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Im Gespräch: Blackberry-Chef Thorsten Heins „Wir haben unsere Produktion hochgefahren“

 ·  Vor dem Verkaufsstart der neuen Geräts in Deutschland verbreitet Thorsten Heins Zuversicht. Blackberry habe größere Chancen als Microsoft, Nummer drei im Smartphone-Geschäft zu werden.

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Herr Heins, früher hatte der Blackberry den Spitznamen „Crackberry“, weil seine Nutzer süchtig nach ihm waren. Warum ist aus dem Crackberry ein Ladenhüter geworden?

Das ist mir zu pauschal, für viele Kunden gibt es den Crackberry noch immer. Aber ich gebe zu: Gerade in den Vereinigten Staaten ist uns der Crackberry abhanden gekommen - im Gegensatz zu Märkten wie Indien oder Indonesien, wo wir bis heute sehr gut dastehen. Wir waren zu statisch, als sich der Markt von Unternehmen zu den Verbrauchern verlagert hat. Wir sind zu lange auf die traditionellen Blackberry-Merkmale wie Sicherheit, Batterielebensdauer und die physische Tastatur fixiert geblieben.

Jetzt erhoffen Sie sich ein Comeback von neuen Smartphones mit dem Betriebssystem Blackberry 10. Manche Analysten sagen, der Verkaufsstart in den ersten Ländern wie Großbritannien und Kanada vor ein paar Wochen war wenig berauschend.

Da habe ich völlig andere Informationen, und Sie können sicher sein, dass wir uns die Verkaufszahlen jeden Tag ansehen. Wir liegen über unseren Erwartungen, und die Vorgaben waren durchaus ehrgeizig. Bevor wir konkrete Zahlen herausgeben, wollen wir das Geschäft aber noch eine Zeit lang beobachten.

Es gab Mutmaßungen, dass die neuen Blackberrys in einigen Läden nur deshalb ausverkauft waren, weil Sie das Angebot extrem knapp gehalten haben...

Tatsache ist, dass wir von der guten Resonanz überrascht worden sind. Wir haben mittlerweile unsere Produktionskapazitäten erhöht.

Um wie viel denn?

Das will ich im Moment nicht verraten. Aber ich kann noch so viel sagen: Ein signifikanter und für uns unerwartet hoher Anteil der Blackberry-10-Geräte wird von Neukunden gekauft, die vorher iPhones oder Android-Smartphones hatten.

Das iPhone von Apple und Geräte mit dem Android-Betriebssystem von Google beherrschen den Smartphone-Markt. Ist daneben überhaupt noch Platz für eine dritte Plattform wie Blackberry?

Ein Duopol ist nie eine gesunde Situation. Das gilt aus Sicht der Verbraucher, aber auch der Netzbetreiber, die genau deshalb großes Interesse zeigen, mit uns zusammenzuarbeiten.

Wenn es Platz für eine starke Nummer drei gibt: Warum kann das Blackberry werden und nicht ihr Wettbewerber Microsoft mit seiner Software Windows Phone?

Zunächst einmal haben wir noch immer eine installierte Basis von 79 Millionen Abonnenten. Und Blackberry 10 bietet etwas, das Windows Phone nicht kann, nämlich die strikte Trennung von geschäftlichen und persönlichen Daten. Das kann Microsoft nicht mal eben zwischen Tagesschau und Wetterbericht nachmachen.

Aber ist es nicht auch für Sie ein schlechtes Zeichen, dass Microsoft trotz großer Anstrengungen und auch guter Kritiken mit Windows Phone nur so langsam vorankommt?

Keineswegs, weil wir uns viel mehr von der Konkurrenz differenzieren. Die neuen Geräte von Nokia mit Windows Phone zum Beispiel sind sicher nicht schlecht. Aber wenn man sich wie in dem Fall an erster Stelle mit einer hochwertigen Kamera differenzieren will, dann frage ich mich, ob das ausreicht, um Nutzer von Apple und Android herüberzuholen.

Was ist dann also das entscheidende Differenzierungsmerkmal von Blackberry 10, das nach Ihrer Ansicht die Nutzer in Scharen zu Ihnen überlaufen lassen wird?

Eindeutig der Blackberry Hub, der alle Kommunikationsdienste wie Emails und Nachrichten aus sozialen Netzwerken an einer zentralen Stelle zusammenlaufen lässt und der mit einem einfachen Wisch auf den Bildschirm geholt werden kann. Außerdem können die neuen Blackberrys viel leichter zwischen den einzelnen Anwendungen wechseln. Das funktioniert ganz anders als bei Apple-Geräten, wo man ständig die Home-Taste drücken muss.

Aber haben sich viele Nutzer nicht gerne an genau solche Apple-Mechanismen gewöhnt?

Ich bestreite nicht, dass man mit dem neuen Blackberry durch eine gewisse Lernkurve gehen muss. Wir geben uns deshalb auch große Mühe, die Verbraucher mit dem neuen System vertraut zu machen, zum Beispiel mit Anleitungen in Youtube-Videos.

