15.12.2011 · Ein Androide mit Handschrifterkennung: Lenovo zeigt sein Thinkpad Tablet. Gehobene Ansprüche erfüllt es nicht, am Display hat der Hersteller gespart.
Von Michael SpehrZufrieden ist mit der Lage auf dem Tablet-Markt wohl nur einer, nämlich Apple. Das iPad dominiert den Markt in einem geradezu beunruhigenden Maße. Es ist ein Objekt der Begierde und steht in den Wochen vor Weihnachten ganz oben auf den Wunschzetteln der jüngeren Generation. Die Mitbewerber bekommen einfach keinen Fuß auf den Boden. Während das Android-Betriebssystem bei den Smartphones die Führungsrolle übernommen hat, sind die Tablets mit der Google-Oberfläche ein Flop.
Zwar orientieren sich die Androiden geradezu sklavisch am Vorbild aus Cupertino, sie übernehmen die Bauform, den Zweikernprozessor und die Bedienung mit leichten Fingerbewegungen auf einem berührungsempfindlichen Display. Aber es fehlt an Tablet-Apps, das ist die Crux. Nur einige hundert Programme sind bislang an die höhere Bildschirmauflösung der Android-Tablets angepasst, und die Smartphone-Apps laufen lediglich hochskaliert, was unschön aussieht. Jedoch: Wer einen Tablet allein für das Surfen im Internet und die Bearbeitung der E-Mail einsetzt, kann mit einem Androiden durchaus glücklich werden.
Der chinesische Hersteller Lenovo will nun neue Akzente setzen und ergänzt seinen Idea Pad K1, der sich an Privatkunden richtet, um ein Business-Modell, das Thinkpad Tablet für den geschäftlichen Einsatz. Dieser Flachcomputer folgt bei der Hardware den typischen Standards: 25,6 Zentimeter Bildschirmdiagonale bei einer Auflösung von 1280 × 800 Pixel und ein flotter Zweikernprozessor Nvidia Tegra mit 1 Gigahertz sind an Bord. Wireless-Lan, GPS und Bluetooth gehören zur Serienausstattung, und ein UMTS-Modul ist ebenfalls eingebaut.
Die beiden Kameras für Videotelefonie lösen mit 2 und 5 Megapixel auf, und der Speicherplatz beträgt wahlweise 32 oder 64 Gigabyte. Das feine Extra ist die Vielzahl der Optionen bei der Peripherie: nicht nur, dass sich SD-Karten in Normalgröße einsetzen lassen. Es gibt auch einen Micro-HDMI-Anschluss, einen Docking-Port, eine USB- und eine Micro-USB-Schnittstelle, wobei sich Letztere sogar zum Laden des fest installierten Akkus nutzen lässt.
Das Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Android-Tablets ist die bei Bedarf einsetzbare Stifteingabe. Der mitgelieferte kleine Griffel lässt sich bequem im Gerät verstauen und arbeitet im Zusammenspiel mit einer Handschrifterkennung. Dazu später mehr. Der erste Eindruck beim Auspacken: Das Lenovo sieht schick aus, erreicht aber hinsichtlich Verarbeitungsqualität und Anmutung nicht das Niveau der Konkurrenz. Das Thinkpad wirkt überhaupt nicht wie ein Business-Gerät, und zu diesem unbefriedigenden Bild trägt an erster Stelle die glänzende und spiegelnde Glasabdeckung bei, die Fingerfett geradezu magisch anzieht. Andere Hersteller versehen ihr Glas mit fettabweisenden Beschichtungen, daran wurde hier wohl gespart. Dankenswerterweise ist wenigstens die Rückseite in einem matten Plastik gehalten.
Der zweite Minuspunkt: Mit einem Gewicht von 750 Gramm ist das Thinkpad Tablet noch schwerer als das Motorola Xoom, und vom wunderbar leichten iPad 2 (600 Gramm) wollen wir gar nicht reden. Einen Tablet-PC hält man in der Hand, oft stundenlang, und das macht hier keinen Spaß. Auch das klobige Format (26 × 18 × 1,3 Zentimeter) gibt Abzüge bei der Wertung. Im Unterschied zu anderen Androiden ergänzen vier reale Tasten an der rechten Seite die permanent eingeblendeten Softkeys auf dem Bildschirm. Ein Gewinn sind sie freilich nicht.
Das Thinkpad Tablet bringt Android 3.1 mit, und dazu kommt eine Betriebssystem-“Verschönerung“ von Lenovo, die zwar dezent bleibt, aber für ein Business-Gerät unangebracht ist. Zudem werden auch Dutzende von Gratis-Apps aufgespielt, darunter etliche Spiele. Vieles kann man zum Glück wieder deinstallieren. Weniger schön sind Eingriffe ins Betriebssystem wie etwa eine in Kreisform angeordnete Schnellstart-Leiste für bestimmte Apps. So ergibt sich der Eindruck einer sehr zerklüfteten und inhomogenen Bedienlandschaft, „verbastelt“, würde man bei einem Auto sagen.
Zu den mitgelieferten und sinnvollen Apps zählen wir eine Citrix-Software, „Documents to Go“ zum Erstellen und Bearbeiten von Office-Dateien sowie Printer-Share zum Drucken von Dokumenten via Wireless-Lan oder Bluetooth. Und dann natürlich die Handschrifterkennung nach Stifteingaben. Sie arbeitet auf zweierlei Weise. Zum einen über die modifizierte virtuelle Android-Bildschirmtastatur. Diese lässt sich mit einem Fingertipp auf die Schrifterkennung umschalten. Die gewohnten Tasten verschwinden, und rund ein Drittel der Bildschirmfläche steht fortan für eigene Kritzeleien zur Verfügung. Das alles funktioniert in jeder App.
Zum anderen gibt es „Notes Mobile“, eine mitgelieferte App, die nur im Hochformat arbeitet und einen Schreibblock auf der gesamten Bildschirmfläche zur Verfügung stellt. Hier kann man verschiedene Schriftstärken einstellen, mit einem Radiergummi und Editor-Befehlen arbeiten, quasi die Luxusvariante der Handschrifterkennung. Der Haken an der Sache: Die Erkennungsleistung ist in „Notes Mobile“ bestenfalls mittelmäßig, und auf der virtuellen Tastatur deutlich schlechter. Selbst wenn man sehr ordentlich schreibt (und dann mit einer höheren Erkennungsrate belohnt wird), taugt das System als elektronischer Notizblock für Studium oder Geschäftsbesprechung nicht. Man wartet nach jedem Halbsatz auf die Umsetzung, und die Hand liegt ungewohnt hoch auf dem Display auf. Kurzum: Von dem Alleinstellungsmerkmal bleibt im Praxiseinsatz nicht viel, wir hatten uns mehr versprochen.
Das Arbeitstempo der Betriebssoftware ist übrigens auch zu kritisieren. Bis sich der Bildschirm nach dem Drehen des Geräts neu ausgerichtet hat, vergehen zwei Sekunden, und die wunderbare Leichtigkeit und Raffinesse, die beim iPad fasziniert, stellt sich nicht ein. So sind am Ende nur die zahlreichen Schnittstellen ein klarer Pluspunkt gegenüber dem Marktführer. Insbesondere die Möglichkeit, mit dem Thinkpad Tablet schnell auf die Dateien eines angedockten USB-Sticks oder einer Speicherkarte zuzugreifen. Seinen zweiten Tablet-PC lässt sich Lenovo teuer bezahlen. Die kleine Variante mit 32 Gigabyte Speicher kostet 665 Euro, die größere mit 64 Gigabyte sogar 770 Euro. Der hohe Preis in Verbindung mit der insgesamt schlechten Performance stellt sicher, dass sich dieses Gerät nur in homöopathischen Stückzahlen verkaufen wird.
Immer wieder erfrischend ...
roger mafli (mtume)
- 16.12.2011, 16:24 Uhr
Nicht nur das Lenovo Thinkpad will ständig geputzt werden,
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 16.12.2011, 13:32 Uhr
Nook Color + OpenSource
Thomas Krüger (panoviews)
- 16.12.2011, 08:33 Uhr
Kochen dauert
Volker Berndt (interim)
- 15.12.2011, 20:23 Uhr