Home
http://www.faz.net/-gyc-74m6z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hochfrequenzhandel Der Turbo-Algorithmus im Börsennetz

 ·  In den Vereinigten Staaten werden zwei Drittel aller Aktienaufträge von Computern ausgeführt. Auf 250.000 Käufe und Verkäufe je Sekunde bringen es die Großrechner.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (5)
© Helmut Fricke Vergrößern Handzeichen waren einmal - längst muss der Händler seine Kurse auf Bildschirmen im Blick und im Griff haben

Als an einem Donnerstag im Oktober 2010 die Aktienkurse an der New Yorker Wall Street praktisch im freien Fall waren, geriet mancher Börsianer in Panik. Binnen weniger Minuten rauschte der Aktienindex Dow Jones um fast 1000 Punkte nach unten. Und selbst als sicher geltende Papiere wie die Anteilscheine von Procter & Gamble verloren fast die Hälfte ihres Wertes. Schuld an diesem „schwarzen Donnerstag“ war der Computer. Und nach vielen Monaten intensiver Ursachenforschung kam die amerikanische Börsenaufsicht zu dem Schluss: Es war kein Computerfehler. Der Kurssturz hatte System. Und dieses System steckt in den Programmzeilen der Software, die automatisch mit Aktien handelt. Macht sie das mehrere hunderttausend Mal je Sekunde, kann das zu Dominoeffekten führen, die einen Aktienindex dramatisch abrutschen lassen.

Die Vorsitzende der amerikanischen Börsenaufsicht, Mary Schapiro, will dem einen Riegel vorschieben. Doch dazu müssten die sündhaft teuer ausgerüsteten Rechenzentren für den Hochgeschwindigkeitshandel kontrolliert werden. „Da haben wir zurzeit keine Chance“, sagt sie. Denn die amerikanische Börsenaufsicht ist dramatisch schlecht ausgestattet. „Wir haben gerade mal 730 Prüfer im Einsatz, und die prüfen 30.500 Handelseinheiten“.

Drei Jahre bis die Computer in den Handelshäuser stehen

Allein um das Geschehen von zehn Handelsminuten in einem der Hochleistungs-Rechenzentren aufarbeiten zu können, benötigt ein gut ausgebildeter und mit leistungsfähigen Analysecomputern ausgestatteter Prüfer vier bis fünf Wochen. Doch viele Prüfer in den Vereinigten Staaten sind nicht gut ausgebildet. Und ihre Ausstattung gilt unter Algotrading-Spezialisten als schlechter Witz. Die meisten Rechenzentren liegen auf dem Land, in der Nähe von New York im Bundesstaat New Jersey. Die Hochgeschwindigkeitshändler lassen sich hier weder in die Algorithmen noch in die Rechner schauen. Ein Ökonom, dem dies vor zwei Jahren gelang, wechselte nach Veröffentlichung der Studie Branche und Beruf. So stark war der Druck, der von den schnellen Händlern ausgeübt wurde.

Doch auf Konferenzen über numerische Simulation und Algorithmenentwicklung sowie auf diversen Supercomputer-Konferenzen geben die Entwickler dann doch eine Menge über diese sich ansonsten so verschlossen zeigende Branche preis. So haben Beauftragte von Hedgefonds Renaissance Technologies in New York auf einer Konferenz im Jahr 2011 mitgeteilt, dass sie ausschließlich an Handelssoftware interessiert seien, die Aufträge auf bis zu 90.000 Rechnerknoten verteilen könne.

Durchschnittlich werden im Hochgeschwindigkeitshandel 60 Millionen Käufe und Verkäufe je Tag und Handelseinheit abgewickelt. Gegenwärtig liegt das je Sekunde mögliche Handelsvolumen eines Hochgeschwindigkeits-Rechenzentrums bei durchschnittlich 250.000 Transaktionen. Bis zum Jahr 2014 werden von den auf der Welt führenden Handelshäusern 400.000 Transaktionen in der Sekunde angestrebt.

Nur wenige Monate nachdem es der japanische K-Computer mit einer Rechenleistung von 8,1 Billiarden Gleitkommaoperationen je Sekunde auf Platz 1 der Top-500-Liste der schnellsten Rechner der Welt geschafft hatte, gingen die ersten Anfragen von Händlern im Tokioter Technologieministerium ein. In der Regel dauert es drei bis vier Jahre, bis die erstplazierten Supercomputer, die an vorderster technischer Front liegen, es in die Handelshäuser geschafft haben.

Noch immer treffen menschliche Fachleute Entscheidungen

Denn die Rechenleistung der bestplazierten Supercomputer ist nur ein Element im Hochgeschwindigkeitshandel. Damit sie in den Handelshäusern eingesetzt werden können, müssen auch die Ein- und Ausgabe-Geschwindigkeit, die Bandbreite der Kommunikationskanäle und die Leistungsfähigkeit der eingesetzten Massenspeichersysteme stimmen. Alles das berücksichtigen die Supercomputer-Entwickler bei ihrem Wettrennen um Platz 1 auf der Liste der schnellsten Rechner der Welt nicht.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (35) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Michael Lewis’ „Flash Boys“ Absahnen im Nanosekundentakt

Was taugen Börsennachrichten? Michael Lewis attackiert mit „Flash Boys“ den Hochfrequenzhandel und zeigt, wie Märkte und Privatanleger manipuliert werden. Mehr

18.04.2014, 19:37 Uhr | Feuilleton
Börsengang in Gefahr Mit Hochdruck gegen die Hochfrequenzhändler

Der New Yorker Staatsanwalt Eric Schneiderman verschärft seinen Kampf gegen die „Flash Boys“. Das gefährdet auch den Börsengang von Virtu. Mehr

18.04.2014, 16:15 Uhr | Finanzen
Eine Antwort auf Martin Schulz Wir sind widersprüchlicher als unser digitaler Zwilling

Bleibt am Menschen nicht immer etwas übrig, das so unberechenbar ist, dass selbst der komplexeste Algorithmus an seine Grenzen stößt? Eine grüne Antwort auf das Schreckensszenario des „determinierten Menschen“ von Martin Schulz. Mehr

11.04.2014, 10:54 Uhr | Feuilleton

28.11.2012, 12:16 Uhr

Weitersagen
 

Karl, jetzt ein Osterei

Von Michael Spehr

Karl Klammer, der in Amerika Clippy hieß, war zu seinen Lebzeiten kein „Easter Egg“, aber er ist es jetzt, wenn er im Windows Phone 8.1 wiederauflebt. Mehr 15