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Leidenschaft iPhone Wenn Männer nur noch streicheln wollen

20.11.2008 ·  Seltsamerweise scheint das i-Fieber vornehmlich Männer zu befallen. Mit ihrem Lieblingsspielzeug iPhone gehen Handy-Herren überraschend zärtlich um. Eine Beziehung, die Fragen aufwirft. Gedanken jenseits von Preis-Leistungs-Analysen.

Von Daniel Binswanger
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Seit dem Verkaufsstart des iPhone 3G strotzen die Medien von Preis-Leistungs-Analysen und Modellvergleichen. Das Prinzip der kritischen Evaluierung wollen ja auch wir hochhalten, doch diese Debatten sind wirklich sinnlos. Oscar Wilde hat einmal geschrieben: „Die einzige Entschuldigung dafür, etwas Nutzloses geschaffen zu haben, liegt darin, dass man es über alle Maßen bewundert.“ Nutzlos ist das iPhone ohnehin nicht. Vor allem aber ist das spiegelverglaste Schmuckkästchen so grenzenlos bewundernswürdig, dass die Frage nach Nützlichkeit und Kosteneffizienz schlicht und einfach überflüssig wird.

Meine Umgebung liegt jedenfalls im i-Fieber, ich selbst bin ein schwerer Fall. Arbeitstage werden vertrödelt mit iPhone-Surfen, dem Herüberspielen der i-Tunes-Bibliothek, dem faszinierten Ansehen von Videos, die eigentlich völlig uninteressant sind. Gespräche drehen sich nur noch um die neueste Entdeckung im Applications Store, die Sprachwahlkonfigurierung der Tastatur, die geschätzte Dauer, bis Apple eine Copy/Paste-Funktion nachliefern wird. Ich glaube, seit ich mit fünf oder sechs Jahren ein Playmobil-Piratenschiff zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, konnte mich kein Spielzeug mehr in einen solchen Zustand blindseliger Ekstase versetzen.

i-Fieber überfällt vornehmlich Männer

Seltsamerweise scheint das i-Fieber vornehmlich Männer zu befallen und stellt deshalb in betroffenen Kreisen eine schwere Herausforderung für die Lebenspartnerschaften dar. Die bessere weibliche Resistenz muss wohl darauf zurückgeführt werden, dass Frauen den Verführungen von technischem Gerät im Allgemeinen leichter widerstehen. In diesem Fall scheint es eher paradox, weil die Bedienung des Touchscreens ja viel Zartgefühl erfordert und schmale Fingerkuppen von Vorteil sind. Femininer war ein Technologiesprung noch nie. Unter Zusicherung von striktem Quellenschutz hat mir ein Bekannter verraten, weshalb es seiner Ansicht nach zu schweren Zerwürfnissen mit seiner Frau gekommen ist, nachdem er sich ein iPhone anschaffte. „Sie hatte einfach den Eindruck, dass ich sie so zart noch nie berührt habe“, meinte er schuldbewusst. Die i-Revolution oder: Wenn Männer nur noch streicheln wollen.

Zunächst fasziniert das Gadget natürlich dadurch, dass es in so miniaturisierter Form so Gigantisches zu leisten vermag. Zugegeben: Mehr als in einem Desktop-Computer steckt in dem blanken Zauberamulett auch nicht drin. Da ich, wie etwa 95 Prozent der Bewohner der zivilisierten Welt, ohnehin zu viel Zeit meines Lebens vor einem Bildschirm verbringe, ist es eigentlich eher ein Fluch, das Internet auch noch in der Hosentasche mit sich herumzutragen. Man könnte ja zum Beispiel die Kolumnen-Seite der „New York Times“ auch weiterhin auf dem Computer lesen. Es wäre allerdings ungleich weniger lustvoll, als den Text auf das Wundergerät zu holen und durch eine leichte Kosebewegung des Zeigefingers vorbeidefilieren zu lassen. Seit ich das iPhone besitze, lese ich die Zeitung wieder im Café.

„Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol“

Die größte Errungenschaft des Geräts ist aber der Touchscreen, wie er in dieser Art noch nie dagewesen ist. Es kann nicht verwundern, dass wiederum der Fin-de-Siècle-Dandy Oscar Wilde die perfekte Produktbeschreibung vorweggenommen hat: „Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol“, schreibt er im „Dorian Gray“. Genau diese Eigenschaft hat auch das berührungsempfindliche Interface: Es ist nur noch Oberfläche. Keine Knöpfe, (fast) keine Schalter, (fast) keine mechanischen Steuerungselemente. Zugleich ist es nur noch Symbol. Jeder Quadratmillimeter des Bildschirms kann zu einem beliebigen Funktionssymbol umgewandelt werden: zur alphabetischen Tastatur, zur Zifferntaste, zum Album-Cover, das man berührt, um einen Song abzuspielen. Das iPhone ist die utopische Synthese von absoluter Oberflächlichkeit und unendlichem funktionalen Tiefgang. Eine Art ästhetischer Urtraum.

