Home
http://www.faz.net/-gyc-14qxk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Motorola Milestone Diese Überraschung ist gelungen

17.12.2009 ·  Motorola lebt. Das Milestone, es heißt in Amerika Droid, ist in vielerlei Hinsichten eine Attraktion. Es ist das bislang erste und einzige Smartphone mit dem offenen Betriebssystem Android in der Version 2.0 - und hat eine prachtvolle Anzeige.

Von Michael Spehr
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (9)

Dass Motorola sein erstes Android-Gerät für Deutschland Milestone nennt, hat zumindest einen triftigen Grund: Es soll für den amerikanischen Handy-Hersteller ein Meilenstein im mühseligen Weg aus der Dauerkrise werden. Die meisten Marktbeobachter hielten Motorola bis vor kurzem für tot. Das Milestone, es heißt in Amerika Droid, ist jedoch auch in technischer Sicht eine Attraktion. Es ist das bislang erste und einzige Smartphone mit dem offenen Betriebssystem Android in der Version 2.0. Das unter anderem von Google mitentwickelte System startete in diesem Jahr sehr erfolgversprechend mit einem Dutzend unterschiedlicher Geräte, es wird 2010 mit Vollgas auf der Überholspur beschleunigen und das Kräftemessen mit dem iPhone aufnehmen.

Dafür gibt es etliche Gründe: Im Oktober wurden nach Untersuchungen des Werbevermarkters Admob 55 Prozent des amerikanischen Online-Datenverkehrs mit Smartphones vom iPhone erzeugt, und schon an zweiter Stelle mit stark wachsender Tendenz steht das junge Android mit 20 Prozent. Das wundert kaum, denn wie beim iPhone bieten die Androiden ein mobiles Surfvergnügen mit hoher Bildschirmauflösung, schneller Reaktion, moderner Fingerbedienung und sehr interessanten "Apps", also Zusatzprogrammen. Zugegeben: Android ist nicht so durchgestylt und schick wie das große Vorbild, es fehlt die Raffinesse im Detail, manche Symbole und Menüs wirken, als hätte sie ein Ingenieurstudent im dritten Semester mal eben nebenbei gezeichnet. Aber Android kann gegenüber dem iPhone mit etlichen Pluspunkten auftrumpfen. Um es mal salopp auszudrücken: Wer mit dem Apple-Handy auf den Geschmack des mobilen Internet gekommen ist und sich nach einigen Monaten über lästige Einschränkungen ärgert, wer Lust bekommen hat, sein Smartphone mit extravaganten Apps komplett umzurüsten oder ohnehin in die Gruppe der Tüftler und Bastler gehört, der wird nach dem iPhone vielleicht ein Android kaufen. Denn dieses Betriebssystem bietet im Unterschied zum iPhone ein uneingeschränktes Multitasking, und es lässt sich deutlich flexibler erweitern.

Es hat die Maße des iPhone

Der neue Milestone bietet schon beim Auspacken die erste Überraschung: Es hat die Maße des iPhone, ist zwar 30 Gramm schwerer (165 Gramm), kommt aber ungeachtet der kompakten Form mit einer seitlich ausziehbaren QWERTZ-Tastatur, der Mechanismus schließt satt und bietet einen sehr festen Druckpunkt. Kein anderes Handy mit Volltastatur ist so dünn wie der Milestone (6 × 11,6 × 1,4 Zentimeter). Der zweite Pluspunkt ist die immens hohe Bildschirmauflösung von 480 × 854 Pixel (iPhone: 480 × 320 Pixel) in Verbindung mit einem flotten 550-Megahertz-Prozessor. Das bedeutet: Internetseiten, die im Querformat dargestellt werden, müssen in der Regel nicht umbrochen werden. Es ist die ganze Breite zu sehen, wie am PC. Im Hochformat sieht man beispielsweise von faz.net in einer noch gut lesbaren Zoomstufe vier vollständige Artikelanreißer. Viel mehr ist am PC mit typischen 1280 × 1024 Pixel auch nicht im Blick. Und weil der Milestone im Unterschied zum amerikanischen Droid das vom iPhone gewohnte Multitouch beherrscht, macht die Navigation auf der Seite mit vorsichtigen Fingerstreichen richtig Spaß. Die von einer Glasscheibe geschützte Anzeige bietet zudem beste Voraussetzungen zur Film- und Videowiedergabe, ein schönes Extra für die Youtube-Generation.

Wie alle anderen Android-Geräte kommt auch das Milestone mit nur wenigen Tasten aus. Die vier Elemente unterhalb der Anzeige sind Sensorflächen, die beim Betätigen eine haptische Rückmeldung geben. Im Unterschied zu den HTC-Handys ist die oft benötigte Zurück-Taste dankenswerterweise nicht am rechten, sondern am linken Rand untergebracht. Beim HTC Hero etwa ist sie nur mit einer ziemlichen Daumen-Verrenkung zu erreichen. Die androidtypische Rollkugel fehlt, wir haben sie auch nicht vermisst. Ihre Alarmfunktion bei verpassten Anrufen oder neuen E-Mails übernimmt eine kleine LED am oberen Gehäuserand. Insgesamt ist der Milestone mit 8-Gigabyte-Speicherkarte, 3,5-Millimeter Kopfhörer- sowie USB-Anschluss gut verarbeitet und wirkt robust. Mit seinem kantigen Design ist er nicht schön, aber der Preis von unter 500 Euro ist ein starkes Kaufargument. Der Akku ist wechselbar, er hält selbst bei intensiver Beanspruchung einen Arbeitstag lang durch.

Google-Konto nicht unbedingt erforderlich

Im Unterschied zu den älteren Androiden ist nun ein Google-Konto nicht unbedingt erforderlich, aber durchaus empfehlenswert. Mit dieser Version 2.0 lassen sich sogar mehrere Google-Accounts einbinden, die Synchronisation mit Exchange im Unternehmen inklusive E-Mail, Kalender, Firmenadressbuch und Kontakte läuft ebenfalls glatt. PDF- und Office-Anhängsel lassen sich laden und angesichts der opulenten Anzeige prima unterwegs lesen. Beim Schreiben von E-Mail oder SMS steht neben der realen eine virtuelle Tastatur zur Verfügung, die dank einer Wortratefunktion ein sehr hohes Eingabetempo erlaubt.

Wenngleich Motorola das originäre Bediensystem nicht so hübsch gemacht hat wie HTC bei seinem Hero, gibt es doch ein paar Extras: So kann man etwa in vielen Abteilungen gleich sehen, ob eine bestimmte Person zum Chatten (etwa in Google Talk) angemeldet ist, und mit einem Fingertipp loslegen. Ferner lässt sich ein Untermenü zu dem angezeigten Kontakt aufrufen, das alle zur Verfügung stehenden Kommunikationswege zeigt. Hier kann man flink eine SMS schreiben oder sich mit der Navigation den Weg weisen lassen. Als Routenführer kommt übrigens nicht das in den Vereinigten Staaten mitgelieferte Google zum Einsatz, sondern ein zukaufbares Programm namens Motonav, das seinen Job durchaus gut macht, aber bei weitem nicht den Charme und die Anmutung eines Navigon-Kopiloten auf dem iPhone mitbringt. Einzigartig ist wiederum die Möglichkeit, das Milestone ohne zusätzliche Software-Installation via Wireless-Lan am PC zu verwalten: Es lassen sich die Anruflisten und empfangenen SMS einsehen, man kann SMS im Web-Browser schreiben, Kontaktdaten im Gerät bearbeiten und sogar Fotos drahtlos übertragen oder Lesezeichen für den Milestone-Browser anlegen. Eine großartige Idee, die hier perfekt umgesetzt wurde.

Damit sind wir gleich bei den Nachteilen des Milestone

Eine weitere nette Dreingabe ist ferner der Energiemonitor. Er zeigt, welches Modul den Akku am stärksten belastet, meist ist es das Display. Die Suchfunktion des Betriebssystems beschränkt sich leider auf die Kontakte und findet keine Textschnipsel in E-Mail oder Kalender. Und damit sind wir gleich bei den Nachteilen des Milestone. Sehr störend empfanden wir die Sortierung aller Adressen nach den Vornamen. Das HTC Hero kann es besser, es bietet eine hier leider fehlende Wahlmöglichkeit. Zwar ist die Suchfunktion rasend schnell (man muss meist nicht mehr als drei Buchstaben für einen Treffer eingeben), aber wir konnten uns an die ungewöhnliche Sortierung nicht gewöhnen.

Wie beim iPhone vermissen wir ferner eine Heute-Ansicht auf dem Bildschirmhintergrund mit den aktuellen Terminen. Eine Sprachwahl fehlt ebenfalls, und unschön ist, dass HTML-Nachrichten nicht ordentlich formatiert werden. Auch lassen sich Rufnummern in der E-Mail nicht mit einem Fingertipp wählen. Ferner bleiben die 5-Megapixel-Kamera und die Musikabteilung weit hinter dem iPhone zurück. Damit sind aber schon alle relevanten Minuspunkte aufgezählt, und manches fehlende Detail lässt sich durch zusätzliche Android-Software nachrüsten. Wir hatten zum Beispiel Sipdroid installiert und waren mit unserer Internet-Rufnummer automatisch ohne irgendwelche Fummelei erreichbar, sobald sich das Gerät in ein bekanntes W-Lan-Netz eingebucht hatte. Dergleichen geht mit dem iPhone nicht.

Alles in allem ist der Milestone eine der interessanten Neuerscheinungen des Jahres, ein vielversprechendes Gerät, das sich als iPhone-Alternative in den Vereinigten Staaten sehr gut verkauft und gewiss auch in Europa seinen Hersteller ein Stück weit aus der Krise ziehen wird.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Passwortsalat

Von Dagmar Oberndorfer

In den wilden, unschuldigen Anfangszeiten des Internet war das mit den Passwörtern einfacher. Man hatte eins für alles. Jetzt ist alles anders. Mehr 2