18.06.2009 · ICQ, MSN, Skype & Co.: Instant Messenger sind eine weitere Form der digitalen Kommunikation - sei es privat oder am Arbeitsplatz. Bereits über sechs Millionen Deutsche nutzen sie. Doch dieser Informationsaustausch in Echtzeit birgt auch Risiken.
Von Stefan HerberIm 21. Jahrhundert kommunizieren Menschen untereinander häufiger als je zuvor. Ursache für dieses Verhalten sind die technischen Voraussetzungen, die mittlerweile in vielfältiger Weise bestehen. Auf das Festnetztelefon folgte das Handy, kurz darauf kam die SMS hinzu. Das Versenden von Kurznachrichten war zunächst ein kostenloses, technisches Nebenprodukt, das sich später als das gewinnbringendes Feature herausstellte. Vor etwa zwanzig Jahren startete das World Wide Web. Zu jener Zeit gab es die E-Mail schon. Auch wenn sie in der Unternehmenskommunikation sehr beliebt ist, hat sie ihre Schwächen.
Deshalb wird in vielen Firmen und Unternehmen inzwischen über Instant Messenger kommuniziert. Zu den bekanntesten Messenger zählen ICQ, MSN Live Messenger, AOL Instant Messenger oder auch Skype. Sie sind kostenlos, ein Konto ist schnell angelegt. Jeder Nutzer kann in seiner Taskleiste des Betriebssystems die eingehenden Nachrichten verfolgen. Die „Freundesliste“ schränkt die Kommunikation auf ausgewählte Nutzer ein, die vorher per Anfrage hinzugefügt wurden. Innerhalb einer Liste sehen die Nutzer jederzeit, wer gerade online ist und können die anderen in einem Fenster via Chat anschreiben, ihnen Dateien zusenden, einen Videochat starten und mit ihnen „telefonieren“.
Von der Pizza-Bestellung bis zur Terminabsprache
Die Darmstädter Kommunikationsagentur Camao benutzt Instant Messaging zur internen Kommunikation. „Jeder Mitarbeiter verwendet an seinem Arbeitsplatz einen Skype-Account“, sagt Camao-Geschäftsführer Christian Wiebel. „Sie nutzen diesen für die verschiedensten Zwecke: Pizza-Bestellung, Dateien- und Textaustausch, Terminabsprache und Diskussionen zu Fragestellungen aller Art.“ Die Gefahr, dass Mitarbeiter durch Instant Messaging vermehrt privates kommunizieren, sieht Wiebel nicht. „Wir haben das Vertrauen in unsere Mitarbeiter, dass die Balance zwischen privater und beruflicher Nutzung in einem akzeptablen Verhältnis bleibt“. Ob die Arbeitseffizienz durch die Nutzung von Instant Messengern gestiegen ist, kann Christian Wiebel nicht belegen. „Unsere Vermutung ist aber, dass die Vorteile der Kommunikation mit Skype wie etwa die hohe Komplexität in der Bewältigung von mehreren Fragen gleichzeitig, die Nachteile längerer Telefonate mindestens aufwiegen“.
Eine Untersuchung an den Universitäten Ohio State und California belegen diese Vermutung. Demnach wirke sich die Produktivität der Mitarbeiter durch das Instant Messaging positiv aus. Dies wird durch den knappen und konstruktiven Informationsaustausch begründet. Derzeit gebe es an den Arbeitsplätzen zwar noch eine Mischform aus offizieller und privater Nutzung von Messaging-Diensten. Jedoch konnte in der Untersuchung die Annahme widerlegt werden, dass die Chat-Funktion die Mitarbeiter von der Arbeit abhalte.
„Eine Schutzfunktion durch Anonymität“
Bei Camao war die Einführung des Instant Messengers „ein schleichender Prozess, der vor etwa 10 Jahren mit ICQ begann. Den Ausschlag zu einem grundsätzlichen Einsatz gab der Umzug von einem Großraumbüro in ein Büro mit vielen einzelnen Räumen“, so Wiebel. Instant Messaging kann für Unternehmen allerdings auch eine Gefahr sein. Die Sicherheit des Betriebssystems wird teilweise stark beeinträchtigt. Durch das Öffnen bestimmter digitaler „Türen“ können Eindringlinge Spyware installierten oder Phishing-Attacken starten. Ebenso ist das Netzwerk nicht mehr so gut geschützt gegen Viren und Würmer. „Tatsächlich werden Ports, die ausschließlich für Skype eingesetzt werden, besonders beobachtet, um möglichen Risiken vorzubeugen“, so Geschäftsführer Wiebel. So würden insbesondere vertrauliche Dokumente per E-Mail versendet.
Instant Messenger sind ebenso verbreitet und sehr beliebt in der privaten Kommunikation. Die Gründe dafür liegen allerdings woanders. Effizienz und schnelle Kommunikation sind dort selten notwendig. Die Wiener Psychologin Barbara Singer sieht einen Hauptgrund in der Anonymität. „Es ist in gewisser Weise, die Angst sich zu zeigen, wie man wirklich ist. Die Menschen haben durch die Anonymität beim Chatten für sich eine gewisse Schutzfunktion entdeckt, sie können sich anders darstellen und müssen sich nicht so zeigen, wie sie eigentlich sind. Aus welcher sozialen Schicht etwa jemand stammen, kann dabei nicht konkret kategorisiert werden“. Mit Hilfe dieser Kommunikationsform kann somit jeder „eine Rolle einnehmen und sich so darstellen, wie er oder sie gerne sein möchte“.
Keine „Lebenshilfe“ gegen die Einsamkeit
Die Einsamkeit spiele dabei eine große Rolle. „Es kann sein, dass die chattenden Personen schon soziale Kontakte haben, diese aber vielleicht nicht so erfüllend sind und man sich dadurch innerlich einsam fühlt. Leute, die wirklich erfüllende soziale Kontakte haben, werden den Chat nicht so häufig nutzen“. Warum baut dann aber jemand eine falsche Identität auf, wenn er doch auf diesem Wege neue Leute kennenlernen und somit sein soziale Umfeld ausbauen könnte? Für Barabara Singer ist die Erklärung einfach: „Oft kommen diese Leute mit sich selbst nicht klar, sind mit sich selbst und ihrer Rolle im Leben unzufrieden und wären gerne anders. Der Chat ist dabei eine Möglichkeit diese Phantasie aktiv auszuleben und in diesem Moment glauben die Leute auch daran“.
Trotzdem sei diese Form der Kommunikation keine „Lebenshilfe“ gegen die Einsamkeit, sondern vielmehr eine „Pseudo-Hilfe, die die eigentliche Wurzel der Einsamkeit nicht bekämpfen kann. Sie wird sie zwar kompensieren können, so dass sich der Mensch für den Moment besser fühlt, aber das Grundübel, das dahinter steckt, wird es nicht auflösen können“, so Singer. Natürlich sei nicht jeder, der chattet, auch einsam. Man könne auf dieser Art auch kommunizieren, um bereits bestehenden Freundschaften zu pflegen. Dafür sind Instant Messenger ein weiteres Kommunikationsmittel.
Es wird weiter gechattet
Im vergangenen Jahr zeigte eine Studie des Markforschungsunternehmens TNS Global Telecoms Insight (GTI), in der rund 17.000 Menschen in 30 Ländern befragt wurden, dass weltweit 11 von 100 versendeten digitalen Nachrichten über Instant Messenger versendet wurden. In Deutschland, so die Studie, nutzen bereits über sechs Millionen Menschen Instant Messenger. Dabei soll das mobile Instant Messaging via Handy herkömmlichen Nachrichtendiensten wie E-Mail oder SMS schon bald den Rang ablaufen.
So beträgt der Anteil von mobilen Instant-Messaging-Nachrichten gegenüber allen versendeten Textnachrichten 36 Prozent, wohingegen der Anteil an versendeten SMS von 38 auf 23 Prozent zurückgegangen ist. Die Anteil von E-Mails im Vergleich zu anderen Nachrichten liegt nur noch bei 21 Prozent statt bisher 31 Prozent. Es könnte also sein, dass in absehbarer Zeit das Instant Messaging den E-Mail-Verkehr ersetzen wird.