20.01.2010 · Wer angesichts der Vorstellung des neuen HTC HD2 mit Windows Mobile 6.5 einen knallharten Verriss befürchtet, den können wir beruhigen. Mit exzellenter Verarbeitungsqualität, Vollausstattung und hochwertigem Display kaschiert es viele Mängel von Microsoft.
Von Michael Spehr und Raymond WisemanKein anderes Unternehmen setzt sich derzeit so kritisch mit seinen eigenen Produkten auseinander wie Microsoft: „Wir haben es vergeigt mit Windows Mobile 6.5“, sagte Steve Ballmer während einer Konferenz im September, und dem kann man nur zustimmen. Das neue Microsoft-Betriebssystem für Handys ist weitgehend das alte, kleine Verbesserungen können nicht über gravierende Mängel hinwegtäuschen, etwa den unzureichenden Internet Explorer und die Fummelei mit dem Stift. Wer nun angesichts der Vorstellung des neuen HTC HD2 mit Windows Mobile 6.5 einen knallharten Verriss befürchtet, den können wir beruhigen. Denn der taiwanische Hersteller hat diesem Smartphone für rund 600 Euro eine zusätzliche Bedienungsoberfläche verpasst, die viele Macken von Microsoft ausbügelt und im praktischen Einsatz durchweg begeistert.
Die erste Maßnahme von HTC bestand darin, dem HD2 einen hochwertigen kapazitiven Bildschirm zu verpassen, der nicht nur eine üppige Auflösung von 800 × 480 Pixel bietet, sondern à la iPhone allein mit dem Finger zu bedienen ist. Wie Apples Handy nutzt HTC einen weiteren großen Vorteil einer Technik, die Berührungen durch die Veränderung des elektrischen Feldes misst: Das HD2 beherrscht Multitouch. So lassen sich mit Zweifingergesten viele Bildschirminhalte - beispielsweise Fotos oder Websites - vergrößern oder verkleinern. Damit erhält man ein faszinierendes Bediengefühl, obwohl Microsofts Betriebssystem auf die billigen resistiven Anzeigen ausgerichtet ist, also auf druckempfindliche Displays. Folglich mussten die Entwickler von HTC noch einen Schritt weiter gehen und mit der hauseigenen Oberfläche „Sense“ das gesamte Bediensystem umkrempeln, damit es weitgehend fingerkompatibel wird.
Man blickt ratlos auf eine Excel-Tabelle
Der Umgang mit dem HD 2 ist eine Wucht, man vergisst schnell den Unterbau von Microsoft und freut sich über das Oberflächliche. Nur in den Tiefen der Parameter und Konfigurationen möchte man dann doch manchmal zum Stift greifen, der hier aber nicht funktioniert. Und so blickt man dann ratlos auf eine Excel-Tabelle und weiß nicht, wie man die Spaltenbreite allein mit dem Finger justieren kann. Die tolle Bildschirmtastatur des HD2, die sich in drei Modi umschalten lässt und eine automatische Wortergänzung und Rechtschreibkorrektur bietet, gleicht manches Manko ein wenig aus, aber es bleiben doch gewisse Inkonsistenzen im Detail.
Sense beschränkt sich aber nicht aufs Befingern des Geräts, sondern bringt auch sinnvolle Informationen unter einem Dach zusammen. Da listet etwa der Kontaktmanager nicht nur Adressen, sondern zeigt gleich, wann und wie die letzten Kommunikationen erfolgten. Hierbei lassen sich sogar Facebook-Aktivitäten des Ansprechpartners integrieren, die das HD2 über die eingebaute Facebook-Software bezieht. Zusätzlich gibt es für die Nutzer sozialer Netze Twitter- und Youtube-Programme mit der Möglichkeit, Meldungen, Bilder und Videos direkt im Internet zu veröffentlichen. Damit präsentiert sich das HD2 als multimedialer Kommunikator. Kleine Klippen wiederum: Der Opera-Browser kann keine Flash-Videos abspielen, dafür muss der ungeliebte Internet Explorer bemüht werden, der aber wiederum kein Multitouch beherrscht.
Das Gehäuse fasst randlos das hochwertige Frontglas
HTC ist mit dem HD2 in Sachen Bedienung und Integration ein großer Schritt nach vorn gelungen, und die Hardware unterstreicht diesen positiven Eindruck: Das massive und mit 1,1 Zentimeter ausgesprochen flache Gehäuse fasst randlos das hochwertige Frontglas. In die Scheibe sind unten fünf Tasten für den Direktzugriff auf Menüs und Telefon eingelassen, und die Verarbeitungsqualität ist überragend. Dank der Metalleinfassung knarzt nichts, das HTC ist selbst beim beherzten Zupacken verwindungssteif, und mit dem Akkudeckel aus Aluminium konnten wir während der Klimakatastrophe (minus 25 Grad einige Tage vor Weihnachten) größere Eisblöcke vom zugefrorenen Dach unserer Skihütte abschlagen. Wenn Autohersteller Handys bauen würden, dann käme das HD2 von Audi oder BMW. Oder anders ausgedrückt: Wer mit dem Kauf eines Smartphones liebäugelt, sollte dieses Gerät zumindest einmal in die Hand genommen haben, auch wenn er sich dann für ein schwabbeliges Plastikbrötchen der Konkurrenz entscheidet.
Die Ausstattung mit GPS und einem digitalen Kompass erlauben den Einsatz des HD2 als Navigationsgerät, zum Lieferumgang gehört eine Demo-Software des Copiloten von Hersteller Alk. Ein Lichtsensor sorgt für die Anpassung der Displayhelligkeit, und ein Näherungssensor schaltet wie beim iPhone die Anzeige ab, wenn das Telefon ans Ohr gehalten wird. Und schließlich dreht ein Gyro-Sensor den Inhalt des Bildschirms, wenn das Smartphone vom Hoch- ins Querformat bewegt wird. Das funktioniert aber nicht bei allen Anwendungen und leider nicht bei der Bedienungsoberfläche. Zusätzlich gibt es einen UKW-Radioempfänger sowie eine 5-Megapixel-Kamera mit doppeltem LED-Blitz, deren Objektiv allerdings störend aus dem hinteren Gehäuse herausragt, so dass das HD2 auf ebenen Flächen nicht plan aufliegt. Die Bildqualität ist wie bei allen Smartphones unbefriedigend, stets ist ein Rotstich zu bemängeln.
Der 1-Gigahertz-Prozessor sorgt für ein geradezu aberwitziges Arbeitstempo
Der Akku des HD2 hält nach unseren Erfahrungen selbst bei ausgiebigem Betrieb einen ganzen Arbeitstag durch, bei gemäßigter Nutzung durchaus etwas länger. Der 1-Gigahertz-Prozessor sorgt für ein geradezu aberwitziges Arbeitstempo. Wie zu erwarten, werden nicht nur alle gängigen Mobilfunkstandards unterstützt, sondern auch Wireless-Lan und Bluetooth. Zudem lässt sich das Quadbandhandy als W-Lan-Router für externe Geräte einsetzen, beispielsweise Notebooks. Für den kabelgebundenen Anschluss und das Laden des Geräts sorgt ein Micro-USB-Anschluss an der Unterseite. Daneben gibt es eine 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse für das mitgelieferte Headset oder einen Kopfhörer. Zur Erweiterung des mit 448 Megabyte nicht gerade üppigen Arbeitsspeichers steht ein Micro-SD-Steckplatz zur Verfügung, für den eine 2-Gigabyte-Karte mitgeliefert wird. Das alles findet Platz in einem Gerät, das mit 12,5 × 6,7 Zentimeter gerade noch in Hemdtaschen passt, der HD2 ist also etwas größer und schwerer (157 Gramm) als das iPhone.
Alles in allem ist das HD2 ein großer Wurf. Was Microsoft vergeigt hat, bessert ein kleines Unternehmen so gut nach, dass man mit diesem Windows-Gerät prima leben kann. Der eine von uns hat den HD2 gekauft, der andere wartet noch, bis es ein solches Meisterstück mit Android-Betriebssystem gibt.