05.05.2006 · Dieses Handy ist nichts für jedermann. Während die Freaks mit zitternden Händen auf das Universaltalent warten, wird der unbedarfte Nutzer an der schieren Fülle der Möglichkeiten verzweifeln. Für die Fans ist das Nokia N80 mehr als ein Mobiltelefon.
Von Michael SpehrDieses Handy ist nichts für jedermann. Während die Freaks mit zitternden Händen auf das Universaltalent warten, wird der unbedarfte Nutzer an der schieren Fülle der Möglichkeiten verzweifeln. Für die Fans ist das Nokia N80 mehr als ein Mobiltelefon. Es ist ein Mini-Computer mit allen nur denkbaren Talenten, von UMTS über Bluetooth bis zu Wireless-Lan. Dank Sip-Protokoll ist es für Internet-Telefonie gerüstet, es beherrscht die E-Mail mit Bravour, sogar das Lesen von Anhängseln aus der Microsoft-Office-Familie. Der "Slider" mit nach oben schiebbarer Front ist zudem mit Maßen von 95 x50 24 Millimeter hosentaschenkompatibel und fällt im Alltagseinsatz auch nicht durch ein erhöhtes Gewicht (135 Gramm) auf.
Daß sich hier ein kleines Wunder präsentiert, zeigt schon ein erster Blick auf die Anzeige: Eine Auflösung von sage und schreibe 352 x 416 Pixel haben die Finnen untergebracht, und das ist vor allem beim Betrachten von Internetseiten oder Fotos ein Gewinn. Daß die rückseitige Kamera mit Carl-Zeiss-Objektiv und drei Megapixel auflöst, hört sich ebenfalls gut an, und die vielen Funktionen - von der Bildbearbeitung über Blogging, Videotelefonie, MP3-Player und Radio - sind beeindruckend. Daß sich das Gerät via W-Lan mit anderen Partnern aus der Unterhaltungselektronik verbindet, etwa mit Druckern, Fernsehapparaten oder Soundsystemen ist innovativ. Es gibt einen Heute-Bildschirm wie bei Pocket-PCs, der auf einen Blick die aktuellen Einträge im Terminkalender zeigt und eine Sprachwahl für alle Kontakte im Telefonbuch ohne vorheriges Training.
Hohe Suchtgefahr
Mit dem N80 kann man sich stundenlang beschäftigen, es ist ein kleines Meisterstück mit hoher Suchtgefahr. Bei aller Begeisterung gibt es jedoch auch klare Grenzen: Das Handy zeigt in die Zukunft, aber es hat Probleme mit der Gegenwart. Da ist zunächst Wireless-Lan, stets eingeschaltet, aber schwer zu konfigurieren (wir mußten den 26stelligen Zugangsschlüssel zu unserem Router insgesamt viermal eingeben), ein Stromfresser und trotzdem mit eher geringer Reichweite. Wenn es funktioniert, ist es wunderbar, ein Turbo für das Betrachten von Internetseiten und Laden von E-Mails. Schneller und günstiger denn je lassen sich Seiten und Inhalte ins Gerät holen, eine tolle Sache.
Daß der Internet-Browser dank der hohen Display-Auflösung WWW-Inhalte mit Bravour anzeigt, beeindruckt. Man kann also "ganz normale" Seiten mit dem Handy lesen. Dazu kommt eine Zurück-Funktion mit Übersichtsdarstellung und eine Lupe, beides sehr gelungen. Das N80 beherrscht ferner RSS-Feeds, also die Anzeige der Nachrichtenticker und Blogs aus dem Internet, aufbereitet wie eine E-Mail. Das ist schlichtweg genial für den Einsatz unterwegs. Nach kurzen Ladezeiten tauchen die Schlagzeilen der gewählten Nachrichtenportale oder Blogs auf, flink lassen sich die Texte ohne WWW-Schnickschnack drumherum lesen, eine schöne Sache für den Pendler in der Straßenbahn. Aber viele Seiten sind nun mit dem Browser gar nicht mehr darstellbar, insbesondere klassische Wap-Auftritte, die für den Zugang mit Kleingeräten optimiert sind. "Inhalt nicht unterstützt" kommt dann, und manche Seiten geben die Fehlermeldung aus, daß man dabei sei, mit einem WWW-Browser auf Wap-Inhalte zuzugreifen. Bei anderen kommt es zu Abstürzen, mal des Browsers, mal des gesamten Telefons. Ärgerlich zudem: die fest vorgegebenen Nokia-Leszeichen und -Ordner lassen sich nicht löschen.
PC Suite schwer zu installieren
Auch mit der mitgelieferten PC Suite in der Version 6.70 hatten wir unsere liebe Mühe. Zunächst ließ sie sich nicht installieren, weil sich störende Reste der Vorgängerversion auf der Festplatte befanden. Man braucht einen eigenen PC-Suite-Cleaner von Nokia um das zu tun, was bei ordentlich programmierter Windows-Software selbstverständlich wäre: sich restlos bei der Deinstallation zu entfernen. Wenn die PC Suite endlich läuft, ist sie großartig, noch nie war der Zugriff auf Bilder, Musik, SMS und Kontaktdaten so einfach und schnell, wahlweise via Kabel, Bluetooth oder Infrarot.
Das N80 läuft mit dem neuen Betriebssystem Symbian 9.1, Serie 60 in der dritten Version, und hier gibt es ebenfalls Anlaß zur Kritik. Es ist nicht kompatibel zu älterer Software, und wer zusätzliche Programme für die Serie 60 erworben hat, schaut in die Röhre. Und es ist langsam, quälende Sekunden vergehen, bis eine neu eingegangene SMS angezeigt wird, vom ewig langen Einschaltvorgang gar nicht zu reden. 32 Megabyte Speicher werden durch eine mitgelieferte Mini-SD-Karte (128 Megabyte) ergänzt, die man im laufenden Betrieb wechseln kann.
Schlechte Kamera, katastrophaler Akku
Genug Platz also für Fotos und Musik, aber die Kamera hat ebenfalls ihre Tücken. Drei Megapixel sagen eben nichts über die Qualität der Fotos, und die ist nicht gut. Außenaufnahmen gelingen deutlich besser als Fotos innen, die Bilder sind oft unscharf (es fehlt ein Autofokus), rotstichig und geradezu aufgedunsen. Da entschädigt auch nicht, daß alle nur denkbare Software zur Bildbearbeitung beiliegt.
Als Katastrophe muß man schließlich das Haushalten mit der verfügbaren Akku-Leistung bezeichnen. Wie in den Anfangstagen des Mobilfunks hält er bei mittelmäßiger Nutzung nur 15 bis 20 Stunden durch. Das Kleine muß also jeden Abend ans Netzteil, und da ärgert man sich zudem, daß Nokia nun einen neuen Stecker nutzt. Alles in allem sollte man die Finnen indes loben. Von der Idee her ist das N80 ein Meilenstein. Nur hapert es noch an den Details, vorerst ist es kein Gerät für jedermann.
Telefon?
Peter Milka (McDuff)
- 11.05.2006, 08:57 Uhr
Natürlich nicht jedermanns Sache ...
Stefan Kleinehakenkamp (skleinehakenkamp)
- 29.05.2006, 11:41 Uhr