Home
http://www.faz.net/-gyc-ziyw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Musikindustrie Apple kontert Amazon und Google

07.06.2011 ·  Apple will mit einem neuen Cloud-Angebot für digitale Musik seine Vormachtstellung sichern. Am Montag stellte der Konzern mehrere Neuheiten vor. Die Musikindustrie schöpft Hoffnung.

Von Roland Lindner und Marcus Theurer
Artikel Bilder (4) Video (1) Lesermeinungen (4)

Der Elektronikkonzern Apple will seine beherrschende Position im Vertrieb von digitaler Musik mit einem neuen Angebot absichern und damit Initiativen der Wettbewerber Amazon und Google kontern. Während seiner am Montag gestarteten Entwicklerkonferenz in San Francisco stand die Vorstellung der „iCloud“ auf dem Programm. Dieses Angebot soll es Nutzern künftig erlauben, ihre Musiksammlungen über das Internet anzuhören.

Das bisherige Apple-Modell mit der Online-Plattform iTunes im Mittelpunkt sieht vor, dass Nutzer Musik auf ihre Computerfestplatten herunterladen und dann verschiedene Geräte einzeln damit synchronisieren: vom spezialisierten Musikspieler iPod über internetfähige Handys wie das iPhone bis hin zum Tabletcomputer iPad. Dieser Prozess soll mit dem jetzt vorgestellten Angebot weitgehend überflüssig werden. Stattdessen werden die Musiksammlungen ins Internet oder in die „Cloud“ verlagert. Das heißt, die Musik ist in den Rechenzentren von Apple gespeichert, von wo sie per Internetverbindung abgerufen werden kann. „Es treibt uns zum Wahnsinn, unsere Geräte ständig zu synchronisieren“, sagte Apple-Vorstandsvorsitzender Steve Jobs in San Francisco. Jobs zeigte sich am Montag selbst auf der Bühne, obwohl er eigentlich gerade eine krankheitsbedingte Auszeit nimmt (siehe Kommentar: Apple ohne Steve Jobs). Diese Auszeit hat er im März schon einmal für die Vorstellung der zweiten Generation des iPad unterbrochen, wie damals wirkte er bei seinem Auftritt am Montag sehr hager (Apple: Jobs macht iPad2 zur Chefsache).

Andere haben schon längst Musikdienste in der Cloud

Apple hatte schon in der vergangenen Woche Programmpunkte für die Veranstaltung in San Francisco genannt - entgegen seiner Gewohnheit, denn sonst lässt das Unternehmen im Vorfeld kaum etwas nach außen dringen. Wie damals schon angekündigt, stellte Apple am Montag neben der iCloud auch iOS 5, die nächste Version des Betriebssystems für das iPhone und das iPad, sowie die neue Generation des Betriebssystems für Macintosh-Computer mit dem Namen „Lion“ vor.

Musikindustrie: Apple kontert Amazon und Google

Mit iCloud ist Apple nicht der erste Anbieter im Markt: In den vergangenen Monaten haben bereits der Online-Händler Amazon und der Internetkonzern Google cloudorientierte Musikdienste vorgestellt (siehe Die Musik von Amazon spielt in der Cloud). Diese Angebote sind allerdings sehr umständlich, Nutzer müssen ihre eigenen Musiksammlungen zuerst auf die Rechenzentren von Amazon oder Google hochladen. Apple verspricht nun mit der iCloud einen schnelleren Weg: Das Angebot sieht vor, die Musikbibliotheken der Nutzer zu scannen und dann Zugang zu den dabei gefundenen Titeln in der Cloud zu gewähren. Dieses Modell wurde möglich, weil Apple im Gegensatz zu Google und Amazon vor dem Start seines Cloud-Dienstes Lizenzverträge mit der Musikindustrie geschlossen hat. Ein Cloud-Angebot von Apple wird schon seit einiger Zeit erwartet, denn Apple kaufte vor zwei Jahren ein Unternehmen mit dem Namen Lala, das auf cloudbasierte Musikdienste spezialisiert war.

