Home
http://www.faz.net/-gyc-10zfk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

HTC Touch HD Fast ein iPhone-Killer

24.11.2008 ·  Alle gegen Apple: Das HTC Touch HD hat ein größeres Display als das iPhone und eine überlegene technische Ausstattung. Das Produkt erreicht aber trotz Touch Flo weder den Charme noch die Faszination des Apple-Kleinods.

Von Michael Spehr
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Das könnte ein "iPhone-Killer" sein, war unser erster Gedanke, als HTC sein neues Smartphone Touch HD vorstellte. Nicht nur, weil der taiwanische Hersteller seit einigen Jahren mit Windows-Mobile-Geräten und geradezu explodierenden Umsätzen ungemein erfolgreich ist. Auch Ausstattung und technische Daten zeigen in die richtige Richtung, und vor allem stellt das riesige Display mit einer Auflösung von 480 × 800 Pixel und einer Diagonale von fast zehn Zentimeter alles in den Schatten, was man bislang gesehen hat. Nur das Xperia X1 von Sony Ericsson kann hier einigermaßen mithalten.

Das Touch HD entspricht nach Maßen (11,5 × 6,3 × 1,3 Zentimeter) und Gewicht (150 Gramm) der typischen iPhone- oder Blackberry-Bauweise, kann also noch halbwegs kommod in der Hemdentasche getragen werden. Die berührungsempfindliche Anzeige nimmt die gesamte Vorderseite ein, und das Design mit seinen klaren und schlichten Linien spricht ebenfalls für den Erfolg. Vier Tasten am unteren Rand müssen zusammen mit dem magnetisch im Gehäuse gehaltenen Stift für die Bedienung ausreichen. Die Vier-Wege-Wippe mitsamt Drehrädchen des kleineren HTC Touch Diamond fehlt. Konzentriert auf das Wesentliche sind die Anschlüsse nach außen: Eine Mini-USB-Buchse zum Laden des Akkus und zur PC-Anbindung sowie eine 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse sind schon alles, und zum Wechsel der Micro-SD-Karte (8 Gigabyte mitgeliefert) muss man die Akkuabdeckung entfernen. Aber so wirkt das Gerät elegant, und dankenswerterweise ist die Rückseite wieder in einem matten Kunststoff gehalten, während der glänzende Diamond schnell Fingerfett und andere Spuren aufnimmt.

Alles, was Stand der Technik ist

Bei der Ausstattung darf man von HTC nur das Beste erwarten und findet alles vor, was Stand der Technik ist: UMTS und HSDPA, Wireless-Lan, Bluetooth und eine 5-Megapixel-Kamera. Der Qualcomm-Prozessor arbeitet mit 528 Megahertz (wenngleich gelegentlich kurze Aussetzer stören), der Arbeitsspeicher bietet üppige 288 Megabyte. Ein Assisted-GPS-Empfänger für die Navigation ist ebenfalls dabei, als Betriebssystem kommt Windows Mobile 6.1 mit der von HTC entwickelten Bedienungsoberfläche Touch Flo zum Einsatz. Sie soll Windows etwas aufhübschen und arbeitet mit einer Fingersteuerung wie das iPhone. Mit dem HTC-Zusatzprogramm (das sich deaktivieren lässt) kann man Internet-Browser, E-Mail, Musik und Fotos sowie den Heute-Startbildschirm kontrollieren. Bei Fotos und Musik kann man à la iPhone flink mit dem Finger durch die Liste der Aufnahmen rollen, in der E-Mail-Abteilung gucken die neuen Nachrichten herzallerliebst aus einem geöffneten Briefumschlag hervor.

Also alles wie beim iPhone? Nein, in den Kernbereichen des Betriebssystems landet man dann doch wieder auf der Windows-Oberfläche, wobei manchmal die Fingersteuerung funktioniert, aber nicht mit allen Gesten auf dem Display, häufig aber nicht, und dann braucht man doch wieder den Stift. Kurzum: Während das iPhone bis ins Detail einer einheitlichen Logik folgt, fragt man sich hier immer wieder, was jetzt wie zu bedienen ist.

