Home
http://www.faz.net/-gyc-qw3b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nokia 5800 Xpress Music Nun setzt auch Nokia auf Berührung

15.01.2009 ·  Mit dem ersten Touchscreen 5800 Xpress Music von Nokia kommt auch ein neues Betriebssystem. Mit dem Safari-Browser von Apple konnte bislang kein anderes Produkt mithalten. Ist das neue Nokia eine Alternative zum iPhone?

Von Michael Spehr
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)

Die Entwickler von Apple können zufrieden sein. Nicht nur, dass sich das iPhone gut verkauft. Sondern auch, weil alle anderen Hersteller ihnen folgen. Das Handy mit großem Touchscreen ist jetzt modern, obwohl der berührungsempfindliche Bildschirm nicht per se ein Pluspunkt ist: Das Schreiben von SMS oder kurzen E-Mails auf einer virtuellen Tastatur ist mühseliger und langwieriger als mit realen Tasten, und wenn man einen Stift einsetzen muss (das iPhone kommt zum Glück ohne ihn aus), ist die Bedienung mit einer Hand kaum möglich.

Die Vorzüge einer großen Anzeige offenbaren sich hingegen bei der Darstellung von WWW-Seiten: Je höher die Auflösung, desto mehr sieht man. Allerdings kommt es auch auf die Software an. Mit dem Safari-Browser von Apple kann bislang kein anderes Produkt mithalten, und dazu kommt beim iPhone die patentierte Gestensteuerung, deren Logik und Eingängigkeit einzigartig sind. So hat die Konkurrenz ihre liebe Mühe.

Hier kommt ein Stift zum Einsatz

Nun stellt Nokia sein erstes Handy mit Touchscreen vor, und es wundert angesichts der sehr hoch liegenden Messlatte kaum, dass die Finnen nicht im Business-Bereich vorpreschen, sondern mit einem Freizeithandy, das sich überwiegend an jüngere Leute richtet. Das 5800 Xpress Music für rund 350 Euro orientiert sich an der Multimedia-Gemeinde, seine Verarbeitungsqualität ist so bescheiden, dass wir es nur unter dem Gesichtspunkt des neuen Betriebssystems Symbian S60 in der „5th Edition“ für berührungsempfindliche Bildschirme angesehen haben.

Zunächst fällt auf, dass Nokia kein kapazitives, sondern ein resistives Display verwendet. Ersteres beim iPhone nutzt Kondensatortechnik und erkennt Fingerberührungen anhand elektrischer Felder. Das resistive Display reagiert indes auf leichten Druck, hier kommt also zwangsläufig ein Stift zum Einsatz, und Nokia spendiert dem 5800 zudem eine Rückmeldung durch kurzes Rütteln des Motors für den Vibrationsalarm.

Höhere Auflösung als das iPhone

Das Display löst mit 640 × 360 Pixel auf, bietet also mehr als das iPhone mit 480 × 320 Bildpunkten. Wie beim Vorbild ist ein Lagesensor eingebaut, der die Anzeige automatisch dreht. Während das iPhone mit einer einzigen Taste auskommt, bringt das 5800 nicht nur drei auf der Vorderseite, sondern auch Seitentasten, einen Schieber zum Lösen der Verriegelung (ein sehr nerviges Detail) und die obligate Einschalttaste oben (auch zur Profilumschaltung) mit. Das Hauptmenü entspricht bis auf kleinere Änderungen dem gewohnten Symbian S60 in der dritten Baureihe, nur dass man sich jetzt nicht mit dem Cursor zu einzelnen Menüeinträgen bewegt, sondern direkt auf das Symbol tippt.

Das ist manchmal schneller, häufig aber auch nicht. Viele Dinge lassen sich mit einem Fingerdruck erledigen, aber nicht alle. Um beispielsweise in der Kontaktliste nach unten zu blättern, kommt man gegebenenfalls mit einem spitzen Fingernagel zum Ziel – oder greift dann doch wieder schimpfend zum Plastikgriffel. Bei solchen Aktionen springt der Lagesensor oft irrtümlich an, und der Bildschirm verdunkelt sich dabei für einen Moment. Das alles ist noch sehr unausgereift.

Schwachpunkte des alten Symbian-Systems wurden nicht verbessert

Zum Schreiben von SMS oder E-Mail bietet das Nokia mehr als das iPhone mit seiner virtuellen Tastatur. Hier kommen eine ordentlich funktionierende Handschrifterkennung (man schreibt einzelne Buchstaben in einem Eingabefeld mit dem Stift) und wahlweise eine kleine oder große virtuelle Qwertz-Tastatur zum Einsatz. Letztere ist halbwegs mit dem Finger bedienbar, es fehlt jedoch eine Wortergänzung wie bei Windows-Taschencomputern. Viele alte Symbian-Programme laufen auch mit der neuen Edition, einige meckern bei der Installation, arbeiten dann aber doch. Der Heute-Bildschirm, den man am häufigsten sieht, lässt sich auf zweierlei Weise bestücken: entweder mit Einträgen aus dem Adressbuch oder mit bis zu vier Schnellzugriffen für unterschiedliche Programme. Eine Anzeige neuer E-Mail auf dem Startbildschirm ist nicht vorgesehen: ein eklatanter Mangel.

Bemerkenswert ist, dass Nokia etliche Schwachpunkte des alten Symbian-Systems nicht verbessert hat. So taucht in den Anruflisten nach wie vor nur ein Handy-Symbol neben dem Namen auf, auch wenn das Gespräch zum Festnetzanschluss geführt wurde. Das Gerät lässt sich nicht via USB-Kabel laden, das eingebaute Chat-Programm funktioniert nicht. Die vom Sprecher unabhängige Sprachwahl ist ferner auf nur einen Kontakttyp beschränkt. Fest programmierte Ordner sowie Lesezeichen für Nokia-Seiten im Internet, die teils gar nicht vorhanden sind, sind weitere bekannte Ärgernisse. Auf die rechtlich bedenkliche SMS-Zwangsregistrierung kommen wir in einem weiteren Artikel noch zurück.

Ist das neue Nokia eine Alternative zum iPhone?

Doch nun zur spannendsten Frage: Wie gut ist der Browser? Ist das neue Nokia eine Alternative zum iPhone? Das Gebotene ist im Großen und Ganzen ordentlich, man sieht viel, der Seitenaufbau ist schnell, und das Programm kommt mit komplizierten Auftritten zurecht. Insofern ist der neue Browser ein Fortschritt. Aber er reicht nicht an die mühelose und intuitive Handhabung von Safari auf dem iPhone heran: Man muss viel mit Stift, Zoom und Vollbildmodus arbeiten, wo bei Apple eine einzige Fingerbewegung ausreicht. Für bequemes abendliches Sofa-Surfen ist das iPhone deutlich besser geeignet. Es verzichtet außerdem auf die Gängelung durch Zwangs-Lesezeichen.

Beim E-Mail-System zahlt sich die höhere Bildschirmauflösung des Nokia ebenfalls nicht aus. Im Posteingang sieht man nur acht Nachrichten untereinander, der Betreff ist rechts abgeschnitten. Auf dem iPhone sind es neun in zweizeiliger Darstellung, auf manchem Windows-Mobile-Gerät sogar mehr als 20. Alles in allem kann man Nokia dafür loben, dass es das Symbian-Betriebssystem ohne große Verwerfungen an die Touchscreen-Bedienung angepasst hat. Aber Begeisterung kommt dabei nicht auf, wir warten lieber auf den nächsten Anlauf.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr