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Nokia E90 Neues Flaggschiff für Manager

26.08.2007 ·  Der Communicator E90 ist Nokias lang erwartetes neues Flaggschiff. Es kann alles, sogar navigieren. Aufgrund etlicher Mängel im Detail, bleiben aber viele Wünsche offen. Wir hatten mehr erwartet.

Von Michael Spehr
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Nokia hat ein neues Flaggschiff bei den Communicatoren, also den Mobiltelefonen für den Manager mit höchsten Ansprüchen. Wir haben das E90 seit einigen Wochen im täglichen Einsatz, überall wurde es überschwänglich gelobt. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Schon mit dem Namen deutet sich die wichtigste Änderung an: Das Gerät fügt sich in die E-Reihe von Nokia ein, verzichtet auf ein eigenes Communicator-Betriebssystem und nutzt Symbian 9.2 S60 3.1. Menüs und Bedienung gleichen also allen anderen Oberklassemodellen von Nokia. Zugespitzt: Das E90 ist in Sachen Ausstattung, Arbeitstempo und Speicher ein N95 mit zweitem Display und Zusatztastatur.

Natürlich hat man die bewährte Communicator-Bauform beibehalten. Der Neuling misst 13,2×5,7×2 Zentimeter und ist damit etwas kleiner als der Vorgänger 9500 und etwas größer als der 9300. Das hohe Gewicht von 210 Gramm ist nicht zuletzt der massiven Metalleinfassung geschuldet, die äußerst robust wirkt. Auch die Befestigung der oberen Gehäusehälfte ist deutlich stabiler als bei den Vorgängern. Zwei Scharniere halten das Display in nahezu jedem Winkel, Einrastpunkte sind bei 90 und bei 180 Grad. Man kann also das E90 ganz flach aufklappen wie den 9300. Steht die Anzeige zwischen 90 und 180 Grad, liegt der Apparat leider nicht plan auf dem Tisch. Bei einigen Geräten drückt die Tastatur aufs Display und hinterlässt dort Spuren.

Komfortables Surfen

Den Communicator öffnen und als Mini-Notebook mit dem großen Innendisplay einsetzen: Das ist einer der wichtigsten Gründe, gerade dieses Modell zu kaufen. Sonst könnte man auch ein E61 oder den Blackberry nehmen. So haben wir uns länger mit der Tastatur beschäftigt. Die Tastenkappen gehen nahtlos ineinander über, die einzelnen Tasten sind etwas größer als beim E61, und an den sehr kurzen Hub muss man sich gewöhnen. Die Idee, mit zehn Fingern zügig zu schreiben, kann man getrost vergessen. Wir waren mit zwei Fingern auf dem E90 geringfügig flinker als auf dem E61, längere Eingaben sind auf beiden eine Qual. Zudem ärgert man sich über die unpräzise 4-Wege-Wippe, mit deren Hilfe man den Cursor steuert. Und dabei berührt man oft ungewollt die darüber liegende Menütaste. Kurzum: Als Mini-Notebook zur Texterfassung ist das E90 nur eine Notlösung.

Aber man will ja unterwegs häufig nur Daten abrufen. Und dann zeigt das E90 endlich seine Vorzüge. Das Innendisplay setzt mit einer Auflösung von 800×352 Pixel neue Maßstäbe bei einem mobilen Kleingerät. Da kann man ganze Internetseiten ohne Hin- und Herrollen betrachten, der Seitenaufbau geht sehr schnell, und es lässt sich so arbeiten wie am PC zu Hause. Bei Ebay beobachten oder bieten ist kein Problem, Online-Banking klappt ebenfalls. Wenn etwas nicht funktioniert, liegt es meist daran, dass der Seitenbetreiber das Nokia als Handy identifiziert und die Inhalte reduziert. Die Tastenkürzel für den Zoom sind allerdings unglücklich gewählt und nur mit Hilfe der Shift-Taste aufrufbar.

