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Nokia E75 Ist das wirklich Nokias beste E-Mail-Maschine?

12.05.2009 ·  Was kann das Neue besser, wo liegen seine Vorzüge? Nokia bringt den Nachfolger zum hochgelobten E71. Entsprechend groß sind die Erwartungen an ein Top-Handy für Geschäftskunden, das von Nokia vor allem als E-Mail-Maschine beworben wird.

Von Michael Spehr
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Das Nokia-Handy E71 hatten wir im Sommer vergangenen Jahres als „derzeit bestes Symbian-Gerät“ bezeichnet, und nun ist sein Nachfolger E75 für 450 Euro im Handel. So sind die Erwartungen an ein Top-Handy für Geschäftskunden, das von Nokia vor allem als E-Mail-Maschine beworben wird, hoch. Was kann das Neue besser, wo liegen seine Vorzüge? An erster Stelle fällt die pfiffige Bauform auf. Wie beim Xperia von Sony Ericsson und manchen Windows-Mobile-Geräten ist eine Mini-Tastatur im Qwertz-Layout zur Seite ausschiebbar.

Im laufenden Einsatz kaum größer als ein Standard-Handy (12 x 5 x 1,5 Zentimeter, nur etwas schwerer: 140 Gramm), fällt die Eingabehilfe kaum auf. Wer genau hinsieht, entdeckt freilich den 1–2 Millimeter kleinen Spalt zwischen Ober- und Unterseite. Die Mechanik gefällt, die Metalleinfassung wirkt robust. Auf der Zweittastatur wird man zwar keine Romane schreiben, aber man kommt flink zur Sache. Nur schade, dass sich die Oberseite mitsamt Display nicht schräg zum Betrachter aufstellen lässt, das wäre ein schönes Extra gewesen.

Die rote Hörertaste hat etliche Jobs gleichzeitig am Hals

Die Bedienelemente der Oberseite wirken etwas weniger hochwertig und reichen nicht an die des E71 (oder E51) heran. Hier gibt es auch weitere Minuspunkte: Die vier Tasten rund um die Vierwegewippe sind nun doppelt belegt, beim E51 und E71 spendierte Nokia eigene Tasten für wichtige Funktionen. Die rote Hörertaste hat sogar etliche Jobs gleichzeitig am Hals, und das geht nicht gut: Sie ist die Ein- und Ausschalttaste, beendet Gespräche, führt ins Nachrichtenmenü, dient zum Umschalten der Situationsprofile (die gewohnte Taste am oberen Gehäuserand fehlt), aktiviert die Tastensperre und ist der Befehl zum sofortigen Verlassen eines Untermenüs.

Mit diesen vielen Aufgaben ist nicht nur sie, sondern auch der Benutzer häufig überfordert: wir haben immer wieder versehentlich das Gerät ausgeschaltet. Zwei kleine Besonderheiten der Hardware sind erwähnenswert: Erstmals kann man ein Nokia auch mit dem Micro-USB-Kabel laden (aber das Ladegerät kommt trotzdem mit Klinkenstecker), und für die Musikwiedergabe ist eine 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse vorhanden.

Etliche Fehler älterer Nokias wurden nicht behoben

Das E75 mit der Software des E71 würde uns gefallen. Aber da kommt einem unversehens der Fortschritt entgegen, und wir treten lieber einen Schritt zurück. Der Nachfolger hat nun das Betriebssystem Symbian S60 V3 mit dem „Feature Pack 2“, das zwar einige Vorzüge mitbringt: Profile lassen sich zeitgesteuert deaktivieren, die Sprachwahl wurde erweitert, und für den Internetzugang gibt es mit den Zugangspunktgruppen eine bessere Verwaltung unterschiedlicher Wege ins Netz.

Etliche Fehler älterer Nokias wurden jedoch nicht behoben, etwa die falschen Symbole in der Anrufliste, die Unzulänglichkeiten des Kalenders (Ganztagesereignisse sind schon morgens nicht mehr im Heute-Bildschirm zu sehen) und vieles andere mehr, wir haben diese Punkte schon öfter aufgezählt.

Das Betriebssystem ist bisweilen minutenlang blockiert

Weitere Nachteile der neuen Software wiegen schwer. Mindestens zwei Mal am Tag stürzte uns das E75 ab. Der eingebaute Gerätespeicher (50 Megabyte, weniger als halb so viel wie beim E71 mit 110 Megabyte) lief regelmäßig voll, obwohl die E-Mails auf der 4-Gigabyte-Speicherkarte gesichert waren und wir nur wenige Fotos und keine Musikdateien gespeichert hatten: ominöse „sonstige Dateien“ blockierten den Platz. Die geräteübergreifende Suche funktioniert nicht bei E-Mails, das Betriebssystem ist bisweilen minutenlang blockiert und reagiert nur träge (oder gar nicht) auf Eingaben. Ein Firmware-Update mit zuverlässigerer Software ist dringend angesagt.

