Es wird immer mehr gelesen, zumindest im Internet. Die jüngere Generation informiert sich nahezu ausschließlich im Netz. Nicht nur auf den Nachrichtenseiten der großen Medien, sondern zunehmend in sozialen Netzwerken, bei Facebook oder Twitter, und in Blogs. Man rezipiert nicht mehr das gesamte Angebot, sondern sucht sich gemäß den eigenen Interessen die passenden Informationshäppchen zusammen. Jeden Tag immer wieder die gleichen Seiten anzusteuern ist indes eine nervenaufreibende Prozedur. Viele Routinetätigkeiten erleichtert ein RSS-Reader. RSS heißt „Really Simple Syndication“ und ist ein seit vielen Jahren bestehendes Internetprotokoll. Man kann es sich wie eine besonders schlanke Variante der gewohnten www-Seiten vorstellen: kein Ballast, kaum Grafiken, kaum Werbung.
Alle wichtigen Internetseiten sind in einer RSS-Variante abrufbar, und man nutzt dazu ein besonderes Leseprogramm, einen RSS-Reader. Diese Software zeigt dann neue Internet-Beiträge - beispielsweise auf den großen Nachrichten-Portalen - wie eine E-Mail-Liste. Ordentlich untereinander sind die aktuellen Themen mit ihrer Schlagzeile aufgeführt. Man muss nicht lange surfen, sondern sieht in diesem „Feed“ sofort die Neuheiten wie die Betreffzeilen der E-Mail. Interessiert das Thema, klickt man auf die Zeile, und schon erscheint entweder ein Artikelvorspann oder das Original aus dem Netz. Das alles sieht so aus, als hätte man das www in seinem Outlook-Postkorb, und im täglichen Umgang funktioniert RSS viel schneller als das Klicken durch bunte Seiten.
Der Google Reader ist eines unserer wichtigsten Arbeitsinstrumente
Als wir hier vor fünf Jahren einige RSS-Systeme vorstellten, gab es mehrere Dutzend interessanter Programme. Mittlerweile ist RSS fest in der Hand von Google. Wer ein Googlemail-Konto hat, findet in der oberen Menüleiste den „Reader“ und kann fortan ein kostenloses System mit viel Komfort und üppiger Ausstattung nutzen. Der Google Reader ist eines unserer wichtigsten Arbeitsinstrumente, und er bietet gegenüber einem eigenständigen PC-Programm viele Vorteile. Zunächst die leichte Bedienung: Um etwa den RSS-Feed von faz.net zu abonnieren, gibt man einfach unter „Abonnement hinzufügen“ die Zeile „faz.net“ ein, und schon sieht man alle aktuellen Nachrichten. Will man nur die Beiträge aus der Rubrik „Computer“ mitverfolgen, wählt man bei geöffnetem Google Reader die Seite www.faz.net/rss, klickt hier auf den Computer-Newsfeed und wählt dann „Add to Google Reader“. Einzelne interessante Artikel lassen sich mit einem Sternchen markieren und später wiederfinden.
Noch besser ist jedoch die Option, die sich mit einem Klick auf „Empfehlen“ auftut: Diese Artikel, die aus unterschiedlichsten Quellen stammen können, fügt Google zu einem eigenen persönlichen RSS-Feed zusammen, den man wiederum mit anderen teilen kann und der sich von allein ständig aktualisiert. Die private Leseliste wird also zu einer Art Mini-Zeitung für Dritte. Was Freunde und Kollegen mit ähnlichen Interessen und Themengebieten im Netz entdeckt und handverlesen ausgewählt haben, kann man auf diese Weise bequem mitverfolgen. Man kann selbst festlegen, wer seine empfohlenen Nachrichten mitlesen darf. Schon gibt es bei Google die Leselisten von prominenten Autoren (google.com/googlereader/powerreaders2), andere Internet-Gurus schicken ihre Reader-Tipps gleich nach Twitter, und wo wir bei diesem Thema sind: Alles Gezwitscher lässt sich ebenfalls als RSS-Feed abonnieren.
Alle Daten werden in der „Wolke“ des Internet vorgehalten
Der zweite große Pluspunkt des Google Reader gegenüber einem PC-Programm liegt darin, dass er unabhängig von Gerät und Standort überall funktioniert. Alle Daten werden in der „Wolke“ des Internet vorgehalten, man kann also ein und denselben Nachrichtenbestand im Büro durchforsten, zu Hause im Arbeitszimmer, abends auf dem Sofa mit dem Notebook und unterwegs in der Bahn mit dem Handy. Egal, was man als gelesen markiert oder empfohlen hat: Alles ist stets aktuell. Angesichts dieser vielen Vorzüge und der unentgeltlichen Bereitstellung durch Google wundert es kaum, dass andere RSS-Systeme einen schweren Stand haben und ähnliche Dienste wie etwa Netvibes (www.netvibes.com) einen ganz anderen Ansatz wählen.
Eines der besten und beliebtesten Windows-RSS-Programme ist der Feed Demon 3.0, der seit Jahren von Nick Bradbury entwickelt wird. Früher ein kommerzielles Programm, wird es nun kostenlos von Newsgator (www.newsgator.com) in englischer Sprache zur Verfügung gestellt. Die Software ist schnell installiert, und schon bei der Inbetriebnahme stößt man abermals auf Google und seinen Reader. Mit ihm kann synchronisiert werden. Dazu muss man seinen Namen und das Kennwort eingeben, schon holt sich der Demon alle Abonnements von Google. Was in Feed Demon gelesen, markiert oder empfohlen wird, ist bei vorhandener Internet-Verbindung sofort im Google Reader aktualisiert. Darüber hinaus lässt sich das Programm ganz unabhängig von Google sowie im Offline-Betrieb einsetzen, praktisch für das Lesen im Flugzeug.
Gezielt einzelne Ordner aus dem Google-Bouquet synchronisieren
Feed Demon bietet zudem einige sehr innovative Funktionen: Neben mehr Flexibilität bei der Darstellung der einzelnen RSS-Feeds die Möglichkeit, „Reports“ zu erstellen, etwa eine Liste der besonders populären Themen innerhalb der eigenen Abonnements oder im gesamten RSS-Netz. Es können gezielt einzelne Ordner aus dem Google-Bouquet synchronisiert werden, und es gibt Filter, die hier „Watch“ heißen und im Alltagseinsatz ein immenser Gewinn sind. Wer zum Beispiel etliche Nachrichtenquellen aus dem Bereich der digitalen Fotografie abonniert hat, sich aber nur für die Marke Nikon interessiert, bekommt hier ein mächtiges Werkzeug an die Hand, um Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Die Darstellung von Twitter-Meldungen gefällt besser als in Googles Reader: So wird etwa eine Kurz-URL mit dem darüberfahrenden Mauszeiger in ihre Langfassung aufgelöst, und man kann auf einen Twitter-Feed flink antworten. Alles in allem lohnt ein Blick auf diese mit Werbung finanzierte Software. Für den Mac bietet Newsgator übrigens den „Net News Wire“ 3.2 an, ein Programm mit sehr schöner Optik, das ebenfalls mit dem Google Reader synchronisiert, nur vermisst man leider die „Empfehlungen“.
Geht es um RSS auf dem Handy oder Smartphone, ist wieder die Dominanz von Google hervorstechend. Früher brachten manche Windows-Geräte eigenständige RSS-Programme mit, und bei Nokia heißt die entsprechende Abteilung Webfeeds. Aber diese Angebote sind so karg und kümmerlich, dass sich ein Blick nur dann lohnt, wenn es allein um den gelegentlichen Einsatz geht. So wundert kaum, dass bei den aktuellen Mobilgeräten der Referenzklasse - derzeit iPhone, HTC Hero mit Android und Palm Pre - wieder der Google Reader in seiner mobilen Variante als das beste und vor allem schnellste RSS-Leseprogramm gilt. Mit der Internet-Adresse m.google.com startet im jeweiligen Web-Browser das Lesevergnügen. In der Standardeinstellung sieht man die Nachrichten nach Aktualität geordnet, kann jedoch mit der Schaltfläche „Feeds“ auf die einzelnen Anbieter umschalten. Es sind alle wichtigen Funktionen des großen Systems implementiert, und selbst mit einer langsamen Internetverbindung bauen sich die Inhalte recht schnell auf.
Auf dem iPhone haben wir Net News Wire von Newsgator ausprobiert
Ist trotzdem eine Alternative gefragt, bietet sich für das Android-Betriebssystem der kostenlose News Rob von Mariano Kamp an, der nur mit dem Google Reader synchronisiert und Markierungen sowie Empfehlungen beherrscht. Die Zahl der jeweils zu ladenden Meldungen lässt sich begrenzen, und es gibt diverse Optionen, sich bei neuen Nachrichten benachrichtigen zu lassen (etwa durch einen Signalton bei neuen Artikeln in bestimmten RSS-Feeds). Auf dem iPhone haben wir Net News Wire von Newsgator ausprobiert, das es unentgeltlich (mit eingeblendeter Werbung) im App Store von Apple gibt oder ebendort für 1,59 Euro (!) ohne Reklame. Es setzt ebenfalls ein Google-Reader-Konto voraus, fügt sich prima in die iPhone-Optik ein und erlaubt es, einzelne Feeds von der Synchronisation auszunehmen. Auf diese Funktion wird der Vielnutzer gern zurückkommen, weil das Programm sehr lange benötigt, bis neue Nachrichten geladen sind, sie werden nämlich im Gerät vorgehalten. Wir haben die Software nach einiger Zeit wieder gelöscht, sie war uns zu langsam. Für den Palm Pre existiert derzeit noch kein eigenständiges RSS-System, allerdings ist der mobile Google Reader so komfortabel und flink wie auf dem iPhone. Interessanterweise arbeitet das Spiegel-Online-Programm aus dem Palm App Store wie ein RSS-Reader, jedoch lassen sich hier natürlich nur die Nachrichten des Hamburger Nachrichtenmagazins abonnieren.
Alles in allem ist die RSS-Welt in den vergangenen Jahren ein Stück ärmer geworden. Die Dominanz von Google hinterlässt ihre Spuren. Gleichwohl gibt es an dem Google Reader mit seiner Fülle von Funktionen nur wenig auszusetzen. Aber es bleibt doch ein gewisses Unbehagen.
google for ever
Klaus-Peter Möhrke (kpmoe)
- 04.11.2009, 11:34 Uhr