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iPad kommt nach Deutschland Die Welt ist das Netz, nicht die App

24.05.2010 ·  Der viel gelobte Tablet-Computer von Apple zeigt im Dauereinsatz auch Schattenseiten. Die Hardware des iPad fasziniert und überzeugt. Aber die Systemkonzeption eines übergroßen iPhone wirft viele kritische Fragen auf.

Von Michael Spehr
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Dass es erfolgreich sein wird und sich bestens verkauft, daran besteht kein Zweifel: In Amerika ist das iPad seit Ostern im Handel, und bereits nach 28 Tagen verkündete Apple, dass eine Million Geräte abgesetzt worden seien. Das erste iPhone hatte 74 Tage für diese Marke benötigt. Auch in Deutschland ist die Nachfrage immens. Von Freitag an ist das iPad erhältlich, und die Vorbestellungen der vergangenen Wochen zeigen: Es wird ein Hit. Schon sehen Marktbeobachter einen Einbruch bei den Verkaufszahlen der Netbooks, die Kunden würden lieber ein iPad als einen dieser kleinen Mini-Notebooks kaufen.

Wir haben Apples Wundergerät seit fast zwei Monaten im Einsatz, und die ersten Tage waren ungemein spannend. Aber es ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Zugegeben: Die Hardware überzeugt. Wie jedes Apple-Produkt ist das iPad ein Gerät aus einem Guss, das mit seiner hochwertigen Verarbeitungsqualität und wunderbaren Anmutung fasziniert. Mittlerweile haben etwa ein Dutzend Hersteller ähnliche Produkte angekündigt, Tablet PCs, die mit dem offenen Android-Betriebssystem oder mit Windows 7 arbeiten sollen, und wir sind sicher: Keines dieser Geräte wird hinsichtlich Charme und Anmutung dem iPad das Wasser reichen können.

Die Entscheidung gegen das Apple-Tablett ist vielmehr eine grundsätzliche, es geht um die Systemkonzeption: Das iPhone von Apple ist so erfolgreich, weil es komplizierte und aufwendig gestaltete Inhalte des Internets auf ein kleines Smartphone herunterbricht. Mit der raffinierten Gestensteuerung, dem guten Safari-Browser und einem Betriebssystem, das vor allem durch Raffinesse bis ins Detail überzeugt, wird aus dem Kleingerät ein mobiles Terminal für E-Mail und World Wide Web. Das iPhone reduziert alles auf das Wesentliche im Unterwegseinsatz. Das ist seine Leistung.

Sein Betriebssystem ist nahezu identisch mit dem des iPhone

Das iPad wiederum ist eine Rolle rückwärts: Es bringt zwar ein großes Display im Netbook-Format mit, die Bildschirmauflösung liegt bei 1024 × 768 Pixel. Aber sein Betriebssystem ist nahezu identisch mit dem des iPhone. Es gibt nur eine Home-Taste am unteren Bildschirmrand, die Bedienung erfolgt mit denselben Gesten auf dem Display. Das iPad ist kein Gerät, das man unterwegs aus der Jackentasche zieht, und für das Halten in der Hand ist es auf Dauer zu schwer (um die 700 Gramm). Es bleibt ein großes iPhone, mit dem man allerdings nicht telefonieren kann. Wir sehen keine Leistung und erst recht keine Magie darin, ein Smartphone-System nahezu unverändert auf Tablett-Maße aufzupusten. Alle Chancen und Möglichkeiten, die sich aus der größeren Bauform ergeben könnten, bleiben ungenutzt.

Was beim iPhone nicht stört, macht sich beim iPad schon nach kurzer Zeit negativ bemerkbar: Viele Wege sind versperrt, insbesondere wenn es eine Alternative zum kleinen Netbook sein soll. Nicht nur, dass USB-Anschlüsse und ein SD-Speicherkartenleser fehlen. Gewollt und deswegen besonders ärgerlich: Mit dem eingebauten Bluetooth und einem datenfähigen Handy kommt man nicht via Mobilfunk ins Internet. Das "Tethering" fehlt. Man soll sich für den Einsatz unterwegs vielmehr die 3G-Variante mit UMTS-Modem kaufen, und die wiederum verwendet keine herkömmlichen Sim-Karten, sondern eine "Micro Sim". Sie unterscheidet sich vom gewohnten Modul nur darin, dass die umgebende Kunststofffläche verringert wurde. Apples Gängelung: Man benötigt fürs iPad einen neuen Datenvertrag mit Micro-Sim-Karte.

Ist das iPad als Laptop-Ersatz geeignet?