Das digitale Musikgeschäft wächst nur noch um 6 Prozent

Apple baute seit dem Start seiner Online-Plattform iTunes vor acht Jahren eine dominierende Stellung im digitalen Musikvertrieb auf. iTunes bedeutete damals den Durchbruch für den legalen und kostenpflichtigen Verkauf von Musik über das Internet, nachdem die Branche zuvor lange über die Verbreitung von Raubkopien über Online-Tauschbörsen nach dem Vorbild von Napster geklagt hatte. Für die Musikindustrie war die Zusammenarbeit mit Apple wiederum eine zweischneidige Angelegenheit. Bis heute haben die Plattenlabels, die als Erste im Mediengeschäft die Digitalisierung mit voller Wucht zu spüren bekamen, kein neues tragfähiges Geschäftsmodell gefunden. Noch immer können die Umsätze mit Musik-Downloads die Einbußen im immer stärker erodierenden traditionellen CD-Geschäft nicht ausgleichen.

2010 schrumpfte der globale Tonträgermarkt einschließlich Digitalgeschäft um weitere 8,4 Prozent auf knapp 16 Milliarden Dollar. Seit 2001 beträgt der Rückgang insgesamt mehr als 40 Prozent. Nicht nur die Verkaufszahlen von CDs fallen in vielen Ländern weiter rapide, sondern auch die Zuwachsraten im Online-Geschäft, die eigentlich diese Lücken schließen sollten, gehen jetzt zurück. Zwar setzte die Musikindustrie 2010 insgesamt 4,6 Milliarden Dollar im Digitalmarkt um - 29 Prozent ihres gesamten Geschäfts. Aber das Umsatzwachstum hat sich im vergangenen Jahr auf magere 6 Prozent glatt halbiert. Der Markt braucht daher neue Ideen. Die iCloud und ähnliche Angebote von Google und Amazon sind für die gebeutelten Musikkonzerne Hoffnungsträger, um ihr schwächelndes Online-Geschäft wieder in Schwung zu bringen.

Das neue Album von Lady Gaga hat Amazon lahmgelegt

Nach wie vor hängt die Zukunft der Branche damit stark von Apple ab. Der Marktanteil des Unternehmens bei Musik-Downloads wird auf rund 70 Prozent geschätzt, und Steve Jobs hat die Plattenfirmen seine Macht stets spüren lassen: Erst nach jahrelangem Hickhack konnten etwa die Musikmanager durchsetzen, dass Apple vom Einheitspreis von 99 Cent je Lied-Download abwich. Eine Beteiligung der Musikbranche an den Verkaufserlösen des iPod von Apple konnten die Plattenfirmen nie durchsetzen.

Konkurrenten haben es dagegen schwer. Außer iTunes von Apple gibt es zwar rund 400 andere Online-Vertriebsplattformen für Musik. Aber selbst der Handelskonzern Amazon konnte die Vorherrschaft von Apple im digitalen Musikmarkt bisher nicht knacken. Als Hoffnungsträger gilt die schwedische Plattform Spotify, die in einigen europäischen Ländern - allerdings nicht in Deutschland - einen Streaming-Dienst anbietet. Die Musikfans können sich bei Spotify entscheiden, ob sie das Musikprogramm ähnlich wie im Radio kostenlos (aber mit Werbung unterbrochen) oder kostenpflichtig (aber werbefrei) anhören wollen. Für dieses Abonnement, das zehn Euro im Monat kostet, hat Spotify inzwischen mehr als eine Million Kunden gewonnen. Amazon hatte kürzlich einen Achtungserfolg erzielt, der teuer erkauft war. Das Unternehmen bot das komplette neue Album von Lady Gaga zum Kampfpreis von 99 Cent an. Das Angebot war so populär, dass es die Rechenzentren von Amazon über Stunden lahmlegte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

Jüngste Beiträge

Tempo 30

Von Holger Appel

Tempo 30 in der Nacht? Was kommt als nächstes? Ein zertifiziertes Fahrertraining, wie mit 30 km/h im dritten Gang zu fahren ist? Diesel sollten nur noch 20 km/h fahren dürfen? Geht es am Ende nur um ein die Staatskasse füllendes Blitzlichtgewitter? Mehr 3