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Interview mit Nicole Simon „Twitter ist ein Schlaraffenland“

29.06.2009 ·  'Das sind doch nur Belanglosigkeiten' ist ein beliebter Spruch von Twitter-Kritikern. Wer so über den Mikrobloggingdienst urteilt, habe allerdings nie genau hingeschaut, sagt Nicole Simon. Die Autorin des ersten deutschsprachigen Twitter-Buchs im Interview.

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„Das sind doch nur Belanglosigkeiten“ ist ein beliebter Spruch unter Twitter-Kritikern. Wer das sagt, habe allerdings nie genau hingeschaut, sagt Nicole Simon. Die Autorin des ersten deutschsprachigen Twitter-Buchs im FAZ.NET-Interview.

Frau Simon, Sie sind selbst aktivere Twitterin. Wann und was hat Sie in das Twitterland verschlagen?
Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren netzaktiv. Das hat damals mit BTX-Chat angefangen und sich ab 1995 im Internet mit Usenet, Foren, Blogs, Podcasts über Second Life und jetzt eben Twitter fortgesetzt. Gegen Twitter habe ich mich drei, vier Monate lang gewehrt, dann aber dem Gruppenzwang nachgegeben, weil eben alle in meinem Umfeld twittern. Im Januar 2007 habe ich dann selber angefangen, sowohl privat als auch professionell.

Was hat Sie daran fasziniert?
Twitter hat eine neue Kategorie geschaffen: die Mikrokommunikation auf 140 Zeichen mit Verbindung im Netz und vom Handy aus. An sich hat Twitter nur Bekanntes kombiniert und mit diesem Mix etwas neues geschaffen. Die Begrenzung auf 140 Zeichen sieht im ersten Moment wie ein Nachteil aus, aber überraschenderweise scheint es die Kreativität der Teilnehmer nur anzuregen. Hinzu kommt, dass inzwischen genügend Menschen mit dem Internet und dem Handy vertraut sind, so dass diese Symbiose auf ungewöhnlich fruchtbarem Boden wächst. Mich persönlich fasziniert dabei vor allem, wie andere Menschen Twitter für sich entdecken und nutzen.

Worum geht es in Ihrem Buch „Twitter - Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“ und an wen richtet es sich?
Das Buch ist ein Einführungswerk für jemanden, der sich mit Twitter noch nie beschäftigt hat, aber jetzt neugierig ist. Sei es privat oder um Twitter für das eigene Unternehmen zu nutzen. Viele Leute sagen, Twitter sei super einfach, das müsse man sich nur angucken und man versteht es. Da täuscht man sich allerdings. Twitter hat gewisse Tiefen, die man vielleicht von Anfang an nicht gleich versteht. Das Buch gibt einen umfassenden Einblick in das Twitterland und macht Leser mit allen relevanten Werkzeugen vertraut.

Ist Twitter nicht einfach nur Zeitverschwendung mit inhalts- und belanglosen Statusberichten?
Diese Aussage habe ich bis jetzt bei jeder neuen Technologie gehört. Bei Twitter nun ganz besonders wegen der 140 Zeichen. Gegenfrage: Wofür verwenden Sie Ihren Computer? Als dumme Daddelkiste oder als produktive Arbeitsumgebung? Es kommt immer drauf an, wie ich ihn nutze. Natürlich twittere ich auch mal Belanglosigkeiten wie zum Beispiel „habe gerade Milchkaffee getrunken“. Aber der Leser entscheidet doch, ob er das sehen will. Es gibt eine große Zahl von Twitterern, die den Dienst sehr professionell nutzen. Wer von Belanglosigkeiten spricht, sieht das Potential dieser Werkzeuge nicht und verpasst nebenbei eine weitere Chance, den Anschluss an die neue Welt der Kommunikation zu schaffen.

