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Pro Lasst Wikipedia dort, wo es hingehört!

23.04.2008 ·  Nach knapp 20 Jahren World Wide Web haben Unternehmen noch nicht verstanden, dass das Internet ein autonomes Medium ist. Bertelsmann druckt die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Das Prinzip Hypertext wird vergewaltigt.

Von Marco Dettweiler
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Bertelsmann druckt Wikipedia. Dieses Geschäftsmodell ist das Gegenteil von Innovation. Abermals versucht ein stark gewinnorientierter Medienkonzern mit aller Gewalt Inhalte des neuen Mediums in ein klassisches zu pressen. Das Internet wird vergewaltigt. Es ist der Hypertext, der das Internet zu einem eigenständigen Medium macht. Die Verlage wollen dies einfach nicht akzeptieren. Online-spezifische Auszeichnungsformen wie Links werden ignoriert.

Bertelsmann will „in der komprimierten einbändigen Druckausgabe neue Zielgruppen erschließen, die das Wikipedia-Projekt kennen lernen und an ihm partizipieren.“ Wozu? In Deutschland gelten 63 Prozent als regelmäßige Internet-Nutzer. Die meisten von ihnen werden Wikipedia kennen. Wer von der Online-Enzyklopädie noch nichts weiß, kann sie kostenlos und vollständig nutzen und braucht nicht für 19,95 Euro ein „Wikipedia-Lexikon in einem Band“ als statische Mini-Version zu kaufen.

Weder Fisch noch Fleisch

Klar. Man kann auch in einer gedruckten Enzyklopädie schmökern, von Begriff zu Begriff blättern und Neues entdeckten. Aber ein einbändiges Wikipedia-Lexikon mit Einträgen zu 50.000 Stichwörtern ist weder Fisch noch Fleisch. Das Projekt stinkt nach Ausbeutung einer innovativen Idee der Online-Community, Bertelsmann nutzt dieses Phänomen für seine wirtschaftlichen Zwecke aus, ohne großen Aufwand betreiben zu müssen. Das wird einen Imageschaden für die Marke Wikipedia bedeuten, der nicht notwendig gewesen wäre.

Fleißige Wiki-Schreiberlinge sind Internet-Nerds. Ein Grund für ihre kostenlose publizistische Arbeit war sicherlich, die Idee zu unterstützen, online eine Enzyklopädie zu errichten: kostenlos, dynamisch und frei. Der eine oder andere Wikipedianer dürfte sich verraten fühlen. Außerdem schmeckt Bertelsmanns „Jahresbuch“ wahrscheinlich wie ein verwestes Stück Steak, das zu lange im Kühlschrank gelegen hat. Im Internet ist das Angebot vielfältig und unbeständig, man kann schnell und gut essen. Auch wenn man am nächsten Tag wahrscheinlich nicht mehr das Gleiche bekommt.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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