06.12.2004 · Karlheinz Brandenburg, Erfinder des MP3-Formats, über die Fehler der Medienindustrie im Internet, deutsche Kapitalgeber und den Klang der Zukunft - ein F.A.Z.-Interview.
Karlheinz Brandenburg und sein Team haben am Fraunhofer-Institut in Erlangen das MP3-Format erfunden und damit die Musikindustrie revolutioniert. Dank MP3 lassen sich Musikstücke leicht über Internet-Leitungen übertragen, auf Handys herunterladen oder auf Festplatten speichern. Nach der Musikwelt hat sich der Erfinder nun der Klangwelt zugewandt.
Apple, Musikload, AOL, jetzt Medion: die legalen Plattformen für den Musik-Download im Internet schießen wie Pilze aus dem Boden. Dennoch werden bei den Tauschbörsen immer noch weit mehr Musikstücke ausgetauscht. Können die legalen Angebote jemals aufholen?
Das Verhältnis wird sich ausgleichen. Aber vorher muß noch einiges geschehen. Die jetzigen Download-Plattformen fangen erst an, die Möglichkeiten des neuen Mediums zu nutzen. Die Plattformen müssen den Kunden mehr bieten als nur Musik. Zum Beispiel können alle Live-Versionen eines Musikstückes zum Download bereitgestellt werden. Das ist im normalen Geschäft nie machbar, weil die Vertriebskosten zu hoch sind.
Die Musikindustrie setzt auf die Justiz, um den illegalen Musiktausch im Internet zu unterbinden. Kann man das Problem damit in den Griff bekommen?
Hier ist Augenmaß ganz wichtig. Illegales Verhalten im großen Stil muß verfolgt werden. Aber die Musikindustrie darf nicht auf die eigenen Kunden losgehen.
Wiederholt die Filmindustrie die Fehler der Musikindustrie?
Nicht alle. Die Filmindustrie hat einige Dinge von Anfang an besser gemacht. Zum Beispiel bietet eine gekaufte DVD Zusatzfunktionen, die illegale Kopien nicht bieten können. Aber die Filmindustrie darf sich nicht in Sicherheit wiegen. Technisch wird es immer leichter, Filme illegal aus dem Internet zu laden.
Wird der Kopierschutz seine gewünschte Wirkung entfalten?
DVDs waren von Anfang an ein geschütztes Medium, während die CD erst im nachhinein in ein geschütztes Medium umgewandelt werden soll. Aber das ist ein Desaster, weil die CD nicht mehr überall abgespielt werden kann. Damit wird das Medium beschädigt.
Musik und Filme werden sich von physischen Datenträgern entkoppeln. Die Daten werden dann per Internet oder Funk übertragen werden, wenn sie benötigt werden. Wie schnell wird diese Entwicklung voranschreiten?
Nach dem Mooreschen Gesetz wird in zehn Jahren auf einem Handy so viel Speicherplatz sein wie heute auf einer DVD. Dann kann ich auch von einem Handy Hunderte Stunden Musik oder meine Filme abspielen.
Heute gibt es Handys, mit denen Musik gespielt werden kann, und zudem werden MP3-Player entwickelt, mit denen auch telefoniert werden kann. Wie wird die Konvergenz weitergehen?
Konvergenz heißt nicht, daß es am Ende nur eine Art Endgerät geben wird. Es wird auch in Zukunft spezialisierte Geräte geben. Wichtig ist die gemeinsame Sprache zwischen den Geräten. In diese Richtung passiert sehr viel zur Zeit. Zum Beispiel haben sich die großen Handy-Hersteller frühzeitig um Lizenzen bemüht, um ihre Handys in großen Stückzahlen in MP3-Player umzuwandeln.
Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte zur Zeit?
Wir arbeiten in den Fraunhofer-Instituten an der Erweiterung von MP3, um eine bessere Klangqualität zu erreichen. Daneben erforschen wir Metadaten, um Musik leichter zu finden, zum Beispiel, indem ich die Melodie pfeife. Und wir arbeiten unter dem Stichwort "Iosono" massiv an der Klangqualität der Zukunft.
Wie klingt die Zukunft?
Mit sehr vielen Lautsprechern ist es möglich, den Entwicklungsschritt von Mono zu Stereo zu wiederholen. Dies ist für den ersten Schritt nur für Profis wie Kinobetreiber interessant, kostet es doch heute so viel wie ein Eigenheim. Erst in einem zweiten Schritt ist Iosono auch für private Haushalte interessant. Iosono hat das Potential, größer zu werden als MP3.
Wo liegt der Vorteil?
Computer rechnen für jeden Lautsprecher genau aus, welche Schallwellen er erzeugen soll. Mit diesen Verfahren lassen sich Geräusche räumlich sehr genau orten. Damit wird ein sehr natürliches Klangerlebnis geschaffen. Wir wollen Iosono nun von Deutschland aus in den Markt bringen. Aber es ist sehr schwierig, Investoren für solche Erfindungen in Deutschland zu finden.
Wäre das ein Grund für Sie, nach Amerika zu gehen?
Nein, aber jedesmal besteht die Gefahr, daß die Amerikaner Erfindungen schneller aufnehmen. Schon bei der Erfindung des MP3-Formates haben wir versucht, deutsche Unternehmen für die Idee zu begeistern. Ohne Erfolg. Schließlich war das Unternehmen, das MP3 entscheidend vorangetrieben hat, ein Mittelständler aus Cleveland/Ohio. Deutsche Kapitalgeber wollen immer erst einmal schauen, daß ein Unternehmen erfolgreich ist.
Ihre Erfindung MP3 hat die Musikwelt revolutioniert. Hat sich die Erfindung für Sie gelohnt?
Ich kann mich in keiner Weise beschweren. In Deutschland gibt es das Arbeitnehmererfindergesetz. Ich bin finanziell unabhängig - was will ich mehr.