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Samsung Galaxy Camera Die Tatsch-und-mail-Kamera

Die einzige Frage, die eine Samsung Galaxy Camera offenlässt, lautet: Warum kann man mit dieser unter Android laufenden Digitalkamera nicht einfach telefonieren?

© Pardey Vergrößern Von von ganz klar: eine Kamera. Tatsächlich aber ein Zwitter, der nach Art von Android bedient sein will

Da schaltet man seine neue sahnig-weiße Kamera ein, und was ploppt auf dem fast fünf Zoll großen, die ganze schwarze Rückfront einnehmenden Monitor hoch? Die launig-besinnliche Weihnachtsbotschaft der Geschäftsleitung mit dem an alle Mitarbeiter gemailten Hinweis darauf, dass die Mayas sich getäuscht hätten: Auf der nicht untergegangenen Welt würden die Krisenzeiten als EnSuite-Aufführung gegeben. Tja, die Samsung Galaxy Camera hat nichts Besseres zu tun, als sich beim Betreten des Büros sofort ins kollegiale W-Lan einzubuchen und bei Google Mail die Post abzuholen.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:  

Gerade noch zeigte die Kamera bei einigen Aufnahmen an der Autobahn in Google Maps die weihnachtlich verkorkste Verkehrslage. Und sie hätte zwischen Fotos und Videoaufnahmen flugs zum nächsten Nürnburger von Uli Hoeneß oder zum Sushi-Roller unseres Vertrauens führen können. Mehr noch: Dieser Zwitter zwischen einer 16-Megapixel-Kamera mit 21fachem Zoomobjektiv (Start bei Kleinbildbrennweite 23mm mit Lichtstärke 1:2,8, endend bei 483mm mit 1:5,9) und einem Smartphone weckt, schickt SMS, verwaltet die beruflichen wie privaten Terminkalender und Kontakte oder spielt mit MP3 auf.

Wie aus der guten alten Zeit

Das unter dem Betriebssystem Android 4.1.1 in der TouchWiz-Gestaltung von Samsung laufende Zwischending könnte aufs Wort gehorchen, wenn man nicht zu faul wäre, es darauf zu trainieren. Sehbehinderten liest es - mit grauenvollen Schnitzern - Bildschirminhalte vor. Mit dieser Kamera könnte ein Blinder Urlaubsfotos machen und sie sofort beispielsweise in Facebook veröffentlichen oder als Mail nach Hause schicken. Die Galaxy Camera ist in der Werbung „Die erste Kamera mit 3G und Android“ - nur sie sich ans Ohr halten und mit ihr telefonieren, das ist trotz Micro-Sim-Karte im Schacht neben der SD-Karte (bis 64 GB) nicht vorgesehen.

22654726 Wie beim Smartphone: Home-Bildschirm © Pardey Bilderstrecke 

Das weiße Sahnestück mit 1,4 GHz Quad-Core-Prozessor - es ist auch in Samsungs „blau“ genanntem Smartphone-Anthrazit zu haben - hat als Kamera außer der Taste, die den Blitz hochschnappen lässt, und dem Auslöser mit der Zoom-Wippe nur noch einen Ein-Aus-Knopf. Den drückt man manches Mal, ohne dass sich genau das tut, was man erwartet. Denn seine Funktionen - unter anderem der Wechsel ins Android-Menü für Stummschaltung und Neustart - werden durch die Länge des Drucks ausgelöst, was eine eher unsichere Sache ist. Außerdem kehrt die Kamera in den Zustand zurück, in dem sie ausgeschaltet wurde. Es kann also sein, dass man flink fotografieren möchte, einschaltet, zunächst aber den Android-Home-Bildschirm gezeigt bekommt, von dem aus die Kamera erst aktiviert werden muss. Hat man jedoch die Kamera als Kamera und nicht als Android-Mobilgerät ausgeschaltet, meldet sie sich in angemessenem Tempo sofort fotografierbereit.

Alles, was sonst zur Bedienung einer Kamera nötig ist, findet man in Gestalt virtueller Bedienungselemente auf dem berührungsempfindlichen Monitor - falls man den Experten-Modus anwählt und nicht einfach darauf vertraut, die Kamera werde schon alles allein richtig machen. Außer dieser Vollautomatik steht auch noch ein Modus „Intelligent“ zur Wahl. Darunter verbergen sich Motivprogramme und Funktionen wie Panoramaaufnehmen. Wenn es etwas zu verstellen gibt, werden einem Einstellringe wie aus der guten alten Zeit gezeigt, an denen sich tatschend drehen lässt.

Nur fast ein Smartphone

Die nahezu vollständige Virtualisierung der Bedienungselemente führt über die Eingewöhnungsphase hinaus ständig zu Fehlbedienungen. Wohl lässt sich die Kamera mühelos einhändig bedienen. Für ihre weiteren Funktionen wie Terminkalender führen oder E-Mails durchsehen gilt das nur, wenn man über einen sehr langen Daumen verfügt. Da das ausgefahrene Objektiv aber recht schwer ist, braucht man mit einer Hand einen kräftigen Gegenhalt für den Daumen - und schwupps, ist man hinten ungewollt auf den Bedienfeldern gelandet. Dass die je nach Betriebszustand wechselnd plaziert werden, der Zurück-Button also mal rechts und dann wieder links sitzt, ist ein zusätzliches Ärgernis. Hier liegt eine nicht sinnvolle 1:1-Übertragung der sich kleinteilig bis zum äußersten Rand des Displays erstreckenden Smartphone-Oberfläche auf die Kamera vor. Die aber wird - und nicht nur wegen ihrer Gehäuseform mit der frontalen, angenehm belederten Vorwölbung - völlig anders gehalten als mit dem Doppel-U-Klammergriff, mit dem Smartphone-Benutzer aus gutem Grund ihr Gerät entlang der Schmalseiten umgreifen.

Die Bildergebnisse der im Internet schon für 430 Euro zu habenden, meist aber um rund 500 Euro gehandelten Kamera sind gut in den Grenzen dessen, was von einem 1/2,3-Zoll-CMOS in BSI-Technik erwartet werden kann. Ganz abgesehen vom beeindruckenden Brennweiten-Spielraum sind die Bilder deutlich besser als die eines Smartphones wie etwa dem Samsung Note. Sowohl in der Schärfe wie bei den Artefakten wird die Qualität von guten Kompaktkameras, die sich schließlich auch vernetzen lassen, klar übertroffen. Für den angestrebten Hauptverwendungszweck, seine Bilder der Netzgemeinde mitzuteilen, ist die Abbildungsleistung des Zwitters jedoch mehr als ausreichend. Und das Herumposten der Schnappschüsse ist tatsächlich so einfach und funktionssicher, wie man es vom Android-Smartphone her gewöhnt ist. Wer mit dessen Bedienung klarkommt, freut sich über eine Kamera, bei der er sich nicht umstellen muss.

Die größte Schwäche der Samsung Galaxy Camera ist, dass sie nur fast ein Smartphone ist. Das bisschen Telefonieren sollte doch auch noch ins Gehäuse passen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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