Da weht einem doch aus dem Internet immer wieder der frische Hauch von Freiheit und Freigebigkeit entgegen. Aller Werbung zum Trotz ist es keine bloß kommerzielle Veranstaltung, zeigt sich vielerorts noch als die Gemeinschaft, die es als universitärer, kollegialer Verbund einst war. Am deutlichsten sieht man das am Phänomen "Wiki" und der "Wikipedia", inzwischen das größte Lexikon im Internet. Die Wikipedia gibt ihr Wissen gebührenfrei ab. Ihre Inhalte stammen nicht von Lexikonredaktionen, sondern aus freiwilligen Beiträgen. Wie bei den meisten Lexika bleiben die Autoren ungenannt und oft unbekannt, es sei denn, ein Leser studierte eigens die Änderungshistorie. Viel Ruhm ist mit den Eintragungen also nicht zu erben. Wikipedia-Eintragungen darf jeder frei verwerten. Er muß aber Kopien und sonstwie Abgeleitetes ebenso freigebig weiterverwertbar machen.
Sieht man genauer hin, ist das Phänomen noch viel erstaunlicher: Jeder kann auf den Wikipedia-Seiten ergänzen, kann ändern, korrigieren. Geht das gut? Kann in einem so spezialisierten Werk wie einem Lexikon jedermann herumschreiben, ohne daß Unsinn dabei herauskommt? Der Erfolg der Wikipedia gibt den Mutigen recht, die an das Gute im Menschen glauben und im Internet im besonderen. Wikis und die freie Enzyklopädie entstammen unterschiedlichen Entwicklungslinien. Erst die Verbindung beider - des Wiki-Verfahrens, angesetzt auf ein unlizenziertes, von Beiträgen lebendes Lexikon - brachte den Erfolg.
Schnelligkeit aus dem Pazifikstaat
Der Name "Wiki" kommt aus der Neuen Welt: "Wiki" soll auf Hawaii "schnell" heißen. Und Wiki nannte 1995 der Softwaredesigner Ward Cunningham aus Portland seine zeitsparende Methode, auch Außenstehende auf seinem Web-Server Eintragungen machen zu lassen. Bei einfachen Webseiten muß man für Änderungen traditionell den "Webmeister" bitten, sie zu machen. Gerade bei Datenbanken ist das lästig und führt oft zu Verzögerungen. Die neue Form der Zusammenarbeit nennt sich heute "Kollaboration" und wird mit verschiedenen, meist geschützten Verfahren ermöglicht, häufig in Unternehmensnetzen. Wikis dagegen sind einfach. Einen Satz oder einen ganzen Eintrag auf einer Wiki-Website hinzufügen, das kann jeder Laie, meist sogar unangemeldet. Auszeichnungen im Schriftsatz (englisch "markups"), also Hervorhebungen und Links, sind noch einfacher vorzunehmen als mit HTML, der klassischen und ursprünglich ebenfalls schlichten Auszeichnungssprache "Hypertext Markup Language". Inzwischen braucht man bei Wikis nur im Browser eine eingegebene Passage zu markieren und im angezeigten Editor auf das zugehörige Symbol zu klicken, sei es Fettdruck, Kursivsatz oder ein Hyperlink, schon wird die Stelle mit den zugehörigen Sonderzeichen umrahmt, etwa mit zwei einfachen Auslassungszeichen ''für kursiv'' und dreien '''für fett''' (in HTML wäre das und beziehungsweise und ).
Änderungen mit Skript-Verfahren
Technisch funktioniert die Änderung immer nur mit einem im "hostenden" Server laufenden Programm, das die Benutzereingaben aufgreift und interpretiert. Bei Cunningham war das noch ein cgi-bin-Skript (cgi: common gateway interface). Inzwischen werden effizientere Skript-Verfahren verwendet, PHP - 1994 ursprünglich vom Dänen Rasmus Lerdorf als "persönlicher Hypertext Preprozessor" entwickelt - oder Perl (Practical Extraction and Reporting Language). Jedenfalls interpretiert das Programm auf dem Server, auf dem die Wiki-Website liegt, den vom fernen Korrektor und seinem PC über den Browser abgesandten Text und baut ihn flugs in die Wiki-Website ein.
Wie HTML hat das Wiki-Auszeichnungsverfahren verschiedene Entwicklungen durchlaufen, von einem ersten, unschön zu lesenden "Kamel-Kode" (Camel-Case) noch von Cunningham, wo für Verweise (Links) ein beliebiger einzelner Buchstabe im Wort groß geschrieben werden mußte und somit höckerartig hervorstand bis zur aktuellen "Mediawiki"-Software für Wikipedia, programmiert unter anderen von Brion Vibber, der inzwischen auch von der Wikimedia-Stiftung bezahlt wird. Von den kleinen Verfahrensunterschieden merkt der Anwender jedenfalls nichts. Selbst Cunninghams historische Wiki gibt es noch, auf www.C2.com.
