23.07.2009 · Spezielle „Seniorenhandys“ richten sich vor allem an jene, die im Alter schlecht sehen, schlechter hören und Probleme mit der Motorik haben. Einfache Bedienung und Handhabung steht im Vordergrund der Entwicklung.
Von Michael SpehrEs ist schon kurios, dass in der Welt der Elektronik ausgerechnet die Zielgruppe mit der größten Kaufkraft kaum bedient wird: die rüstigen Senioren. Und das gilt besonders für die Handys. Sie werden immer kleiner, die Bildschirmschriften sind kaum lesbar, die Tasten winzig, und die Klingeltöne sowie die neu hinzukommenden Funktionen orientieren sich an der internetaffinen Twitter-Generation. Wer im besten Alter über 50 nach einem schicken, ordentlichen Mobiltelefon sucht, das durchaus etwas mehr kosten darf, aber nicht jede Spielerei mitmacht, sondern einfach zu bedienen ist, schaut mehr oder weniger in die Röhre.
(Im Überblick: Acht Handys für Senioren im Überblick)
Natürlich gibt es die exklusiven Handys von Vertu zu Preisen von 5000 Euro an mit bester Verarbeitung und edlen Materialien. Aber der hier besonders aufdringlich herausgestellte Luxus ist nicht jedermanns Sache. Also doch lieber ein Standard-Handy mit ordentlichen Tasten nehmen? Wir können beispielsweise das Nokia 3110 Classic oder das Klappenhandy Samsung SGH-E210 empfehlen. Auch die älteren Motorola-Modelle Razr und Krzr überzeugen mit ihrer einfachen Bedienung und guten Verarbeitung.
Andere Maßstäbe als im Rest der Handy-Welt
Spezielle „Seniorenhandys“ richten sich vor allem an jene, die im hohen Alter gebrechlich sind, schlecht sehen und hören und Probleme mit der Motorik haben. Für diese Zielgruppe müssen Mobiltelefone eigens entwickelt werden, und dieser verdienstvollen Aufgabe haben sich nun mittelständische Unternehmen angenommen. Emporia aus Österreich und der schwedische Hersteller Doro sind hier zu nennen, aber auch deutsche Unternehmen wie Audioline aus Neuss haben den Mut, mit ungewöhnlichen Apparaten neue Wege zu beschreiten. Die großen Hersteller drücken sich.
Wenn man davon ausgeht, dass ein Seniorenapparat in erster Linie zum Telefonieren gedacht ist, für Sicherheit und Unabhängigkeit im Alltag sorgen soll, gelten ganz andere Maßstäbe als im Rest der Handy-Welt. Einfache Bedienung und Handhabung sollten im Vordergrund stehen, sagt Christian Fleck von der Unternehmensgruppe Hörhelfer & Sehhelfer (Telefon 08 00/1 00 40 88, www.sehhelfer.de), die seit sieben Jahren einer der größten Versandhändler in diesem Bereich ist. Fleck empfiehlt große, klar voneinander abgesetzte Tasten mit ordentlichem Druckpunkt, die selbst dann präzise erreichbar sind, wenn der Nutzer einen leichten Tatterich hat. Eine gut ablesbare, eindeutige Beschriftung der Tasten sollte ebenfalls selbstverständlich sein.
Tastatur, Display und Menüführung spielen die wichtigste Rolle
Weil Multimedia & Co. in diesem Segment vollkommen unwichtig sind, liegt ein monochromes Display nahe, das zudem weniger Strom als die farbigen Varianten benötigt. Auch bei den Bildschirmschriften gilt: größer ist besser; die Menüs sollten sich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich auf Telefonbuch, Anruflisten, SMS, Einstellungen und vielleicht noch einen Wecker. Mehr braucht ein Seniorenhandy nicht, je weniger Funktionen, desto einfacher die Bedienung. Tastatur, Display und Menüführung spielen also die wichtigste Rolle, aber eine ganze Reihe von Details kann sinnvoll sein, etwa eine optische Signalisierung ankommender Anrufe für Schwerhörige.
Wer mit einem Hörgerät telefoniert, kennt das Problem von Rückkopplungen mit lautem Fiepen und Pfeifen, und bei Handys stört im Unterschied zu einem Schnurlostelefon auch noch die Funkübertragung des mobilen Netzes. Verschiedene Positionen des Handys am Ohr auszuprobieren kann Abhilfe bringen, denn bei Hörgeräten hinter dem Ohr sitzt auch deren Mikrofon dort. Die beste Lösung ist jedoch eine Induktionsschleife am Handy, mit der die akustischen Signale elektromagnetisch ausgesendet und von einer Induktionsspule im Hörgerät empfangen werden. Während fast alle Hörgeräte diese sogenannte T-Spule mitbringen, sind entsprechende Handys Mangelware. Von den hier ausprobierten sind es nur das Amplicom und zwei Doro-Modelle.
„Am besten probiert man Handy und Hörgerät zusammen aus“
Für herkömmliche Handys bietet übrigens Nokia eine mittels Kabel oder Bluetooth anschließbare Induktionsschleife unter dem Namen LPS 5 an. Sie kostet 130 Euro und ist mit einem Dutzend aktueller Nokias kompatibel, erlaubt allerdings keinen echten Freisprechbetrieb. Emporia verzichtet auf die Induktion und sagt, dass bei seinen Telefonen spezielle Lautsprecher verwendet werden und keine Probleme mit Hörgeräten auftreten. „Es gibt Tausende von Hörgeräten“, meint Experte Christian Fleck, „am besten probiert man Handy und Hörgerät zusammen aus.“ Seinen Kunden bietet er deshalb ein 30-tägiges Rückgaberecht an. Ein zweiter Nebenaspekt betrifft die Sicherheit im Notfall.
Mit einer eigenen Notruftaste, die bei den von uns erprobten Geräten auf der Rückseite sitzt, werden im Fall der Fälle mehrere Rufnummern hintereinander automatisch gewählt, auf dass man sofort mit Hausarzt, Sohn, Tochter oder dem Feuerwehr-Notruf verbunden wird. Das hört sich zunächst praktisch an, hat jedoch seine Tücken. Landet der Notruf auf dem Anrufbeantworter, ist die Rufkette unterbrochen. Denn das Handy kann ja nicht wissen, wer das Gespräch entgegengenommen hat.
Das Design ist bei den Produkten nebensächlich
Aber selbst wenn die angerufene Hilfsperson keine Mailbox eingerichtet hat, kann die Beutelschneiderei der Netzbetreiber mit der „SMS bei Nichterreichbarkeit“ das Konzept zunichtemachen: Dann beantwortet eine Stimme aus dem Netz den Anruf mit dem Hinweis, dass der Angerufene nun über SMS informiert wird. Auch damit ist die Rufkette gestoppt. Die Seniorenhandys haben deshalb einige Tricks auf Lager: Das Amplicom soll Anrufbeantworter erkennen und dann automatisch zur nächsten Rufnummer übergehen. Bei Doro und Emporia wird zusätzlich eine Notruf-SMS verschickt, die man selbst verfassen kann.
Das Design ist bei den hier vorgestellten Produkten nebensächlich. Mit dem morbiden Charme des Sanitätsfachhandels wird sich ein jung gebliebener und aktiver 70-Jähriger kaum anfreunden. Man sieht jedenfalls gleich: Es ist ein Seniorenhandy. Das Design einer puristischen Reduktion bis an die Schmerzgrenze findet jedoch neuerdings unter Jugendlichen großen Anklang. In Zürich und Bern sahen wir junge Leute mit einem Emporia, und in der Internet-Gemeinschaft Facebook gibt es nach Angaben des „Spiegel“ die Gruppe „Ich benutze mein Handy, um im Dunkeln zu sehen“ mit 713.102 Mitgliedern. So gesehen könnten die Nischenprodukte für Senioren einen neuen Trend aufzeigen: Weg vom ohnehin mehr schlecht als recht funktionierenden Alleskönnerhandy hin zur Faszination der Askese mit einfachen Geräten, bei denen die alten Werte zählen.