Geradezu kurios fanden wir, dass die im Handbuch und in der Nokia-Werbung versprochene Internettelefonie nach dem Sip-Protokoll sich zwar einrichten lässt. Sind die dafür erforderlichen rund 20 verschiedenen Parameter mühselig erfasst, stellt man verdutzt fest, dass die im Handbuch beschriebene Verfahrensweise zur Aktivierung der Internettelefonie und damit der letzte unabdingbare Schritt für „Voip“-Telefonate fehlt. Das kommt einem irgendwie bekannt vor: Auch die Chat-Funktion ist bei Nokia seit Jahr und Tag nutzlos, potemkinsche Funktionen also, und davon hat das E75 noch eine ganze Reihe weiterer.

Im täglichen Einsatz überzeugt Messaging nicht

Die zweite große Neuerung ist Nokia Messaging, ein Programm, das es bereits länger für andere Handys der Finnen gibt, hier aber erstmals den simplen und älteren E-Mail-Client vollständig ersetzt und Mail for Exchange integriert. Messaging soll irgendwann ein kostenpflichtiger Dienst werden (eine kuriose Idee), seine Pluspunkte liegen auf der Hand: Die Einrichtung von E-Mail-Konten mit einem Assistenten ist überaus einfach, und im Push-Verfahren werden neue Nachrichten à la Blackberry automatisch aufs Gerät zugestellt. Allerdings muss dazu das Kennwort des Postfachs bei Nokia gespeichert werden. Bei Unternehmens-Konten mit Exchange bietet Nokia nun im Unterschied zum alten Mail for Exchange den Zugriff auf sämtliche Unterordner und neue Funktionen wie etwa die Möglichkeit, eine Nachricht am Handy als ungelesen zu markieren.

Das alles hört sich gut an. Aber im täglichen Einsatz überzeugt Messaging nicht. Es ist vor allem viel zu langsam. Beim Öffnen einer bereits abgerufenen Nachricht vergehen bis zu 10 Sekunden. Ebenso lange dauert es, bis das System zur Eingabe einer Antwort parat steht. Das Blättern durch die Liste neuer Post erfordert Geduld, die Suchfunktion arbeitet nicht zuverlässig, und vor allem: Angesichts der geringen Display-Auflösung von 240 x 320 Pixel sieht man viel zu wenig, nur drei bis zehn neue Nachrichten untereinander, bei einem Windows-Gerät sind es mehr als 20. Sich angehängte PDF-Dateien mit dem alten Acrobat 1.5 anzusehen ist eine Qual, und Office-2007-Dokumente werden gar nicht angezeigt.

Trotz Potential fehlt der Feinschliff

An den Komfort und die Geschwindigkeit von Windows, Blackberry oder eines iPhone kommt Nokia mit dem E65 nicht ansatzweise heran, und das alte E71 ist dem Newcomer haushoch überlegen. Ein zweiter Malus ist die Zugangspunktverwaltung. Was fürs Internet jetzt geht, klappt nicht mit Mail for Exchange: die wechselseitige Nutzung von Wireless-Lan und Mobilfunknetz. Da der rettende Helfer Smartconnect auf dem E75 nicht läuft, steht man sich sogar schlechter als mit dem Vorgänger. Wenn das die „beste E-Mail-Maschine“ ist, „die Nokia bislang gebaut hat“ (so die Ankündigung auf dem Mobile World Congress in Barcelona), freuen sich die Mitwerber.

Abschließend ein kurzer Blick auf die Ausstattung, die als nahezu vollständig gelten darf. UMTS und HSDPA sollen Datenraten bis 3,6 MBit/s liefern, der eingebaute GPS-Empfänger ist sehr empfindlich. Der Internet-Browser wurde nicht verbessert, angesichts der geringen Display-Auflösung bleibt er ein Notbehelf. Der Akku des E75 hat eine geringere Kapazität als der des Vorgängers und kommt mit seinen 1000 Milliamperestunden rund anderthalb Tage weit, und die 3,2-Megapixel-Kamera ist ebenso unzureichend wie die des E71. Alles in allem meinen wir, dass das Gerät zwar ein gewisses Potential hat, aber noch viel Feinschliff benötigt.

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