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iPhone 4 Apples Antennen-Dilemma

16.07.2010 ·  Heute Abend gibt Apple eine Pressekonferenz - vermutlich wird das Antennenproblem beim iPhone 4 das Thema sein. Wird Steve Jobs das PR-Desaster abwenden können? Wahrscheinlich nicht. Apple hat das Problem zu lange ignoriert.

Von Marco Dettweiler
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Heute Abend geht es in Cupertino nicht um alles, aber um sehr vieles. Steve Jobs hat zu einer Pressekonferenz eingeladen. Apple wollte nicht bekanntgeben, was das Thema sein wird. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Apple-Chef zum Antennenproblem des iPhones äußern wird, ist etwa genauso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass das Gerät der vierten Generation Signalprobleme hat, wenn man es in der linken Hand hält.

Das Antennen-Problem ist ein PR-Desaster für das Unternehmen. Dabei fing alles hervorragend an. Nahezu alle Medien lobten das „Jesusphone“ der vierten Generation. Bald folgten erste Berichte von Fachjournalisten ebenso wie von Nutzern, dass das Signal stark abnimmt, wenn man es in der linken Hand so umschließt, dass die linke untere Ecke des Geräts verdeckt wird.

Anfangs ignorierte Apple die Kritik. Doch sie wollte nicht abreißen: In Blogs und Foren, bei Facebook und Twitter schimpften verärgerte Nutzer über Apple, schrieben böse Mails an das Unternehmen und einige von ihnen schlossen sich zusammen, um eine Sammelklage einzureichen. Zu viel Widerstand im heiligen Land der Apple-Jünger. Steve Jobs reagierte persönlich. In einer Mail empfahl er den Nutzern, das iPhone „einfach nicht so zu halten“. Typisch Jobs. Aber untypisch für Apple im Umgang mit den Kunden.

Die total falsche Formel

Am 2. Juli schrieb Apple einen Brief an alle Nutzer. Man sei „überrascht“ gewesen, als man die Berichte über Empfangsprobleme las: „Wir begannen sofort, diese zu untersuchen. Nachfolgend haben wir zusammengefasst, was wir gelernt haben.“ Das ist schon eher Apples Art. Dort nachbessern, wo der Kunde einen Nachteil, eine Lücke oder Fehler sieht. Der Grund für den dramatischen Abfall der Balken sei, dass „die Formel“, die Apple zur Kalkulation der Balkenanzeige bei einer bestimmten Signalstärke verwende, „total falsch“ sei. Der Empfang sei nicht wirklich schwach, sondern würde nur schwach angezeigt. Apple präsentierte sogleich die Lösung: Ein kostenloses Software-Update, das die korrekte Formel enthält. „Wir sind in unsere Labors zurückgegangen und haben alles nochmal getestet - die Ergebnisse sind die gleichen: die Empfangsqualität des iPhone 4 ist die beste, die wir jemals geliefert haben.“

Doch der Brief hinterließ mehr Fragen als Antworten und ignorierte die klagenden Nutzer. Eine „total falsche Formel“ als Erklärung für die schwankende Empfangsqualität? Wie geht das zusammen mit der Empfehlung Jobs', das iPhone „einfach anders zu halten“ und den Berichten von Nutzern, dass das Gespräch in der Tat abbricht? Irgendjemand sagt hier nicht Wahrheit. Entweder will Apple nicht zugeben, dass das Hardware-Problem in der Tat besteht oder alle Nutzer behaupten zu unrecht, dass auch die Verbindung abbricht, wenn die Balkenanzahl zurückgeht.

Comsumer Reports greift Apple an

Vielleicht hätte Apple das Problem aussitzen können, wäre da nicht der Bericht des amerikanischen Verbrauchermagazins „Consumer Reports“ gewesen. Die Warentester sprachen eine Empfehlung aus, die Steve Jobs ziemlich verärgert haben dürfte: Kaufen sie anstelle des iPhone 4 das Vorgängermodell 3 GS. Die Tester führten die Empfangsschwäche auf einen Fehler im Antennendesign der Hardware des iPhone 4 und nicht auf die Software zurück. „Consumer Reports“ zweifelt an der Erklärung Apples, wonach die Unregelmäßigkeiten beim Signal sich auf „eine optische Illusion“ bei den Empfangsbalken beschränken.

Das dürfte gesessen haben. Apple äußert sich bis heute nicht zum Test des Verbrauchermagazins. Doch eines ist klar: „Consumer Reports“ dürfte sich mit Beweisen abgesichert haben, als sie keine Kaufempfehlung aussprachen. Drei, in verschiedenen Läden in New York gekaufte iPhones wurden in einem speziellen Raum getestet. Bei allen Geräten trat das Antennenproblem auf. Und Überraschung: Beim iPhone 3GS nicht. Damit ist Apples Balkentheorie hin. Denn das Unternehmen behauptete in dem Brief: „Da dieser Fehler bereits seit dem Original-iPhone besteht, wird das Software-Update auch für das iPhone 3GS und das iPhone 3G zur Verfügung stehen.“

Der Druck auf Steve Jobs nimmt zu

Apple hat also definitiv ein Problem. Nicht nur mit der Antenne, sondern auch mit seinem Image. Die Software-Theorie ist nach dem Test von Consumer Reports nicht mehr zu halten. Es muss an der Hardware liegen, dass das Zuhalten der unteren linken Ecke zu schwachem Empfang führt. Steve Jobs hätte es bei seinem Tipp, das iPhone einfach anders zu halten, belassen sollen. Das iPhone 4 hätte ein Schwäche gehabt, für die es sogar eine - wenn auch unschöne - Lösung gibt: Entweder die Ecke mit einem Stück Klebeband abdecken oder eine Schutzhülle aus Silikon kaufen.

Für Steve Jobs wäre das Zugeständnis eine unerträgliche Niederlage gewesen. Die Software-Theorie schien der Ausweg zu sein. Doch sie ist es nicht. Laut der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg hat ein hochrangiger Ingenieur das Management im vergangenen Jahr gewarnt, dass eine außenliegende Antenne die Empfangsleistung schwächen könnte. Der Druck nimmt zu und Steve Jobs nimmt sich des Problems an. Die Pressekonferenz wird zeigen, wie er damit umgeht.

Der Apple-Chef hat allerdings wenig Möglichkeiten, sauber aus der Sache herauszukommen. Die Sache scheint ein echtes Dilemma. Bleibt er auf dem Standpunkt, dass es sich „nur“ um ein Softwareproblem handelt, ignoriert er Berichte von Nutzern und die Ergebnisse von Consumer Reports.

Gibt er zu, dass das Antennendesign ein Hardwareproblem ist, muss er gleich mehrere Fragen beantworten: Warum sprach Apple bisher von einem Software-Fehler? Wieso hat Apple bei der Entwicklung des neuen iPhones das Hardware-Problem nicht bemerkt? Kann und wird das Unternehmen den Fehler beheben? Und wenn Jobs diese Fragen heute Abend beantwortet haben sollte, wird noch eine weitere, sehr wichtige anstehen: Wird Apple einen für das Unternehmen sehr teuren Rückruf starten, und die knapp zwei Millionen iPhones zurücknehmen und umtauschen?

Nicht nur die Käufer des iPhone 4 sind gespannt auf die Antworten.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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