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Leidenschaft iPhone Wenn Männer nur noch streicheln wollen

Seltsamerweise scheint das i-Fieber vornehmlich Männer zu befallen. Mit ihrem Lieblingsspielzeug iPhone gehen Handy-Herren überraschend zärtlich um. Eine Beziehung, die Fragen aufwirft. Gedanken jenseits von Preis-Leistungs-Analysen.

© Christian Thiel Vergrößern „Sie hatte einfach den Eindruck, dass ich sie so zart noch nie berührt habe”

Seit dem Verkaufsstart des iPhone 3G strotzen die Medien von Preis-Leistungs-Analysen und Modellvergleichen. Das Prinzip der kritischen Evaluierung wollen ja auch wir hochhalten, doch diese Debatten sind wirklich sinnlos. Oscar Wilde hat einmal geschrieben: „Die einzige Entschuldigung dafür, etwas Nutzloses geschaffen zu haben, liegt darin, dass man es über alle Maßen bewundert.“ Nutzlos ist das iPhone ohnehin nicht. Vor allem aber ist das spiegelverglaste Schmuckkästchen so grenzenlos bewundernswürdig, dass die Frage nach Nützlichkeit und Kosteneffizienz schlicht und einfach überflüssig wird.

Meine Umgebung liegt jedenfalls im i-Fieber, ich selbst bin ein schwerer Fall. Arbeitstage werden vertrödelt mit iPhone-Surfen, dem Herüberspielen der i-Tunes-Bibliothek, dem faszinierten Ansehen von Videos, die eigentlich völlig uninteressant sind. Gespräche drehen sich nur noch um die neueste Entdeckung im Applications Store, die Sprachwahlkonfigurierung der Tastatur, die geschätzte Dauer, bis Apple eine Copy/Paste-Funktion nachliefern wird. Ich glaube, seit ich mit fünf oder sechs Jahren ein Playmobil-Piratenschiff zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, konnte mich kein Spielzeug mehr in einen solchen Zustand blindseliger Ekstase versetzen.

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i-Fieber überfällt vornehmlich Männer

Seltsamerweise scheint das i-Fieber vornehmlich Männer zu befallen und stellt deshalb in betroffenen Kreisen eine schwere Herausforderung für die Lebenspartnerschaften dar. Die bessere weibliche Resistenz muss wohl darauf zurückgeführt werden, dass Frauen den Verführungen von technischem Gerät im Allgemeinen leichter widerstehen. In diesem Fall scheint es eher paradox, weil die Bedienung des Touchscreens ja viel Zartgefühl erfordert und schmale Fingerkuppen von Vorteil sind. Femininer war ein Technologiesprung noch nie. Unter Zusicherung von striktem Quellenschutz hat mir ein Bekannter verraten, weshalb es seiner Ansicht nach zu schweren Zerwürfnissen mit seiner Frau gekommen ist, nachdem er sich ein iPhone anschaffte. „Sie hatte einfach den Eindruck, dass ich sie so zart noch nie berührt habe“, meinte er schuldbewusst. Die i-Revolution oder: Wenn Männer nur noch streicheln wollen.

iphone hand © AP Vergrößern Männer wollen nur eines: das iPhone

Zunächst fasziniert das Gadget natürlich dadurch, dass es in so miniaturisierter Form so Gigantisches zu leisten vermag. Zugegeben: Mehr als in einem Desktop-Computer steckt in dem blanken Zauberamulett auch nicht drin. Da ich, wie etwa 95 Prozent der Bewohner der zivilisierten Welt, ohnehin zu viel Zeit meines Lebens vor einem Bildschirm verbringe, ist es eigentlich eher ein Fluch, das Internet auch noch in der Hosentasche mit sich herumzutragen. Man könnte ja zum Beispiel die Kolumnen-Seite der „New York Times“ auch weiterhin auf dem Computer lesen. Es wäre allerdings ungleich weniger lustvoll, als den Text auf das Wundergerät zu holen und durch eine leichte Kosebewegung des Zeigefingers vorbeidefilieren zu lassen. Seit ich das iPhone besitze, lese ich die Zeitung wieder im Café.

„Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol“

Die größte Errungenschaft des Geräts ist aber der Touchscreen, wie er in dieser Art noch nie dagewesen ist. Es kann nicht verwundern, dass wiederum der Fin-de-Siècle-Dandy Oscar Wilde die perfekte Produktbeschreibung vorweggenommen hat: „Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol“, schreibt er im „Dorian Gray“. Genau diese Eigenschaft hat auch das berührungsempfindliche Interface: Es ist nur noch Oberfläche. Keine Knöpfe, (fast) keine Schalter, (fast) keine mechanischen Steuerungselemente. Zugleich ist es nur noch Symbol. Jeder Quadratmillimeter des Bildschirms kann zu einem beliebigen Funktionssymbol umgewandelt werden: zur alphabetischen Tastatur, zur Zifferntaste, zum Album-Cover, das man berührt, um einen Song abzuspielen. Das iPhone ist die utopische Synthese von absoluter Oberflächlichkeit und unendlichem funktionalen Tiefgang. Eine Art ästhetischer Urtraum.

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Veröffentlicht: 20.11.2008, 13:22 Uhr

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