10.07.2008 · Von Freitag an ist das neue iPhone 3G im Handel. Was Steve Jobs beim ersten Mal vergaß, ist diesmal dabei: UMTS und GPS. Wir haben Apples Kulthandy getestet. Ein Telefon mit Charme, Charakter und Ausstrahlung. Aber für das, was es leistet, noch immer ein allzu teurer Spaß.
Von Michael SpehrSeit einem Jahr ist Apples erstes Mobiltelefon in Amerika im Handel, und nun steht das iPhone 3G als Nachfolger bereit, in Deutschland abermals exklusiv bei T-Mobile. Blickt man auf die vergangenen Monate zurück, ist das iPhone zwar kein Massenprodukt (1,7 Millionen Geräte wurden im ersten Quartal in aller Welt verkauft), wohl aber ein Handy, das in mehrfacher Hinsicht neue Maßstäbe gesetzt und die Mobilfunkwelt verändert hat. Der Zugriff aufs Internet ist mit ihm schnell und einfach wie nie, und wer das iPhone besitzt, nutzt diese Möglichkeit häufig und intensiv. Das Geheimnis dieses Erfolgs ist zum einen das große Display und zum anderen die intuitive Bedienung mit den Fingern. Ein technisches Kleingerät mit Gesten steuern: die Idee kopieren nun viele andere Hersteller, das hat sich durchgesetzt.
Das iPhone begeistert mit seiner durchgängig konsistenten und klaren Bedienung. Es bleiben nur selten Fragen offen, es gibt kein Menüwirrwarr wie bei der Konkurrenz. Mit dieser Fokussierung auf das Wesentliche geht jedoch eine drastische Beschränkung der Möglichkeiten und Funktionen einher. Vieles, was bei einem Nokia- oder Motorola-Telefon selbstverständlich ist, gibt es bei Apple nicht. Der Nutzer bleibt in einen goldenen Käfig eingesperrt. Das mögen Technikfreaks kritisieren, die meisten iPhone-Käufer hingegen merken es nicht einmal.
Auf den ersten Blick kaum vom alten zu unterscheiden
Das neue iPhone 3G wahrt zunächst die Kontinuität hochwertiger Hardware: Auf den ersten Blick ist es kaum vom alten zu unterscheiden. Die Vorderfront mit dem Display besteht durchgängig aus Glas, unten ist die eine Taste eingelassen (es gibt an der Seite noch einen Schalter für den Vibrationsalarm und zwei Tasten für die Lautstärkeeinstellung, mehr aber nicht).
Die Rückseite ist beim neuen iPhone nicht mehr aus Aluminium gefertigt, sondern aus Plastik, wobei für das teurere Modell mit 16 Gigabyte Speicher eine weiße Variante erhältlich ist. Nach wie vor lässt sich der Akku vom Käufer nicht wechseln, er hält selbst bei intensiver Nutzung einen Tag. Größe und Gewicht (11,5 x 6,2 x 1,2 Zentimeter, 135 Gramm) entsprechen dem Vorgängermodell, es ist kein Kandidat für die Hosentasche.
Hermetisch geschlossenes System
Mit dem iPhone bekommt man mehrere Dinge in einem: einen vollwertigen iPod, der über die iTunes-Software mit Audio und Video bestückt wird. Die Musikabteilung nutzt die eingebauten, nicht mit Speicherkarten erweiterbaren 8 oder 16 Gigabyte. Spektakulär ist die Wiedergabe von Filmen auf dem gedrehten Bildschirm (320 x 480 Pixel). Es werden aber nur die von Apple zugelassenen Audio- und Videoformate unterstützt. Das System ist hermetisch geschlossen. Man kann zwar CDs in die iTunes-Software importieren, aber keine Filme von DVD. Gängige Internetformate wie DivX oder MPEG 1 und 2 lassen sich nicht abspielen, Flash, Realvideo und Windows-Media bleiben ebenfalls außen vor. Inhalte lassen sich weder mit Bluetooth noch mit einem USB-Kabel, sondern nur via iTunes auf das Gerät bringen.
Für unterwegs gibt es eine abgespeckte Version, um nach aktuellen Titeln zu fahnden, sie probezuhören und zu kaufen. Das Aktualisieren von Podcasts oder im Internet angebotenen Fernsehsendungen via Wireless-Lan oder Mobilfunk ist nicht vorgesehen. Kurzum: Von den drahtlosen Datenverbindungen profitiert die Musik- und Videoabteilung kaum. Hier hat sich also nichts geändert, und das gilt ebenfalls für die 2-Megapixel-Kamera, die Fotos, aber keine Videos aufnimmt und keine Bildübertragung mit Bluetooth erlaubt.
Flinker Prozessor
Die Mobilfunkabteilung beherrscht nun rasante Datenverbindungen mit UMTS und HSDPA, das wird von allen Experten als wichtiger Vorzug herausgestellt. Berücksichtigt man allerdings, dass schon das alte iPhone dank flinkem Prozessor beim Internet-Surfen unter Edge (bis zu 220 KBit/s) deutlich schneller als die meisten Konkurrenzprodukte ist, relativiert sich das.
Die Unterschiede sind bemerkbar und messbar (bei uns bis zu 1400 KBit/s), aber sie fallen in der subjektiven Wahrnehmung nicht dramatisch aus. Es kommt eben nicht nur auf das Tempo an, das die Mobilfunknetze vorgeben, sondern auch auf die Verarbeitung der Daten im Endgerät. Hier war und ist das iPhone klasse. Weiterhin sollte man berücksichtigen, dass weder das alte noch das neue Gerät als Modem am Notebook arbeiten, wo sich dann Geschwindigkeitsunterschiede deutlicher zeigen würden.
Die Software ist die wichtigste Neuerung
Für uns ist die iPhone-Software 2.0 die wichtigste Neuerung. Apple stellt sie vom 11. Juli an auch den Besitzern der älteren Geräte zur Verfügung, was alles andere als selbstverständlich in der Handy-Welt ist. Konnte man früher seine E-Mail nur mit dem Pop3- und Imap-Protokoll von privaten Konten abholen, ist nun eine Anbindung an den Exchange-Server in Unternehmen möglich, und sie funktioniert bei uns einwandfrei. Synchronisiert werden allerdings nur E-Mail, Kalender und Kontakte. Aufgaben und Notizen bleiben außen vor. Die Einrichtung ist kinderleicht, und das Gebotene überzeugt. In vielen Punkten ist das Apple-System leistungsfähiger als ein „Mail for Exchange“ von Nokia oder das „Active Sync“ auf Windows-Mobile-Geräten. So hat man beispielsweise stets Zugang zu sämtlichen Unterordnern im Posteingang und kann neue Nachrichten in diese verschieben. Die Synchronisierung erfolgt wahlweise permanent (bei Elementeingang auf dem Server), manuell oder in Intervallen.
In der Exchange-Kalenderansicht bietet das iPhone deutlich mehr Übersicht und Transparenz als die Lösungen von Nokia oder Microsoft, die beispielsweise Ganztagestermine nicht ordentlich anzeigen. Auch kleine Details begeistern: So wird etwa der Bildschirm dahingehend ausgerichtet, dass die Termine des Tages sofort in den Blick rücken. Das E-Mail-Modul lädt Anhängsel nicht mehr automatisch, sondern erst, wenn man mit dem Finger darauf tippt. Angezeigt werden Dateien aus der Microsoft-Office-Familie, Bilder, PDFs und die Dateien von iWork, der Office-Alternative von Apple. Es ist indes nicht möglich, die Anhängsel zu speichern oder zu bearbeiten. Und beim Weiterleiten oder Beantworten von Nachrichten vermisst man die Option, Teile der Ursprungsnachricht zu löschen. Wie beim Vorgängermodell ist das Markieren, Kopieren und Verschieben von Text nicht vorgesehen, und es fehlt zudem eine geräteübergreifende Suche. Mac-Nutzer ohne Exchange-Anbindung zum Büro können nicht nur mit ihrem PC synchronisieren, sondern jetzt auch mit Mobile Me, dem kostenpflichtigen Web-Angebot und Online-Service von Apple.
Nicht so leistungsfähig wie ein Blackberry
Alles in allem öffnet sich damit das iPhone für die Welt der Geschäftskunden. Was es kann, erledigt es mit Bravour und Leichtigkeit. Hat das erste iPhone das mobile Surfen populär gemacht, zündet jetzt die nächste Stufe des Zugriffs auf die Unternehmensdaten. Zwar ist das iPhone nicht so leistungsfähig wie ein Blackberry, aber das Gebotene reicht in der Regel aus. Beschwerlich und gewöhnungsbedürftig ist nach wie vor das Schreiben von E-Mails mit der virtuellen Tastatur. Hier ist ein Blackberry klar überlegen.
Der ebenfalls neue GPS-Empfänger des 3G-Modells muss derzeit noch ohne Software für die Straßennavigation auskommen. Mit Google Maps arbeitet er prima zusammen, seine Empfindlichkeit ist hoch. Hier gilt es also, abzuwarten. Überhaupt öffnet Apple das iPhone mit dem „App Store“. Viele Erweiterungen und Zusatzprogramme sind derzeit in der Entwicklung.
Obwohl T-Mobile die Preise für die Hardware gesenkt hat, bleibt das iPhone ein teurer Spaß. Es ist in Deutschland nur in Verbindung mit einem in der nebenstehenden Tabelle aufgeführten Verträge erhältlich, die wir für vergleichsweise fair halten. Die Inklusivpakete mit Datenvolumen vermeiden unangenehme Überraschungen auf der Rechnung, wie sie in Deutschland leider üblich sind. Wer sich im Markt auskennt, wird günstigere Tarife für Sprache und Daten finden, muss dazu aber das iPhone von seiner Netz- und Kartensperre „befreien“. Insgesamt hat Apple sein Kulthandy in Fortführung der Maxime überarbeitet: „alles weglassen, was nicht schick oder schwer zu bedienen sein könnte, das wird auch niemand vermissen“. Es ist ein Gerät, das vor allem durch sein Design sowie die intuitive und selbsterklärende Bedienung überzeugt. Es hat Charme, Charakter und Ausstrahlung, also gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft.