30.07.2010 · Für das Betriebssystem Android gibt es fast 85.000 Anwendungen, in Apples App Store aktuell sogar 225.000. Der Großteil dieser Mini-Anwendungen ist nicht der Rede wert. Ein Blick auf aktuelle Software für das iPhone und das Android-Betriebssystem.
Von Michael SpehrDie Welt ist eine App, möchte man mit einem Blick auf die atemberaubende Entwicklung bei den Zusatzprogrammen für Smartphones sagen. Die Dynamik dieses jungen Marktes ist geradezu unglaublich: Für das offene Betriebssystem Android gibt es mittlerweile fast 85 000 Anwendungen, zwölfmal mehr als vor einem Jahr. Im selben Zeitraum erhöhte sich die Zahl der Programme in Apples App Store von 55 000 auf aktuell 225 000. Nun sollte man eins gleich wissen: Der Großteil dieser Mini-Anwendungen ist nicht der Rede wert, um es mal ganz zurückhaltend auszudrücken. Wir haben in den vergangenen Wochen das Angebot für Apple und Android gesichtet, und daraus entsteht eine höchst subjektive Liste von Programmen, die sich aus der Masse hervorheben.
Den Auftakt macht die spektakulärste App, die wir seit langem gesehen haben. „Reeder“ von Silvio Rizzi ist ein Leseprogramm für RSS-Feeds, die man mit dem Google Reader verwaltet. Der Hintergrund: RSS stellt quasi die Überschriften und Anreißer von Nachrichtenseiten parat, und wer sich jeden Tag durch das Dickicht Hunderter WWW-Seiten schlägt, kommt mit RSS deutlich schneller voran. Der Google Reader bündelt die Angebote und erlaubt es, Lesenswertes zu markieren - und mit anderen zu teilen. Und nun der Reeder für das iPad (eine Version für das iPhone gibt es ebenfalls): Er zeigt, dass Entwickler von iPad-Software am besten alle gängigen Konventionen über Bord werfen.
Nur mit einem radikalen Neuanfang und pfiffigen Ideen für den auf Fingerbedienung ausgerichteten Tablet-PC gelingt ein großer Wurf. Herkömmliche RSS-Leser verwenden eine Listendarstellung, Reeder hingegen ordnet die einzelnen Kanäle als briefmarkengroße Schaltflächen an. Ordner wiederum sind wie ein Stapel besagter Schaltflächen symbolisiert, und wenn man mit einer spreizenden Fingerbewegung darüberfährt, öffnen sich die darunter liegenden Inhalte. Konventionell ist Reeder bestenfalls in der Anordnung von Nachrichtenübersicht links und den Inhalten rechts auf dem Bildschirm. Alle wichtigen Funktionen lassen sich schnell mit dem Finger aufrufen, man kann einzelne Beiträge markieren, weiterleiten oder mit anderen teilen (etwa über Twitter). Optisch hält sich diese App dezent im Hintergrund, man sieht viel von den Inhalten, und es ergibt sich damit ein ganz neues Leseerlebnis für RSS. Nur wenn es um aktives Arbeiten geht, bleiben die hier schon mehrfach geschilderten Schwächen des iPad, es ist eben ein Gerät für den passiven Konsum.
Eine geniale Twitter-App fürs iPad fehlt noch immer
Zwar kann man mit dem Reeder auch Twitter-Nachrichten absetzen, aber eine geniale Twitter-App fürs iPad fehlt noch immer. Unsere derzeitigen Favoriten sind Tweetings und Osfoora HD, beide bieten jedoch noch viel Potential für Verbesserungen. Vielleicht macht sich ja Silvio Rizzi an die nächste Herausforderung. Beherrscht die Twitter-, Facebook- oder RSS-Software Push-Notifications nicht, also Hinweismeldungen auf dem Hauptbildschirm bei Eintreffen neuer Ereignisse, lohnt ein Blick auf Boxcar oder Push 3.0. Beide übernehmen als Zwischeninstanz die Erstellung solcher Bildschirm-Alarme - und funktionieren überaus zuverlässig.
