider“.
Von Michael SpehrNein, es ist kein Handy für jedermann, das neue Sony Ericsson W995. Das aktuelle Spitzengerät aus der W- wie Walkman-Reihe sieht schick aus, hat ein helles, brillantes Display mit einer Diagonale von 6,5 Zentimeter, nimmt als „Slider“ mit nach unten ausziehbarer Tastatur wenig Platz in der Hosentasche ein und ist insgesamt gut verarbeitet. Seinem proprietären Betriebssystem sieht man das hohe Alter nicht an oder, um es positiv zu sagen: Es ist ausgereift und zudem sehr schnell. Dazu kommt die nahezu vollständige Ausstattung mit UMTS, Wireless-Lan und GPS-Empfänger, einer 8-Megapixel-Kamera und 8-Gigabyte-Speicherkarte. Also ein neuer Rivale in der Oberklasse?
Die Antwort ist ein klares Jein. Das W995 überzeugt vor allem in zwei Disziplinen: bei der Musikwiedergabe mit tollem Klang, mit der Möglichkeit, einen handelsüblichen Kopfhörer an die 3,5Millimeter-Klinkenbuchse anzuschließen, mit der pfiffigen Wiedergabe-Software inklusive Playlisten-Verwaltung und mit süßen Details wie der Shake-Control, die nach einer Schüttelbewegung zum nächsten Titel springt. Auch das Bluetooth-Profil A2DP für die drahtlose Stereo-Musikübertragung ist dabei, die Musikerkennung Track ID ebenfalls. Der zweite Pluspunkt ist die Kamera. Nicht wegen der für ein Handy hohen Auflösung, sondern weil sie ordentliche Fotos macht. Draußen in heller Umgebung bei Sonnenschein hält das W995 mit einer 100-Euro-Kompaktkamera durchaus mit. Innenaufnahmen leiden indes unter dem schwachen Blitz und zeigen ein deutlich sichtbares Farbrauschen. Viele Schnappschüsse sind zudem verwackelt: Weder lässt sich die Belichtungszeit einstellen noch die ISO-Empfindlichkeit, und mancher Verwackler ist dem sehr fest durchzudrückenden Auslöser geschuldet. Aber insgesamt bietet die Kamera doch mehr als bei vielen anderen Handys.
Auswertung der GPS-Daten scheitert
Spannend ist die Geokodierung der Fotos mit Hilfe des eingebauten GPS-Empfängers: So lässt sich der Standort des Fotografen zum Zeitpunkt der Aufnahme flink auf dem ebenfalls eingebauten Google-Maps zeigen. Da das GPS einige Sekunden bis zur ersten Satellitenortung benötigt, kann es allerdings sein, dass als „Standort“ die Position entsprechend der hilfsweise hinzugezogenen Mobilfunk-Triangulation erscheint. Auf dem Land liegt man also gegebenenfalls ein paar Kilometer daneben. Enttäuschend jedoch: Lädt man geokodierte Fotos des W995 nach Flickr oder Googles Picasa hoch, scheitert dort die Auswertung der GPS-Daten. Dass Sony Ericsson bei einem hochwertigen Kamerahandy nicht das Micro-SD-Speicherformat unterstützt, sondern auf seine wenig verbreiteten Memorysticks setzt, ist ein weiterer Nachteil. Auch verwendet das W995 keine Micro-USB-Buchse für den Kontakt zur Außenwelt oder zum Anschluss des Netzteils.
Das eingebaute GPS ist hinreichend empfindlich und eignet sich auch zur Straßen- oder Fußgängernavigation. Allerdings ist die mitgelieferte Demo-Software von Wayfinder hinsichtlich Darstellung, Komfort und Präzision nicht von gestern, sondern von vorgestern. Ähnlich fällt das Urteil zu allen anderen Programm-Modulen aus: Zwar kann man seine E-Mail mit dem Gerät abrufen, sogar von einem Exchange-Server im Büro, aber man sieht ob der bescheidenen Display-Auflösung von 320 × 200 Pixel nicht einmal den Betreff vollständig. Office-Anhängsel oder PDF-Dateien lassen sich zwar laden, aber nicht ansehen. Ob, wann und wie das Wireless-Lan für den E-Mail-Abruf zum Einsatz kommt, ist nicht zu klären. Der Internet-Browser ist bestenfalls ein Notbehelf. Die Akkulaufzeit beträgt nicht, wie vom Hersteller angegeben, 370 Stunden, sondern im Praxiseinsatz nur 12 bis 14 Stunden. Es bleiben also bei diesem 400-Euro-Gerät allein die beiden Pluspunkte Musikwiedergabe und Kamera.