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Musikindustrie Apple kontert Amazon und Google

06.06.2011 ·  Der Elektronikkonzern Apple will mit einem neuen Cloud-Angebot für digitale Musik seine Vormachtstellung sichern. Am Montag stellte der Konzern mehrere Software-Neuheiten vor. Die Musikindustrie schöpft nach Apples Vorstoß Hoffnung, ihr schwaches Online-Geschäft wieder auf Touren zu bringen.

Von Roland Lindner und Marcus Theurer
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Der Elektronikkonzern Apple will seine beherrschende Position im Vertrieb von digitaler Musik mit einem neuen Angebot absichern und damit Initiativen der Wettbewerber Amazon und Google kontern. Bei seiner am Montag gestarteten Entwicklerkonferenz in San Francisco stand die Vorstellung der „iCloud“ auf dem Programm. Dieses Angebot soll es Nutzern künftig erlauben, ihre Musiksammlungen über das Internet anzuhören.

Das bisherige Apple-Modell mit der Online-Plattform iTunes im Mittelpunkt sieht vor, dass Nutzer Musik auf ihre Computerfestplatten herunterladen und dann verschiedene Geräte einzeln damit synchronisieren: vom spezialisierten Musikspieler iPod über internetfähige Handys wie das iPhone bis hin zum Tabletcomputer iPad. Dieser Prozess würde mit dem jetzt vorgestellten Angebot weitgehend überflüssig: Stattdessen werden die Musiksammlungen ins Internet oder in die „Cloud“ verlagert, das heißt, die Musik ist in den Rechenzentren von Apple gespeichert, von wo sie per Internetverbindung abgerufen werden kann.

Zum Auftakt der Entwicklerkonferenz WWDC in San Francisco sagte Vorstandschef Steve Jobs, Apple bringe neue Versionen des Computer-Betriebssystems Mac OS X und des mobilen Systems iOS heraus und setze darüber hinaus auf die neuen Möglichkeiten der Cloud-Technologien für den Umgang mit persönlichen Daten im Internet. Nach seiner Einführung übergab der kranke Steve Jobs die weitere Leitung der Präsentation an Marketing-Chef Phil Schiller.

Der Apple-Vizepräsident bezeichnete die neue Version des Mac-Betriebssystems mit der Bezeichnung „Lion“ als „großes Update mit mehr als 250 neuen Funktionen“. Dabei übernimmt das System für Notebooks und Desktop-Computer etliche Bedienfunktionen vom Tablet-Computer iPad, etwa die Unterstützung von Multitouch-Gesten für Touchpad-Eingabegeräte und die Vollbildschirmdarstellung von Anwendungen.

Neu ist auch eine als „Mission Control“ bezeichnete Funktion für einen besseren Überblick zu allen geöffneten Programmen. Mac OS X „Lion“ soll zudem die Daten aller Anwendungen künftig automatisch speichern, um unbeabsichtigte Datenverluste zu vermeiden. Weltweit gebe es inzwischen mehr als 54 Millionen aktive Mac-Nutzer, sagte Schiller, und die Zuwachsraten seien Jahr für Jahr wesentlich größer als beim Windows-PC.

Cloudorientierte Musikdienste

Mit iCloud ist Apple nicht der erste Anbieter im Markt: In den vergangenen Monaten haben bereits der Online-Händler Amazon und der Internetkonzern Google cloudorientierte Musikdienste vorgestellt. Diese Angebote sind allerdings sehr umständlich: Nutzer müssen ihre eigenen Musiksammlungen zuerst auf die Rechenzentren von Amazon oder Google hochladen, und das ist ein sehr zeitaufwendiger Prozess. Im Vorfeld der iCloud-Präsentation sickerte durch, dass Apple einen schnelleren Weg gefunden habe. Das neue Angebot sieht vor, die Musikbibliotheken der Nutzer zu scannen und dann Zugang zu den dabei gefundenen Titeln in der Cloud zu gewähren. Dieses Modell wurde möglich, weil Apple im Gegensatz zu Google und Amazon vor dem Start seines Cloud-Dienstes Lizenzverträge mit der Musikindustrie geschlossen hat. Ein Cloud-Angebot von Apple wird schon seit einiger Zeit erwartet. Denn Apple kaufte vor zwei Jahren ein Unternehmen mit dem Namen Lala, das auf cloudbasierte Musikdienste spezialisiert war.

Apple baute seit dem Start seiner Online-Plattform iTunes vor acht Jahren eine dominierende Stellung im digitalen Musikvertrieb auf. iTunes bedeutete damals den Durchbruch für den legalen und kostenpflichtigen Verkauf von Musik über das Internet, nachdem die Branche zuvor lange über die Verbreitung von Raubkopien über Online-Tauschbörsen nach dem Vorbild von Napster geklagt hatte.

Für die Musikindustrie war die Zusammenarbeit mit Apple eine zweischneidige Angelegenheit. Bis heute haben die Plattenlabels, die als Erste im Mediengeschäft die Digitalisierung mit voller Wucht zu spüren bekamen, kein neues tragfähiges Geschäftsmodell gefunden. Noch immer können die Umsätze mit Musik-Downloads die Einbußen im immer stärker erodierenden traditionellen CD-Geschäft nicht ausgleichen. 2010 schrumpfte der globale Tonträgermarkt einschließlich Digitalgeschäft um weitere 8,4 Prozent auf knapp 16 Milliarden Dollar. Seit 2001 beträgt der Rückgang insgesamt mehr als 40 Prozent. Nicht nur die Verkaufszahlen von CDs fallen in vielen Ländern weiter rapide, sondern auch die Zuwachsraten im Online-Geschäft, die eigentlich diese Lücken schließen sollten, gehen jetzt zurück. Zwar setzte die Musikindustrie 2010 insgesamt 4,6 Milliarden Dollar im Digitalmarkt um - 29 Prozent ihres gesamten Geschäfts. Aber das Umsatzwachstum hat sich im vergangenen Jahr auf magere 6 Prozent glatt halbiert.

Der Markt braucht daher neue Ideen. Die iCloud und ähnliche Angebote von Google und Amazon sind für die gebeutelten Musikkonzerne Hoffnungsträger, um ihr schwächelndes Online-Geschäft wieder in Schwung zu bringen. Nach wie vor hängt die Zukunft der Branche damit stark von Apple ab. Der Marktanteil des Unternehmens bei Musik-Downloads wird auf rund 70 Prozent geschätzt, und Steve Jobs hat die Plattenfirmen seine Macht stets spüren lassen. Erst nach jahrelangem Hickhack konnten etwa die Musikmanager durchsetzen, dass Apple vom Einheitspreis von 99 Cent je Lied-Download abwich. Eine Beteiligung der Musikbranche an den Verkaufserlösen des iPod von Apple konnten die Plattenfirmen ohnehin nie durchsetzen.

Konkurrenten haben es dagegen schwer. Außer iTunes von Apple gibt es zwar rund 400 andere Online-Vertriebsplattformen für Musik. Aber selbst der Handelskonzern Amazon konnte die Vorherrschaft von Apple im digitalen Musikmarkt bisher nicht knacken. Als Hoffnungsträger gilt die schwedische Plattform Spotify, die in einigen europäischen Ländern - allerdings nicht in Deutschland - einen Streaming-Dienst anbietet. Die Musikfans können sich bei Spotify entscheiden, ob sie das Musikprogramm ähnlich wie im Radio kostenlos, aber mit Werbung unterbrochen, oder kostenpflichtig, aber werbefrei anhören wollen. Für dieses Abonnement, das zehn Euro im Monat kostet, hat Spotify inzwischen mehr als eine Million Kunden gewonnen. Amazon hatte kürzlich einen Achtungserfolg erzielt, der teuer erkauft war. Das Unternehmen bot das komplette neue Album von Lady Gaga zum Kampfpreis von 99 Cent an. Das Angebot war so populär, dass es die Rechenzentren von Amazon über Stunden lahmlegte.

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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