Voip aber kein Fax

Dank Wireless-Lan, UMTS und HSDPA ist man immer schnell ans Netz angebunden, und natürlich kommt auch die Business-Funktionalität nicht zu kurz. In Sachen E-Mail bietet das E90 das volle Programm der Ausstattung und Möglichkeiten. Es gibt neben den üblichen Standards auch spezielle Synchronisationssoftware wie Mail for Exchange oder die Blackberry-Dienste. Office-Dateien lassen sich betrachten und bearbeiten, wobei das derzeit mitgelieferte Quick Office veraltet ist und einige Macken bei sehr großen Dateien zeigt. Das E90 telefoniert auch via Sip-Protokoll mit Voice oder IP (Internettelefonie), und es verbindet sich in Unternehmen mit Voip-Anlagen von Cisco und anderen Herstellern. Eine Faxfunktion fehlt, dafür ist jetzt wieder ein (sehr kräftiger) Vibrationsalarm vorhanden.

Eine zweite Raffinesse ist das ebenfalls farbige Außendisplay. Es löst mit 240× 320 Pixel auf, und hier sind nun alle Funktionen des E90 ebenfalls aufrufbar. Wer in der Bahn oder Straßenbahn steht, kann mit einer Hand die neue E-Mail abrufen oder RSS-Feeds aus dem Internet lesen. Mit dem Auf- oder Zuklappen wird blitzschnell auf das jeweils andere Display umgeschaltet.

Manches umständlich und unkomfortabel

Hinsichtlich der Ausstattung ist dieses 800-Euro-Gerät so gut wie vollständig. Wir müssen hier nicht alle Details aufzählen. Was im praktischen Einsatz stört, sind etliche Lieblosigkeiten. Man hat eben nur das aktuelle Symbian-Betriebssystem in ein neues Gehäuse gepackt und darüber etliche Details vergessen. Dass etwa die Sprachwahl nur für eine Rufnummer je Kontakt funktioniert. Jedes halb so teure Windows-Gerät fragt im Zweifelsfall, ob das Handy, der Festnetzanschluss zu Hause oder die Büronummer gewählt werden soll. Dass nun die Datenübertragung zum PC mit einer standardisierten Mini-USB-Buchse erfolgt, ist erfreulich. Leider wird darüber der Akku, der rund anderthalb Tage hält, nicht geladen. Man braucht also noch immer ein separates Ladegerät.

Der eingebaute GPS-Empfänger ist so mittelmäßig wie der im Nokia N95. Mal kommt die Standortbestimmung schon nach einer Minute, häufig lässt sich das E90 aber drei Minuten und länger Zeit. Das Protokoll für Gespräche und Daten bietet nun Möglichkeiten der Bearbeitung, ist aber auf 30 Tage beschränkt. Bei den alten Communicatoren konnte man länger zurückblicken. Dass die Suche eines Kontakts über den Firmennamen umständlich und zeitraubend vonstatten geht, passt einfach nicht zu einem Apparat für Geschäftskunden, auch nicht das unkomfortable Hin- und Herschalten zwischen der W-Lan-Nutzung zu Hause und im Büro einerseits und dem Mobilfunknetz andererseits. Ebenso ist die neue Notiz-Funktion zu kritisieren, sie erlaubt nämlich keine Synchronisation mit Outlook (die alten Notizen gibt es nach wie vor im Menü „Office“).

Viele Wünsche offen

Die eingebaute 3,2-Megapixel-Kamera hätte man sich unseres Erachtens schenken können. Die Bildqualität ist selbst draußen nur mittelmäßig, und der Autofokus braucht kleine Ewigkeiten, bis er das Motiv erkannt hat. Auslösen ist mit der unpräzisen Kamera-Taste ohnehin ein Abenteuer für sich. Tastaturkürzel für häufig aufgerufene Funktionen sucht man vergebens, Standard-Tastenbelegungen wie STRG-A, C, V und X arbeiten nicht überall.

Jede Profi-Spiegelreflexkamera lässt sich bis in kleinste Detail am PC individualisieren. Mit dem E90 hingegen bleiben viele Wünsche offen. Wir wollen hier nicht behaupten, dass wir mit dem E90 unzufrieden wären, und das Lob der Fachkollegen ist durchaus berechtigt. Aber angesichts der langen Entwicklungszeit hatten wir uns mehr versprochen.

Quelle: F.A.Z., 21.08.2007, Nr. 193 / Seite T2
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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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