Anbindung an Exchange-Server funktioniert prima

Wir haben Touch Flo nach kurzer Zeit ausgeschaltet und hatten dann ein Windows-Mobile-Gerät, das sehr gefiel. Die Anbindung an einen Exchange-Server funktioniert prima, und wer unterwegs E-Mails schreiben will, kann nach eigenem Gusto zwischen verschiedenen virtuellen Keyboards, drei Handschrifterkennungen und T9 sowie einer Wortergänzung wählen. Eine You-Tube-Software zeigt Videos aus dem Internet, der RSS-Reader überzeugt. Pfiffige Details kommen dazu: Der Bewegungssensor dreht den Bildschirm automatisch mit dem Handy ins Querformat. Liegt das Gerät mit dem Display nach oben auf dem Tisch und geht ein Anruf ein, muss man den Touch HD nur umdrehen, um den Klingelton vorübergehend auszuschalten. Nimmt man den Stift aus der Halterung, wird das Gerät automatisch entsperrt.

Die interessanteste Frage ist natürlich, ob und wie sich ein XXL-Display bewährt. Auffallend ist zunächst, dass sich die virtuelle Tastatur viel besser mit dem Finger bedienen lässt, weil sie so schön groß ist. Bei den kleineren Windows-Geräten benötigt man stets den Stift. Einige Menüs hingegen wirken deutlich zu groß und lassen sich auch nicht verkleinern. Für die Wiedergabe von Videos und Clips ist die Anzeige bestens geeignet, beim Lesen von E-Mails, PDF-Dokumenten oder Word-Dateien profitiert man ebenfalls von der opulenten Größe. Enttäuschend wie beim Xperia X1 ist hingegen das, was die beiden Internet-Browser zeigen: Neben dem schwachbrüstigen Microsoft-Produkt gibt es Opera. Dieses hat viele Vorzüge, zeigt beispielsweise ganze Seiten in iPhone-Manier relativ schnell an, ist aber - wir haben beide an einem W-Lan-Router verglichen - nicht so flink wie der Safari-Browser des Apple Kleinods, nicht so intuitiv zu bedienen und bisweilen geradezu zickig. Warten wir also auf einen Firefox für Windows Mobile.

Enttäuschend ist die eingebaute Kamera

Wie gut ein Navigationssystem auf dem HTC arbeitet, konnten wir bislang nicht ausprobieren. Im Lieferumfang ist lediglich das kostenlose Google Maps enthalten. Es arbeitet mit dem eingebauten Satellitenempfänger einwandfrei, und die GPS-Ortung ist selbst unter schwierigen Bedingungen sehr ordentlich. Enttäuschend ist wie beim Diamond die eingebaute Kamera: Der Autofokus arbeitet sehr langsam, die Fotos wirken leicht verschleiert und sind stark komprimiert, Innenaufnahmen gelingen nur selten. Im Unterschied zum Diamond hält der Akku etwas länger durch: anderthalb bis zwei Tage sind durchaus zu realisieren, wenn man auf GPS verzichtet.

Der Touch HD ist eine schöne Variante des nahezu identisch ausgestatteten Diamond (rund 400 Euro), der etwas kompakter ist und ein Display mit 480 × 640 Pixel mitbringt. Das neue Gerät für rund 600 Euro ist mit seiner größeren Anzeige vor allem in Sachen Multimedia und E-Mail ein Gewinn. Es ist deutlich besser ausgestattet als das iPhone, man denke nur an die vollständige Bluetooth-Funktionalität mitsamt Sim-Access-Modus für den Einsatz im Auto oder Stereo-Musikübertragung. Er erreicht aber trotz Touch Flo weder den Charme noch die Faszination des Apple-Kleinods. Für denjenigen, der beruflich um ein Smartphone mit Windows nicht herumkommt, ist der Touch HD indes ein tolles Produkt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr