30.08.2006 · Kostenlos telefonieren - überall auf der Welt: In der Werbung klingt Telefonieren übers Internet einfach sagenhaft. Auf der IFA 2006 wollen die Anbieter das Telefon-Märchens weiterschreiben. Doch bisher weist die Internet-Telefonie in der Realität Mängel auf.
Ein Computer, ein schneller Internetzugang und ein Telefonprogramm - das sind die Zutaten aus dem Internet-Telefonie gemacht wird. Die Anbieter heißen Skype, sipgate, PURtel und Co. Komfortabler werden die Gespräche durch Internet-Telefone und IP-Adapter. Sie ersetzen den PC. Die Stiftung Warentest hat drei Programme und zehn Geräte zum Telefonieren via Internet getestet. Ergebnis: Im Alltag verliert das Telefonieren via Internet seinen märchenhaften Reiz. So gut wie im Festnetz klingen die Gespräche nämlich nicht, und kostenlos sind sie nur selten. Trotzdem ist die Technik interessant.
Technik der Zukunft
Es ist die Technik der Zukunft: Telefonieren übers Internet - Voice over Internet Protocol, kurz: VoIP. Weil das Internet immer schneller und leistungsfähiger wird, laufen heute auch Telefongespräche und Videokonferenzen über das Netz. Computer oder IP-Telefone wandeln das gesprochene Wort in Daten um, packen daraus kleine Pakete und verschicken sie über das Internet. Der Computer oder das IP-Telefon des Empfängers sammelt die Pakete und setzt sie wieder in Sprache um. Vorteil von Voice over IP: Die Gespräche sind günstig. Es braucht nur noch ein Netz zum Telefonieren und Surfen. Wer im Internet telefoniert, ist überall erreichbar: ob London, New York, Sidney, Tokio, Moskau oder Berlin. Überall wo es Internet gibt. Praktisch rund um den Globus. Irgendwann könnte das Internet die klassischen Telefonnetze ganz ersetzen.
Die einfachste Variante der Internettelefonie ist das Telefonieren über den PC. Ein Telefonprogramm und ein Headset aus Kopfhörer und Mikrofon machen den Computer zum Telefon. Jeder zehnte Deutsche nutzt das Verfahren bereits. Die Software gibt es kostenlos im Internet. Die Teilnehmer eines VoIP-Dienstes wie Skype, sipgate, freenet, web.de oder gmx telefonieren untereinander sogar kostenlos. Auch die Gespräche in Partnernetze sind frei. So kooperieren etwa freenet, sipgate, SIP-phone.com, Strato und web.de. Für die Gespräche zu herkömmlichen Telefonanschlüssen berechnen die Anbieter ein bis zwei Cent pro Minute. Internetgespräche zu Mobiltelefonen kosten bis zu 25 Cent. Bei einigen Anbietern kommt noch eine Grundgebühr dazu: rund drei bis zehn Euro im Monat. Bei Strato gibt es einen Pauschaltarif: unbegrenzt telefonieren für 39,90 Euro.
Teurer als Call-by-Call
Unter dem Strich sind die Internetgespräche billiger als der Standardtarif der Telekom, aber teurer als ein Call-by-Call-Gespräch. Wer einfach nur sparen will, bleibt deshalb am besten im Festnetz und wählt günstigste Sparvorwahlen. Interessant ist die Internettechnik dagegen für Globetrotter und Handelsreisende. Voice over IP bietet neue Möglichkeiten. So sind VoIP-Kunden auf Wunsch weltweit unter ihrer Rufnummer erreichbar - egal wo sie sind. VoIP funktioniert auch vom Handy: zumindest mit einem Smartphone oder Pocket-PC. Voraussetzung: Ein W-LAN-fähiges Handy oder ein Pocket-PC mit dem Betriebssystem Windows Mobile, ein passendes Telefonprogramm und ein so genannter Hotspot - eine öffentliche Internetverbindung mit drahtloser Übertragung. Beispiel: Wer mit seinem W-LAN-Notebook oder Pocket-PC am Frankfurter Flughafen sitzt, kann über den dortigen Hotspot und seinen VoIP-Anbieter kostenlos mit New York telefonieren.
Komfortabler als über den PC funktionieren die Gespräche allerdings mit einem Internet-Telefon oder einem IP-Adapter. Sie ersetzen PC und Telefonprogramm. Über den IP-Adapter lassen sich normale Festnetztelefone ans Internet anschließen. Vorteil: Sie sind jederzeit erreichbar - auch wenn der PC nicht läuft. Ein Problem ist jedoch die Installation des Adapters selbst. Die Stiftung Warentest untersuchte zwei Modelle von Grandstream und Linksys. Bei Grandstream fehlten Informationen. Linksys lieferte die Anleitung nur auf Englisch. Verwirrend ist sie obendrein. Für Anfänger eine Zumutung. Erst nach der Installation taugen die Adapter auch für Laien. Viel besser ist die AVM Fritz! Box Fon WLAN. Sie kombiniert DSL-Anschluss, W-LAN-Router und IP-Adapter. Analoge Telefone und ISDN-Geräte können direkt angeschlossen werden. Handhabung einfach - auch für Laien.