Das große Thema „Multitasking“ bestimmte den Marktstart des iPhone 4 und des erweiterten Betriebssystems iOS 4. Ein echtes Multitasking wie bei den Android-Smartphones darf man jedoch nicht erwarten, vielmehr gibt es nun bestimmte Dienste, die im Hintergrund laufen. Noch fehlt es allerdings an entsprechend angepassten Apps. Skype und Sipgate für Internettelefonie hielten sich bislang zurück. Die erste iOS4-App für „Voice over IP“ war Fring mit einer Software, die verschiedene Dienste unter einem Dach bündelt. Mit Fring konnte man sich bis vor einigen Tagen bei Skype oder Sipgate für Sprachtelefonie einbuchen - und gleichzeitig bei Googlemail zum Online-Geplauder. Wir haben das neue Fring 3.3 auf dem iPhone 4 ausprobiert: Es ist eine Enttäuschung ohnegleichen. Die Sprachqualität war mit Skype und Sipgate deutlich schlechter als bei den Original-Apps. Was die Achillessehne der Erreichbarkeit bei einem im Hintergrund laufenden Fring betrifft, müssen wir ebenfalls abwinken: Bei ankommenden Sipgate-Gesprächen landeten neun von zehn auf dem Anrufbeantworter, wurden also nicht durchgestellt. Bei Skype lag die Erfolgsquote etwas höher, alles in allem aber ein peinliches Ergebnis. Fring hatte kurz die Videotelefonie über Skype freigeschaltet - und dann wieder deaktiviert. Wir konnten diese Funktion noch ausprobieren: Die Bildqualität war bestenfalls ausreichend und gar kein Vergleich mit Apples Facetime-Videotelefonie, die allerdings voraussetzt, dass beide Partner ein iPhone 4 einsetzen. Mittlerweile streiten sich die Unternehmen über ihre Anwälte. Unser Tipp: Wer mit Skype auf einem iOS-Gerät telefonieren will, nehme die Originalsoftware, die seit Mitte vergangener Woche auch für iOS4 bereitsteht und nach unserem ersten Eindruck zuverlässig arbeitet.
Für Sipgate und andere Voip-Anbieter eine hohe Erreichbarkeit
Ein Android-Smartphone bietet seit jeher für Sipgate und andere Voip-Anbieter eine hohe Erreichbarkeit. Sie liegt bei fast 100 Prozent. Für das Sip-Protokoll empfiehlt sich die Software Sipdroid, die sich mit wenigen Schritten installieren und einrichten lässt. Wer ein bisschen mehr Extrakomfort sucht, mag einen Blick auf die virtuelle Telefonzentrale pbxes.com werfen. Das Gebotene ist eindrucksvoll, aber die Einrichtung eines Benutzerkontos unendlich kompliziert und für Laien kaum zu bewältigen. Wir benötigten fast einen Tag, bis Pbxes in Verbindung mit Sipdroid auf dem Google-Handy Nexus One ordentlich lief. Für den Hausgebrauch reicht also die direkte Kontaktaufnahme mit dem Sip-Server. Skype für Android soll noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Auf beiden Plattformen - iOS von Apple und Android - läuft übrigens die Fritz App von AVM im Zusammenspiel mit einer Fritzbox. Sie macht das Handy zum Schnurlostelefon.
Um bei Android-Programmen für die Telefonie zu bleiben: Zwei Apps möchten wir nicht mehr missen. Callfilter macht genau das, was der Name verspricht: Es blockiert Anrufe. Wahlweise solche mit unterdrückter Rufnummer oder zusätzlich auch eingehende Telefonate von einzelnen Personen oder von Anrufern, die nicht im eigenen Telefonbuch verzeichnet sind. Ein schlichtes und rundum empfehlenswertes Programm. Calltrack ist sein Pendant für die Protokollierung eingehender, abgehender oder verpasster Telefonate. Sie werden nicht etwa in eine Datenbank oder Excel-Tabelle geschrieben, sondern genialerweise mit einem Google-Kalender synchronisiert. Da ein Android-Smartphone mühelos mehrere Google-Konten gleichzeitig verwaltet, nimmt man einfach ein zweites Konto für die Anruf-Historie - und kann auch nach Monaten noch sehen, wer einen wann angerufen hat. Ähnliche Programme sucht man für das Apple-Betriebssystem übrigens vergebens, es gibt nicht einmal eine App, die ankommende Telefonate mit unterdrückter Rufnummer blockiert.