Schnellheilungsprozeß
Wikis eignen sich nicht zum Austragen von Meinungsverschiedenheiten, dazu gibt es Diskussions-Foren, auch an Wikis angeschlossene. Vandalismus passiert, wird aber rasch von einem späteren Nutzer durch Wiedereinsetzen einer älteren Version repariert. "Wikipedia heilt innerhalb von fünf Minuten", belegt eine IBM-Studie. Ganz gelöscht werden Seiten nur im Konsens. Böse Menschen können ausgeschlossen werden, was aber extrem selten geschieht. Verwunderlich, ist, daß die Wiki-Technik noch nicht mehr in Unternehmen genutzt wird, in Intranets, aber dazu sind diese wohl zu alt, ist die demokratisch-kooperative Wiki-Technik zu neu. Selbst für gemeinsame Tagebücher, Blogs, Bedienungsanleitungen, vielleicht sogar Stammbäume eigneten sich Wikis.
Wikicities für den privaten Nutzer
Natürlich wollten wir selbst ein Wiki erstellen - das Ding ist sächlich. Doch unser Webhostingservice bietet einfachen Kunden wie uns, die wir sonst nur schlichte Websites veröffentlichen, keine Skripte an. Da wird nicht am Host herumprogrammiert. Unsere Websites lassen sich nur als ganze neu laden, und nur von uns selbst und über ein Paßwort. So klappt kein Wiki. Theoretisch hätten wir die Möglichkeit, uns zu Hause einen Web-Server zum Beispiel mit "Apache"-Software zu basteln, da wir mehr oder weniger dauernd mit dem Internet verbunden sind, und dann Skripte einzusetzen. Das war uns zu aufwendig und zu unsicher in bezug auf die Verfügbarkeit. Dann aber fanden wir einen nichtkommerziellen Wiki-Dienst, der einen Wikis ins Web stellen läßt, sogar gratis: Wikicities, eine relativ neue Gründung aus dem Oktober 2004 von Angela Beesley, die heute in Berlin lebt, und dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. In unser erstes Wiki haben wir Tips für den Blackberry eingestellt (http://blackberry.wikicities.com). Nun kann dort jedermann, der damit eigene oder andere Erfahrungen gemacht hat, nach Herzenslust hinzufügen, aber auch streichen und korrigieren. Das einzige Problem ist das Bekanntmachen eines Wiki, danach wird es zum Selbstläufer. Wer nur experimentieren will, findet viele Wiki-Spielwiesen, bei Wikipedia etwa auf http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Spielwiese.
Online-Lexikon
Ein wahrer Renner ist die "Wikipedia" geworden, die Web-Enzyklopädie im Wiki-Format. Inzwischen gibt es sie in mehr als hundert Sprachen, von Englisch mit einer Dreiviertelmillion Einträgen über Deutsch (300 000 Artikel) bis zu Latein (3500 Artikel, Pagina prima: Ave!) und Platt (1800 Artikel). Die Idee dieser freien Enzyklopädie stammt vom Internet-Enthusiasten Jimmy Wales. Im März 2000 begann er mit einem Lexikon, "Nupedia", dessen freiwillige Beiträge wie bei seriösen wissenschaftlichen Fachzeitschriften zunächst von Fachleuten aus dem gleichen Gebiet ("Peers") quergeprüft und von einer Redaktion unter Larry Sanger redigiert werden sollten, bevor sie ins Web durften. Das komplizierte, langwierige Verfahren schreckte ab.
Als die Enzyklopädie aber am 10. Januar 2001 als von jedermann bearbeitbares Wiki ins Netz ging, wuchs diese "Wikipedia" allen anderen Wikis davon. Hatte Nupedia in drei Jahren nur etwa 30 Artikel gezeugt, so zeigte Wikipedia schon nach einem Monat 1000 Einträge und im September desselben Jahres bereits mehr als 10 000. Heute sollen zwei Millionen überschritten sein, weltweit. Doch nicht die Menge macht es, sondern die Qualität, ja die Liebe, mit der Eintragungen verfaßt und verfeinert werden. Eine ganze Gemeinschaft von Spezialisten in ihrem jeweiligen Gebiet, sorgfältige, kritische Gegenleser, eifrige Korrektoren, kostenlose Bildermacher - Dargestelltes muß wie Wikipedia selbst frei kopier- und veränderbar sein - sind da am Werk, wahrlich ein Monument modernen Mäzenatentums.