Nur Siemens ist gut
IP-Telefone brauchen keinen Adapter: Sie werden direkt an den Router oder das DSL-Modem angeschlossen. Im Test: zwei Modelle von Siemens und UTStarcom (schnurlos) und ein kabelgebundenes Telefon von Grandstream. Nur das Siemens Gigaset C450 IP überzeugt. Das schnurlose Telefon funktioniert im Festnetz und im Internet. Gute Wahl für beide Netze. Preis: etwa 100 Euro. Das WLAN-Telefon von UTStarcom klingt dagegen unruhig. Es setzt oft aus. Das Grandstream BudgeTone ist klobig und wenig komfortabel. Mittlerweile gibt es übrigens schnurlose Telefone, die im Festnetz, im Internet und als Handy funktionieren. Die Deutsche Telekom wirbt derzeit für ihr Modell Sinus TC300.
So gut wie ein Festnetzgespräch ist der Plausch übers Internet aber noch nicht. Vor allem die Gespräche über den PC klingen eher rauschig und dünn. Am schlechtesten funktioniert die Übertragung mit Skype - dem beliebtesten Angebot in Sachen Internet-Telefonie. Das Telefonprogramm der Ebay-Tochter klingt unruhig, dumpf und abgehackt. Doch auch VoIP-Adapter, VoIP-Telefone und VoIP-TK-Anlagen reichen nicht an die Sprachqualität im Festnetz heran. Ein Grund ist die Zeitverzögerung bei der Übermittlung. Im Internet brauchen die Sprachpakete im Schnitt 250 Millisekunden bis zum Empfänger. Das Festnetz ist zehnmal schneller: Es transportiert die Information in nur 25 Millisekunden von Telefon zu Telefon. Hier muss das Internet noch aufholen.
Tips
Ausprobieren. Probieren Sie das Telefonieren übers Internet zunächst aus. Am besten mit einem Telefonprogramm für den PC. Die Software gibt es kostenlos im Internet. Außerdem benötigen Sie einen DSL-Anschluss und ein Headset (Kopfhörer und Mikrofon).
Ergänzen. Telefonieren übers Internet lohnt sich zunächst als Ergänzung zum Festnetz. Vor allem für Auslandsgespräche (die sind übers Internet billiger als bei der Telekom) und Gespräche zu anderen VoIP-Nutzern. Erst in Zukunft - wenn es DSL-Anschlüsse auch ohne Telefonanschluß gibt, kann das IP-Telefon den Festnetzapparat ersetzen.
Kostenlos. Gespräche zu anderen VoIP-Nutzern sind kostenlos, wenn die Teilnehmer denselben VoIP-Dienst benutzen. Etwa von Skype zu Skype. Auch die Gespräche in Partnernetze sind frei. So kooperieren etwa freenet, sipgate, SIP-phone, Strato und web.de. Wählen Sie den VoIP- Dienst, den auch Ihre Freunde benutzen.
VoIP-Telefon. Wenn Sie öfter über das Internet telefonieren, lohnt sich ein VoIP-Adapter für das analoge Telefon oder ein spezielles VoIP-Telefon. Vorteil dieser Geräte: Sie telefonieren unabhängig vom PC. VoIP-Telefon oder Adapter werden direkt an das DSL-Modem angeschlossen. Auch das Telefonieren über einen DSL-Router funktioniert. Den Rechner müssen Sie dafür nicht mehr einschalten.
Flatrate. Sie möchten alle Telefongespräche über das Internet führen und jederzeit erreichbar sein? Dann brauchen Sie eine Flatrate, zu deutsch: einen Pauschaltarif. Preis: ab etwa 20 Euro im Monat. Flatratekunden sind rund um die Uhr mit dem Internet verbunden. Wenn Sie auch unbegrenzt telefonieren wollen, brauchen Sie zusätzlich eine VoIP-Flatrate. Mit einer solchen Flatrate sind alle Gespräche frei. Preis: ab 40 Euro (Strato).
Qualität nimmt zu. So gut wie ein Festnetzgespräch ist der Plausch übers Internet noch nicht. Die Gespräche klingen etwas rauschig und dünn. Das soll in Zukunft besser werden: Durch schnellere Server und bessere Technik. Bis dahin sollten Sie Ihren Festnetzanschluß behalten, wenn Sie beste Qualität brauchen.
Stromausfall. Ob Computer, VoIP-Telefon oder VoIP-TK-Anlage: Ohne Strom läuft nichts. Greifen Sie deshalb auf Ihr Handy zurück, wenn der Strom ausfällt.
Fax. Analoge Faxgeräte lassen sich auch mittels IP-Adapter nicht an das Internet anschließen. Die Adapter sind für menschliche Sprache gemacht. Die Umwandlung von Faxsignalen funktioniert nicht korrekt. Versenden Sie Texte und Bilder statt dessen per E-Mail. Über spezielle Gateways können Sie Ihre E-Mail auch an analoge Faxgeräte senden.
Notruf. Feuerwehr und Polizei arbeiten im Festnetz. Die meisten VoIP-Anlagen geben Notrufe deshalb an das Festnetz ab. Wird der Notruf dagegen übers Internet übertragen, kann der Anrufer nicht direkt geortet werden. Ein Sicherheitsrisiko. Geben Sie bei einem Notruf stets Namen, Anschrift und Hausnummer an.