In großen amerikanischen Konzernen gehört Twitter bereits zum „must have“ in der Unternehmenskommunikation. Deutsche Unternehmen, insbesondere die DAX-Notierten, halten sich noch zurück. Woran liegt das?
Viele, vor allem die mittleren und kleinen Unternehmen, haben ja bis heute noch nicht einmal eine brauchbare Onlinestrategie. Wie sollen sie da Twitter verstehen? Wir sind in Deutschland eine 1.0-Gesellschaft, es fehlt uns das spielerische Ausprobieren. Und genau dafür ist Twitter perfekt geeignet und anscheinend sehen andere das genauso. Wenn ich hierzulande frage „Wer twittert? Wer bloggt?“ heben die Leute beim Twittern die Hand, aber noch lange nicht beim Bloggen. Ich glaube, dass da gerade ein Wechsel stattfindet und die Menschen anfangen, diese Werkzeuge für ihre persönlichen Belange zu nutzen.

Hat der derzeitige Twitter-Hype bereits seinen Höhepunkt erreicht?
Nein. Aber Twitter wird genau wie die anderen Hypes aus der „medialen Aufmerksamkeitskarawane“, wie Daniel Fiene sie mal genannt hat, heraustreten und in den Alltag übergehen. Im Gegensatz zu den letzten großen Trends in diesem Umfeld kann man aber sagen, dass Twitter von jetzt auf gleich in so vielen Bereichen eingeschlagen ist, dass es bleiben wird. Nicht unbedingt die Seite Twitter, aber diese Art der Mikrokommunikation. Um es in der einfachen Variante zu sagen: Das Wort „googeln“ hat sehr lange gebraucht, um in den Duden aufgenommen zu werden. Ich glaube, dass „twittern“ das sehr viel schneller schaffen wird. Denn mit „twittern“ bezeichnet man inzwischen eine ganz bestimmte Art von Nachricht und weniger die Anwendung oder die Website „Twitter“ selbst.

Welche Social Media-Dienste haben Sie für Twitter aufgegeben oder vernachlässigt?
Ich lese seit Oktober 2007 keine Feeds mehr, sondern habe das komplett durch Twitter und StumbleUpon ersetzt. Bei StumbleUpon sehe ich nur die Seiten, die mir meine Freunde empfehlen und Themen, die mich interessieren. Für viele Seiten ist Twitter inzwischen eine der Hauptquellen von Traffic, die vorher vielleicht durch Blogverlinkungen, Feeds oder sonstiges entstanden sind. Ich habe nicht unbedingt Bloggen für Twittern aufgegeben, aber ich verwende Twitter inzwischen ausschließlich für bestimmte Inhalte, die dort viel besser aufgehoben sind.

Was kann Twitter, was andere Dienste nicht können?
Ich bekomme jetzt ein stärkeres Gefühl für die Menschen um mich herum. Twitter bietet mir den Einblick in mehr als nur die Pressemitteilung oder ein Blogpost pro Tag. Ich erhalte nun viel kleinteiligere Informationen. Bevor jetzt wieder die Sinnfrage kommt: Im professionellen Umfeld erhalte ich zum Beispiel Link- oder Veranstaltungstipps, jemand zitiert Fachinhalte und so weiter. Eine Stärke von Twitter ist, dass man eben Communitys und Menschen miteinander vernetzt, die vorher vielleicht in diesen Kreisen nicht zusammengekommen wären - und das in Echtzeit. Wenn ich jetzt tweeten würde, „Möchte heute Abend ein Tweetup in Lübeck machen“, könnte ich mir sicher sein, dass ich nach ein paar Wiederholungen dieser Nachricht von anderen Lübeckern, mindestens zehn oder fünfzehn Leute zusammen bekomme. Und Lübeck hat eine kleine Twitter-Szene.


Welche Dienste wird Twitter ersetzen?
Gar keinen. Es ergänzt und erweitert, aber es ersetzt nicht. Weder hat das Fernsehen das Radio, noch hat der DVD-Player das Kino ersetzt. Twitter wird andere Dienste weiterentwickeln. Es entsteht eine große Symbiose zwischen Blogs und Twitter, aber auch zwischen solchen Diensten wie Facebook und Twitter. Auf diese Veränderungen bin ich Zukunft gespannt.

Das Gespräch führte Stefan Herber.

Nicole Simon, Nikolaus Bernhardt: „Twitter - Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“. Open Source Press, München 2009. 235 S., broschiert, 19,95 Euro.

Waren irgendwelche Begriffe unklar? Dann schauen Sie doch mal in unser Social-Media-Lexikon.

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