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Passbook-App Apples versteckter Bezahlsystem-Plan

 ·  Mit der neuen Version des Betriebssystem iOS führte Apple auch die App „Passbook“ ein. Steigt das Unternehmen damit in die Welt des mobilen Bezahlens ein?

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© dapd Vergrößern Scott Forstall präsentierte bei der Vorstellung des iPhone 5 auch die App Passbook

Ein Indiz dafür, wie wichtig Apple seine Neuerungen in aufgemöbelten Betriebssystemversionen selbst einschätzt, ist deren Positionierung in der Werbung. Apples „Passbook“ kommt bei der Vorstellung des vor rund einem Monat eingeführten Betriebssystems iOS 6 erst an fünfter Stelle - hinter der auf dem ersten Platz präsentierten und missglückten Karten-App und selbst noch hinter dem neu in das Betriebssystem integrierten sozialen Netzwerk Facebook.

Apple verkauft sein Passbook so: „Deine Bordkarten, Kinokarten, Coupons, Kundenkarten und mehr gibt’s jetzt alle an einem Ort. Mit Passbook kannst du iPhone oder iPod touch scannen, um für einen Flug einzuchecken, ins Kino zu kommen oder einen Coupon einzulösen.“ Man könne sehen, wann die Coupons ablaufen, wo sich Konzertsitze befinden und wie viel Geld noch auf Guthabenkarten wartet. Zudem erscheinen demnach die Karten zur richtigen Zeit und am richtigen Ort - beispielsweise zur Ankunft am Flughafen oder beim Betreten eines Geschäfts, für das man Geschenkkarten oder Coupons besitzt.

Das alles klingt wenig spektakulär. Einige Fachleute jedoch sprechen Passbook großes Potential zu. „Wenn Apple Passbook zum zentralen mobilen Archiv und Managementsystem für alle mobilen Tickets und Coupons entwickelt haben wird, steht auch dem Payment-Markt eine Schockwelle bevor. Die Zukunft des Mobile Commerce ist jedenfalls um eine strategische Option reicher“, sagt Achim Himmelreich, Partner im Beratungsunternehmen Mücke, Sturm & Company (MS&C). Passbook habe das Potential, den Markt für Coupons und Kundenbindungskarten zu revolutionieren und Gutscheinportale unter Druck zu setzen, glaubt MS&C. Das Marktvolumen für über Passbook abgefertigte Transaktionen prognostizieren die Berater im kommenden Jahr schon auf 12,3 Milliarden Dollar.

Diese Summe dürfte zumindest die schon etablierten Spieler auf dem Markt für Couponing etwas nervös machen: Groupon etwa, das derzeit nur in Amerika schon versucht, vom Schnäppchenportal zum Kundenbindungsmotor für Händler oder Dienstleister zu werden. Mit „Groupon Rewards“ bieten die Amerikaner ein Programm an, um Kunden nicht nur einmal in einen Laden oder ein Restaurant zu holen: Groupon-Nutzer, die dort mit der Kreditkarte zahlen, erhalten von einer gewissen Umsatzhöhe an einen Gutschein, etwa für ein freies Essen. Ebenfalls die Kundenbindung erhöhen will Payback, das in Deutschland seinen Nutzern E-Coupons für unterwegs anbietet. Mit einer Smartphone-App können Nutzer sich in ihrer Umgebung Händler und Dienstleister anzeigen lassen, bei denen sie sich aktuell Payback-Punkte gutschreiben lassen können.

Was Apples Passbook angeht, hält sich das Angebot derzeit freilich noch in Grenzen. In Amerika gehört etwa die Kaffeehauskette Starbucks dazu, in Deutschland die Lufthansa oder das Hotelvermittlungsportal HRS. Doch auch wenn die Partner noch fehlen und Apple seinen neuen Dienst derzeit eher stiefmütterlich bewirbt, glauben die Fachleute sowieso an einen weiter gehenden Plan des Elektronikkonzerns. Eventuell stehe dahinter das Ziel, schrittweise in den Markt für mobile Bezahlsysteme einzusteigen - mit einem technisch relativ einfachen und billigen System.

Schon seit geraumer Zeit erwarten Beobachter, dass Apple sein Telefon mit einem Chip zur „Near Field Communication“ (NFC) ausstattet - also einem System, mit dem sich Daten kontaktlos austauschen lassen und das unter anderem zum mobilen Bezahlen eingesetzt werden kann. Allerdings ist mit dem neuen iPhone5 diese Erwartung abermals nicht erfüllt worden. Ein Grund könnte darin liegen, dass NFC immer noch vor der Marktreife steht und wahrscheinlich noch erhebliche Investitionen benötigt. Die zweidimensionalen QR-Codes, auf die Apple jetzt setzt, sind dagegen schon heute weit verbreitet, prangen auf Werbeplakaten oder auf Zeitschriftenanzeigen.

„Passbook dient dabei der Heranführung der Kunden an mobile Bezahlverfahren und könnte in den nächsten Schritten voraussichtlich zu einer Mobile Wallet mit Bezahlfunktion ausgebaut werden“, heißt es bei MS&C. Im Gegensatz zu Wettbewerbern fokussiert sich Apple nicht nur auf die Digitalisierung des Geldes, sondern kreiere ein Ökosystem zur Digitalisierung aller Bestandteile der Geldbörse jenseits des Geldes. „Diesmal kommt der disruptive Ansatz von Apple subversiv daher“, formulieren die Berater.

Auf jeden Fall versprechen digitale mobile Zahlmöglichkeiten ein dickes Geschäft bereits in absehbarer Zukunft. Nach Einschätzung des Analysehauses Gartner dürfte sich das Volumen mobiler Bezahltransaktionen auf der Welt in diesem Jahr auf 171,5 Milliarden Dollar erhöhen - das sind fast 62 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. 212 Millionen Nutzer sollen in diesem Jahr digital unterwegs ihre Rechnungen zahlen; 2011 waren es erst 160 Millionen. Und das Wachstum wird sich Gartner zufolge ungebrochen fortsetzen: „Wir erwarten für 2016 einen globalen Markt im Volumen von 617 Milliarden Dollar mit 448 Millionen Nutzern“, sagt Gartner-Analystin Sandy Shen.

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