Einige der populärsten Softwareapplikationen wie der Fotodienst Instagram sind bisher nicht für Blackberry 10 verfügbar. Mindert dieses Manko bei Apps nicht Ihre Erfolgschancen?

Wir sind mit 70 000 Apps gestartet, was eine stolze Zahl ist, und es werden bald 100 000 sein. Im Übrigen ist die Zahl der Apps an sich nicht so entscheidend. Aber natürlich arbeiten wir hart daran, die wichtigen Apps zu uns zu holen.

Sie haben vor knapp einem Jahr eine strategische Überprüfung gestartet und dabei Partnerschaften und Lizenzierung als Optionen genannt, aber auch einen Verkauf nicht ausgeschlossen. Hat sich daran etwas geändert?

Die Prüfung läuft nach wie vor, aber ich würde sagen, die Tonalität hat sich etwas geändert, weil es jetzt Anzeichen gibt, dass wir mit Blackberry 10 etwas Vernünftiges und Gutes geliefert haben, das ankommt. Insofern könnten die Optionen vielleicht in eine etwas andere Richtung gehen.

Heißt das, ein Verkauf ist wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich?

Das ist eine Sache des Aufsichtsrats, zu der ich keine Einschätzung abgeben will. Wir werden uns jedenfalls für die strategische Prüfung so lange Zeit nehmen, bis wir zu einem vernünftigen Ergebnis kommen.

Was heißt es für die Zukunft Ihres Unternehmens, wenn sich Blackberry 10 als Flop herausstellt?

Das Szenario habe ich nicht auf dem Radarschirm, weil die bisherigen Verkaufstrends in eine andere Richtung zeigen. Aber selbst wenn es so kommen würde, ändert dies nichts daran, dass Blackberry 10 eine Plattform ist, die ihresgleichen sucht. Man würde sich dann eben im Sinne der Aktionäre überlegen müssen, was man mit solchen Werten macht.

Ihr erster Vorstoß in den Markt für Tabletcomputer mit dem Playbook war eine Enttäuschung. Werden Sie einen neuen Anlauf wagen?

Zunächst einmal wollen wir Blackberry 10 auf das Playbook bringen, damit wir einheitliche Plattformen haben. Und dann werden wir uns grundsätzlich eine Strategie überlegen, wie wir im Tabletmarkt Mehrwert jenseits von bloßer Hardware schaffen können. Eines kann ich sagen: Unsere Ambition ist es sicher nicht, einer von vielen im 199-Dollar-Segment von Tablets zu sein.

Wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahr als Vorstandsvorsitzender aus? Ihre Aufgabe hatte den Anschein eines Himmelfahrtskommandos...

Es war eine extreme Herausforderung. Wir mussten harte Entscheidungen treffen wie unser Sparprogramm. Aber am Ende haben wir durchgehalten, weil wir überzeugt waren, dass Blackberry 10 ein Gegengewicht zu Apple und Android schaffen kann.

Der erste Deutsche

Es war ein Paukenschlag, als Thorsten Heins vor gut einem Jahr auf den Vorstandsvorsitz von Research in Motion (RIM) berufen wurde. Heins löste die beiden langjährigen Ko-Vorstandschefs Mike Lazaridis und Jim Balsillie ab, unter deren Führung das kanadische Unternehmen mit seinem Blackberry einst zu einem Pionier im Smartphone-Markt wurde.

Aber ein fortdauernder Verlust von Marktanteilen gegenüber Konkurrenzprodukten wie dem iPhone von Apple und Handys mit dem Betriebssystem Android von Google zwang das Unternehmen zu einem radikalen Schritt. Heins war vorher als einer von mehreren „Chief Operating Officers“ für Produktentwicklung und Vertrieb verantwortlich. Der frühere Siemens-Manager ist seit 2007 bei RIM.

Mit seinem Aufstieg zum Vorstandschef reihte er sich bei anderen Deutschen an der Spitze nordamerikanischer Unternehmen ein, wie Klaus Kleinfeld beim Aluminiumkonzern Alcoa und Martin Richenhagen beim Landmaschinenhersteller Agco. Der 55 Jahre alte Heins hat die schwere Aufgabe, die womöglich letzte Chance des Unternehmens auf ein Comeback mit Smartphones auf Basis des neuen Betriebssystems Blackberry 10 zu nutzen.

Ende Januar stellte er die beiden Geräte in New York vor, eine Variante Z10 mit berührungsempfindlichem Bildschirm und ein Modell mit einer physischen Tastatur (“Q10“). Die Touchscreen-Version Z10 ist mittlerweile in einigen Märkten wie Großbritannien und Kanada auf dem Markt. In dieser Woche wird das Gerät zunächst von Vodafone auch in Deutschland verfügbar sein, im März auch von den anderen Netzbetreibern.

Zeitgleich mit den neuen Geräten kündigte Heins eine Umbenennung des Unternehmens von RIM in Blackberry an. Die Gesellschaft tritt schon jetzt unter dem neuen Namen auf, die offizielle Firmierung soll nach der kommenden Aktionärsversammlung geändert werden.

Die Fragen stellte Roland Lindner.

Quelle: F.A.Z.
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