28.12.2006 · Mit Microsoft Photosynth kommt ein Werkzeug auf den Markt, das mehrere Fotos zu dreidimensionalen Umgebungen zusammenrechnet. Der Betrachter kann dann das virtuelle Gebilde in der Rundumsicht durchwandern.
Von Raymond WisemanDas Internet ist ein reichbebildertes Durcheinander von Informationen. Anders als das wirkliche Leben bleibt die virtuelle Welt jedoch meist zweidimensional und unzusammenhängend. Das könnte sich in absehbarer Zukunft ändern, wie der Besucher der Microsoft Live Labs sehen kann, zu deren Netzseiten man unter der Adresse labs.live.com gelangt. Dort gibt der Softwarehersteller Einblick in das weitgediehene Projekt Photosynth. Mit dieser Anwendung sollen aus Sammlungen von zweidimensionalen Bildern dreidimensionale Gesamtansichten errechnet werden, in denen sich der Betrachter wie in Räumen bewegen kann.
Je mehr Bilder einer Szenerie zur Verfügung stehen und in die Umgebungsberechnung einbezogen werden können, desto genauer und lückenloser vermittelt der virtuelle Ausflug einen getreuen Eindruck des Schauplatzes. So war es bei einem Präsentationsbeispiel möglich, ein Wohnzimmer zu durchstreifen, das aus Hunderten von Einzelaufnahmen zum Raumerlebnis zusammengerechnet worden war. Dies dauert momentan noch mehrere Stunden. Microsoft strebt jedoch an, den Algorithmus so zu optimieren, daß die Triangulation - das Zusammensetzen der Bildinformationen zu einer dreidimensionalen Ansicht aus lauter Dreiecken - innerhalb weniger Minuten erfolgt. Hierfür müssen von jedem Punkt im Raum, der später frei ansteuerbar sein soll, drei Fotos existieren.
Wie Werke von David Hockney
Die Darstellung gewinnt einen an Werke von David Hockney erinnernden ästhetischen Charme, da sie das Ergebnis nicht glättet. Die einzelnen Bilder treten weiterhin in Erscheinung und gehen sichtbar ineinander über. Der Eindruck ist ähnlich einer Diaprojektion, bei der mehrere Projektoren durch Bildüberlagerungen eine Rundumansicht produzieren. Den Eindruck einer Überblendprojektion verstärkt Photosynth dadurch, daß die Ein- und Ausblendung der einander überlappenden Einzelaufnahmen synchron zur virtuellen Bewegung erfolgt, ohne den fließenden Übergang ins Stocken geraten zu lassen. Stets bleibt so präsent, daß die virtuelle Welt aus Einzelaufnahmen generiert wird. Auch die Navigationsleiste am unteren Rand des Fensters weist darauf hin. Hier werden die Einzelbilder gezeigt, und jedes läßt sich mit einem Klick zum Ausgangspunkt einer Erkundungstour im virtuellen Raum machen.
Dort bewegt man sich, das heißt seinen Blick, durch Mausklicks auf Navigationspfeile, ähnlich wie in einem Videospiel. Grenzen der Betrachtung setzt lediglich der Umfang der Fotosammlung. Diese muß nicht von einem einzigen Anwender stammen. Sie kann aus Bildern verschiedener Fotografen irgendwann einmal aus dem ganzen Web zusammengetragen worden sein. Auch Fotos unterschiedlicher Auflösungen, Umgebungsbedingungen und Tageszeiten vermag Photosynth zu kombinieren. Bei der Analyse werden die markanten, wiederkehrenden Punkte der Bilder - Turmspitzen und Zinnen, Gewölbe und Fenster, Tore und Türen - ermittelt und anschließend die Fotos mit den gleichen Details und Verhältnissen zueinander in Beziehung gesetzt. So lassen sich die 3D-Positionen von Objekten errechnen, die sich auf mehreren Bilder finden.
Automatische Klassifikation und Indizierung
Doch die Vision der Entwickler reicht weiter: Dadurch, daß Photosynth jedes Bild analysiert, erhält dieses eine Art Signatur, die gleichzeitig Aufschluß über den Inhalt des Bildes geben soll. Auf dieser Basis ließen sich zu jedem neuen Bild im Internet ähnliche, bereits registrierte Aufnahmen finden und in die Zusammenstellung einbeziehen. Dies ermöglichte zudem eine automatische Klassifikation und Indizierung und machte die mitunter mühsame manuelle Beschreibung mit Titel und Stichwörtern überflüssig.
Gleichzeitig ließen sich die Aufnahmen in die Gemeinschaft aller Internetbilder integrieren, so daß auf Dauer ein immer detaillierteres 3D-Abbild der Außen- und vielleicht auch der Innenräume unserer Welt entstünde. Denkbar erscheint für eine fernere Zukunft, die Wegbeschreibung einer Routenplanung von Photosynth plastisch und anschaulich bebildern zu lassen. Noch hat Microsoft allerdings nicht einmal die erste Photosynth-Version am Start. Wie weit die Entwicklung gediehen ist, läßt sich unter labs.live.com/photosynth verfolgen.