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Hausbesuch bei Google Wir retten das Buch in die Zukunft

06.07.2009 ·  Google weiß, was Leser wünschen. Zumindest redet es uns das ein. Ein Überraschungsbesuch in der Zentrale des Suchmaschinenkonzerns - bei einer Macht, die, wie sie sagt, nur das Beste für uns will.

Von Mara Delius
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Mountain View. „Eins ist klar: Die Debatte ist voller Missverständnisse. Also noch mal von vorn. Bei allem, was wir tun, fragen wir uns: Wie können wir den Leuten nutzen? Das ist offensichtlich. Selbst für unsere Kritiker. Niemand behauptet, wir würden irgendwem schaden. Niemand behauptet, wir würden uns so verhalten, dass ein Autor seine Bücher nicht mehr verkaufen kann. Überhaupt: Niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Projekte wie unseres gibt es zuhauf, nur ist unseres eben das beste. Es lässt mehr Leute mehr Bücher einfacher und schneller finden und damit auch einfacher und schneller kaufen. Niemand bestreitet, dass das eine gute Sache ist.“

Der Mann lehnt sich im Sessel zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Für einen Moment schließt er die Augen. Er will doch nur eins, er will das Gute in die Welt der Bücher bringen. Was gibt es da noch zu erklären? Der Mann ist erschöpft. Er ist über den Parkplatz des Firmengeländes gelaufen, das abseits der Stadt liegt, hingeworfen auf flaches Land, und ist eingebogen auf den Weg, an dessen Ende die drei Gebäude liegen, einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig, in der Sonne glitzern sie wie Versprechen. Auf sie ist er zu, vorbei an den langen Tischen, an denen seine Kollegen zu Mittag essen, vorbei an der Hüpfburg, auf der ihre Kinder spielen, vorbei am Volleyballfeld und an den Plakaten für die Filmnacht.

Ideen auf engem Raum

Die Tür der Dreiundvierzig hat sich lautlos geöffnet und den Blick freigegeben auf die weiße, mächtige Treppe. Unten sammelten sich Besucher, andächtig blickten sie hoch, die Köpfe im Nacken, als könnten sie dort oben die Zukunft sehen. Zwei Stufen auf einmal hat er genommen. Er ist vorbeigelaufen an den schmalen Glaskästen, in denen sie arbeiten, weil auf engem Raum neue Ideen entstehen – so sagen es die Firmengründer. Der Teppich im Flur hat die Schritte seiner Turnschuhe noch leiser gemacht, rasch hat er den Kollegen am Billardtisch zugenickt und ist weitergegangen, durch eine der Küchen, die ausgestattet sind wie Delikatessenläden, hindurch zwischen den Regalen, in denen sich Lifestyle-Magazine stapeln, und vorbei an den Schlafkapseln mit Vogelgezwitscher vom Band.

Sein Name ist Alexander Macgillivray. Er ist Jurist für geistiges Eigentum in der Zentrale von Google in Mountain View, Kalifornien, und einer der Vertreter der Firma im Rechtsstreit über Urheberrechte. Er ist Mitte dreißig, Absolvent der Harvard Law School und arbeitet seit sechs Jahren am Projekt Google Book Search. Wenn er nicht auf Konferenzen zum Thema Internetrecht auftritt oder Start-up-Firmen berät, schreibt er einen Blog über Urheberrechtsfragen, Softwareentwicklungen und darüber, wie er alkoholfreie Cocktails mischt. Er ist, was sie hier halb anerkennend, halb spöttisch einen „geek“ nennen, einen Technikbesessenen, für den Arbeit und Privates eins sind.

Denke lieber ungewöhnlich

„Hi, ich bin Alex“, so hat er sich vorgestellt, um zu erklären, worin das Gute besteht, wenn Google Bücher einscannt und ins Internet stellt. So erlaubt es das Abkommen des Konzerns mit der American Authors Guild und der Association of American Publishers, das im Oktober 2008 geschlossen wurde. Alex öffnet die Augen und schwingt im Sessel nach vorn. „Am Anfang von unserem Projekt Google Book Search stand ein klarer Gedanke: Bücher sollten genauso leicht zu finden sein wie Internetseiten. Genauso, wie man oft nur das testet, was man messen kann, und nicht das, was wichtig ist, hat man lange Zeit beim Suchen nach Informationen nur Internetseiten gefunden und keine Bücher. Und das wollten wir ändern. Damit Leute wenigstens verstehen können, was relevant ist: das Buch!“ Alex strahlt.

Er spricht begeistert, wie ein Erfinder. Erzählt von damals, als sie den Prototyp eines Buchscanners entworfen haben, bei einem der Gründer im Büro, als ihr ehrgeizigstes Ziel das Einscannen von einer Million Büchern war, ein waghalsiges, verrücktes Vorhaben. Oder von jetzt, wenn sie von zehn Millionen Büchern sprechen, einem Riesenprojekt, ungeheuer schwierig, das überhaupt anzugehen, auch weil es so kostspielig ist. Aber sie dächten eben anders hier, wild und riskant, und so hätten sie bei der Umsetzung ihres Gedankens nicht einfach den Profit im Sinn gehabt, sondern an den Nutzen für alle gedacht, der das Projekt irgendwann profitabel machen würde.

Rhetorik der vollendeten Tatsachen

Warum regt sich dann überhaupt Widerstand gegen das Gute, wie Google es definiert? „Nehmen wir die Urheberrechtsfrage. Wenn es heißt, das Urheberrecht werde verletzt, dann ist das doch etwas seltsam. Längst ist gerichtlich geklärt worden, dass es nicht so ist. Es gibt Leute, die ziemlich üble Sachen über uns sagen, aber die Vorzüge des Projekts verstehen und auch in Anspruch nehmen wollen.“ Alex lacht kurz auf. „Wir nehmen das Urheberrecht ungemein ernst. Ein Stab von Anwälten stellt sicher, dass wir das Äußerste tun, geltendes Recht zu befolgen.“ Seine Augen werden schmal. „Eigentlich könnten wir uns über die Einwände der Rechteinhaber hinwegsetzen. Aber wir tun es nicht. Wir erlauben das ,opt-out‘. Manch einer hat diesen Punkt mit unserer Haltung in der Debatte insgesamt verwechselt. Natürlich glauben wir nicht, dass das Urheberrecht eine Art ,opt-out‘ ist. Niemand denkt das. Das wäre lächerlich.“

Aber was, wenn ein Autor, ein Verleger am Guten zweifelt? Wie wäre er zu überzeugen, dass er seine Bücher bei Google zugänglich machen soll? „Es ist nicht unsere Aufgabe, irgendwen zu überzeugen“, sagt Alex kühl. „Denn der Vergleich hat als Grundstein die Wahlfreiheit des Rechteinhabers. Wir fragen uns also nicht, wie wir jemanden zwingen können, etwas zu tun oder zu lassen. Wir fragen uns, wie wir Wahlmöglichkeiten bereitstellen können, die so attraktiv wie möglich für alle sind. Wenn wir mit deutschen Autoren und Verlegern sprechen, hören wir, dass wir damit richtig liegen. Ihnen sind Rechte wichtig. Und diese Rechte beinhalten auch, dass man uns verbindlich mitteilen kann, ein Buch nicht zu scannen oder es zu scannen, aber nur den Umschlag zu zeigen. Sicher wäre es besser, die Leute das Buch ansehen zu lassen, so wie in einem Buchladen. Aber die Wahl liegt vollkommen beim Rechteinhaber. Es wird nichts kopiert werden, ohne dass der Rechteinhaber es autorisiert hätte.“

Ein Platz für das Buch

Aber werden da nicht Autoren auf der ganzen Welt vor vollendete Tatsachen gestellt, sind da nicht längst Urheberrechte ignoriert worden durch ungefragtes Einscannen – so könnte es einem doch vorkommen, als hätte das Gute einen Kern des Bösen? „Wir glauben nicht, dass derjenige, der das Projekt kennt, sich Sorgen machen muss“, sagt Alex, „ganz im Gegenteil. Er wird begeistert sein.“ Alex blickt zur Seite. Der Raum, in dem er sitzt, hat keine Fenster. Dort, wo sie sein könnten, ist das Ideenbrett – eine Wand, auf die er und seine Kollegen Einfälle kritzeln. Es könnte etwas Neues daraus entstehen. Irgendwer hat es blank gewischt.

„Ich bin nur Jurist, aber was mich an dieser Sache wirklich begeistert, ist Folgendes: Ich habe ein elf Monate altes Kind. Mein Kind wird, wenn es aufs College geht, die Welt der Bücher nicht vergessen haben. Bald werden Bücher nicht mehr den Nachteil haben, schwer zu finden und schwer zugänglich zu sein. Mein Kind wird im Internet nach Informationen suchen und dabei vielleicht gar nicht an ein Buch denken, und – zack! – wird ein Buch erscheinen. Es liegt mir wirklich daran, dass Bücher noch einen Platz haben werden in unserer Zukunft. Das begeistert mich: Wir schaffen die Möglichkeit, die Leute Bücher lesen zu lassen.“

Zurück in die alte Welt

Alex leuchtet. Er klappt seinen Laptop zu und nimmt ihn unter den Arm. Beschwingt reißt er die schwere Holztür auf, draußen im Flur ist Billardgeklacker zu hören, ein Kollege döst in einer Schlafkapsel. Alex läuft die breite weiße Treppe hinunter. „Das ist der Rest vom Google Masterplan“, steht an einer Wand geschrieben. „Kein Ideenbrett, das ist nur für Witze“, sagt Alex und lacht. „Aber das ist wirklich cool.“ Er deutet auf einen Computer neben der Wand. Auf dem Bildschirm ist die sich langsam drehende Weltkugel zu sehen. Weiße Punkte schießen kreuz und quer über den Globus. So schnell sind sie, dass sie feine Linien bilden. Sie umspannen die Welt wie ein Netz. Ein ruhiges Bild, auch wenn es aus Geschwindigkeit besteht: Es zeigt den Transfer aller Daten, die über Google laufen, in Echtzeit. Auf der einen Seite der Welt ist Tag, auf der anderen Nacht. Später wird das Netz also anders aussehen, es wird aber ein Netz bleiben.

Verlässt man die Welt von Google, steht man draußen vor einem Hügel. Das Gras ist gelb, ausgeblichen von der Sonne, und kurz. Es heißt, die Firma hätte kürzlich eine Herde Ziegen bestellt, um das Gras mähen zu lassen. Ob sich unter dem Hügel etwas verbirgt, kann man nicht erkennen. Vielleicht haben sich die Augen noch nicht an die alte Welt gewöhnt, wenn man aus der neuen kommt.

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