Jedoch ist fraglich, ob sich das überhaupt lohnt. Zwar haben Technik-Journalisten wie Walt Mossberg mehrfach betont, das iPad sei als Laptop-Ersatz durchaus geeignet, es biete fast alles, was man auf Reisen benötige. Das ist insofern richtig, als es eine vollwertige E-Mail-Software mitbringt, die gegenüber dem iPhone etwas aufgehübscht und erweitert wurde. Auch das Kontaktverzeichnis und der Terminkalender gehören zum Lieferumfang. Wie das iPhone holt sich auch das Apple-Tablett neue Nachrichten von allen gängigen E-Mail-Anbietern - und synchronisiert sogar mit dem Exchange-Server im Büro. Mit der virtuellen Tastatur lässt sich ordentlich schreiben, selbst längere Texte.

Die Tücke liegt jedoch wie immer im Detail: Wer in verschiedenen Anwendungen arbeitet, Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenstellen muss, stößt schnell an Grenzen - und holt doch wieder den Klapprechner mit Tastatur hervor. Etwa, wenn man ratlos beim Schreiben einer E-Mail feststellt, dass sich keine Anhängsel einfügen lassen. Oder erlebt, dass sich auf der Flickr-Seite im Internet nicht einmal die im iPad gespeicherten Fotos hochladen lassen - weil sie nicht zugänglich sind (es geht über die Flickr-App). Schon bei einer trivialen Aufgabe wie dem Lesen von Nachrichten mit dem Google Reader und dem Einstellen von interessanten Neuheiten bei Twitter ist man nach kurzer Zeit genervt: Das Manövrieren in der Web-Ansicht des Readers mit der Fingersteuerung ist eine Qual, und die mobile Darstellung bietet zu wenig Übersicht.

Zudem lassen sich Programme nicht überlappend auf dem Bildschirm anordnen. Wäre das der Fall, könnte man mit einem Fingertipp oder einer Geste von einer Anwendung zur nächsten springen, denn Platz ist ja nun in Hülle und Fülle vorhanden. So aber wird ein Programm gestartet, es nimmt die gesamte Fläche ein, und mit Betätigen der Home-Taste endet es. Auch wenn das iPad mit seinem 1-Gigahertz-Prozessor in Sachen Tempo keinen Anlass zur Kritik gibt, bleibt das alles eine Umstandskrämerei, auch beim oft benötigten "Copy & Paste".

Das hehre Ideal der Schlichtheit scheitert an der komplizierten Wirklichkeit

Viele Journalisten haben geschrieben, dass das iPad eine Revolution im Umgang mit dem Computer oder dem Internet darstelle. Es sei geradezu ein Paradigma für die nächste Generation besonders einfach zu bedienender PCs. Nur hat leider niemand gefragt, warum das iPad eine solche spielerische Leichtigkeit zu zeigen scheint: weil es im Grunde genommen nicht viel kann. Das hehre Ideal der Schlichtheit scheitert an der komplizierten Wirklichkeit. Das iPad ist eine Maschine für den passiven Konsumenten - oder für die seltenen Sonntage des unverbindlichen Dahinsurfens im Netz. Es ist nichts für den aktiven Nutzer, der mit eigenen Inhalten arbeiten will, Dinge neu arrangiert oder Daten aus der "Cloud" holt. Es bietet nicht einmal ein dem Nutzer zugängliches Dateisystem für eigene Dokumente, diese sind vielmehr an die jeweiligen "Apps" gebunden, müssen mit iTunes synchronisiert werden, und dass Apple ein strenges Regiment bei den Apps in seinem Online-Laden führt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Die Bindung aller Inhalte des iPad an die dazugehörigen Anwendungen ist geradezu rückwärtsgewandt. Die Welt ist das Internet - und nicht die App. Dass wiederum der Safari-Browser die App-Idee konterkariert, ist eine kleine List der Vernunft: Die Darstellung von Nachrichten-Seiten im Netz ist so gut, dass man die dafür gedachten Apps nicht braucht.

Was bleibt also? Ein hochwertiges Lesegerät mit langer Akkulaufzeit für Standardseiten des Internets, für den schnellen Blick in die neue E-Mail und für kurze Antworten. Ferner eine schöne Spielekonsole für den jugendlichen Nachwuchs. Vielleicht wird der Verdienst des iPad darin bestehen, dass es das Internet aufs Sofa bringt und damit den Umgang mit dem Netz in den Abendstunden verändert. Zu iPad-Preisen von 500 bis 800 Euro kann das jedoch derzeit ein gutes Netbook besser.

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Onkel Ju

Von Holger Appel

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