Wir stehen vielleicht vor so etwas wie einem Paradigmenwechsel des Industriedesigns. Was die Digitalisierung von Alltagsgeräten bisher gebracht hat, ist eine schreckliche Banalisierung der Oberfläche. Einen ästhetischen Tiefpunkt der bisherigen Zivilisationsgeschichte bildet wohl die Computertastatur, ein klapperndes Stück Plastik, dessen mechanische Gestaltung keinen nachvollziehbaren Bezug mehr hat zum Innenleben des Rechners. Während zum Beispiel bei einer alten Schreibmaschine der Übertragungsmechanismus zwischen Taste und Buchstabe klar zutage liegt und den ganzen Aufbau des Geräts bestimmt, ist eine Computertastatur nur noch ein mechanischer Restposten. Schreibmaschinen, von der „Remington“ bis zur „Hermes Baby“, waren Fetischobjekte. Keyboards hingegen wirken immer billig und wegwerfbar.

Form und Funktion auf dem Spiegel

Der Kunsthistoriker Beat Wyss hat in seinem Buch „Die Welt als T-Shirt“ das Auseinanderklaffen von mechanischer Gestaltung und innerer Funktion analysiert. In der modernen Computerwelt, sagt Wyss, ist ein Graben entstanden zwischen physischer Oberfläche und elektronischem Rechenprozess. Form und Inhalt finden nach der Digitalisierung nicht mehr zueinander. Das Gestaltungsprinzip, das für das ganze Industriezeitalter gegolten hat - die Form folgt der Funktion -, wurde immer weiter ausgehöhlt. Doch jetzt kommt das iPhone - und vereinigt Form und Funktion auf dem Spiegel seines makellosen Bedienungsschirms.

Mit dem Touchscreen hat das Symbol die Oberfläche zurückerobert. Mal Fotoalbum, mal Plattensammlung: Jede Funktion kann perfekt auf die Oberfläche projiziert werden. Der berührungsempfindliche Schirm ist deshalb mehr als ein neuartiges Interface zwischen Mensch und Maschine. In so ausgereifter Form, wie er beim iPhone zur Anwendung kommt, erzeugt er eine neue Ästhetik.

Das Handy wird zum ständigen Tischleindeckdich für die gerade nötige Benutzeroberfläche. Erstaunlich ist weniger die „Intelligenz“ des iPhones, an intelligente Maschinen sind wir ja gewöhnt. Erstaunlich ist das buchstäbliche Taktgefühl, die Fähigkeit, das Bedürfnis des Benutzers zu antizipieren. Wenn ein Anruf eingeht, dimmt die Musik, die man über Kopfhörer hört, zart aus und kommt nach dem Aufhängen automatisch zurück. Wenn man das Telefon im Querformat hält, wird das von selbst erkannt, und der Bildschirm passt sich an. Revolutionär sind solche kleinen Verbesserungen des Benutzerkomforts nicht. Doch sie verleihen dem Gerät eine verblüffende Gabe: Es erscheint höflich, ja zuvorkommend. So aufmerksam sind ständige Begleiter sonst in der Regel nicht.

Ich kann „Hamlet“ jetzt jederzeit beim Zugfahren lesen

Das markerschütterndste Erlebnis, das ich bislang mit meinem iPhone hatte, war allerdings das Herunterladen der Werke von Shakespeare. Einfach den „Applications Store“ besuchen, Shakespeare eingeben und zweimal auf den Bildschirm tippen: In etwa zehn Sekunden ist das gesamte Schaffen des größten Menschheitsgenies bis auf den letzten Vers auf das Wundertablett übertragen.

Zwar sind „Hamlet“ schreiben, „Hamlet“ verstehen und „Hamlet“ herunterladen immer noch nicht ganz dasselbe, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, in Echtzeit der Umwertung aller kulturellen Werte beizuwohnen. Für das iPhone ist der gesamte Shakespeare nicht weniger schwierig zu bewältigen als ein kurzes Youtube-Video. Ich kann „Hamlet“ jetzt jederzeit beim Zugfahren lesen. Der Dänenprinz hat es schließlich vorausgeahnt: „Ich könnte in einer Nussschale eingesperrt sein - und mich trotzdem der König unendlicher Welten nennen.“

Quelle: F.A.S. / © „Das Magazin“, Zürich 2008
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