08.04.2009 · Es gibt keinen Zweifel: Nach zehn Jahren kontinuierlichen Wachstums ist die große Krise bei den Tophandys, die alles können, nicht mehr zu übersehen. Auf der Suche nach den Ursachen entdeckten wir: die Unfähigkeit der Hersteller.
Von Michael SpehrNach zehn Jahren kontinuierlichen Wachstums gibt es seit Ende 2008 eine Delle bei den Verkaufszahlen für Handys. Der Markt bricht ein und schrumpft in diesem Jahr um einige Prozent, prognostizieren nahezu gleichlautend alle Studien der Marktforscher. Nur im Bereich der teuren Smartphones ist heuer mit einem Wachstum zu rechnen. Hier verliert jedoch der Primus Nokia zunehmend Marktanteile an Apples iPhone und Research in Motion mit den Blackberrys.
Nach unserer subjektiven Einschätzung spiegeln die nackten Zahlen indes einen grundlegenden Wandel im Mobilfunkbereich wider: Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, wo die Netze so gut ausgebaut und die Preise so niedrig sind wie nie, das Handy mit seinen vielen Möglichkeiten und Optionen gar zum Minicomputer geworden ist, fehlt es an spannenden Geräten, welche die Begeisterung und den Fortschritt weitertragen könnten: Die Luft ist raus, die Zeit der spektakulären Innovationen offenbar vorbei.
Dasselbe Betriebssystem, dieselbe mickrige Displayauflösung
Was in der Vergangenheit den Markt vorantrieb, das war nicht das Handy zum Telefonieren, sondern der Heißhunger der technikaffinen Gadget-Generation auf stets neues Spielzeug, die Revolution im Halbjahrestakt. Und nun erleben die „Tekkies“ geradezu eine Abfolge von Enttäuschungen: Nokia präsentiert anderthalb Jahre nach dem einst spektakulären N95 einen Nachfolger. Aber das N96, das für mehr als 700 Euro im Herbst in den Handel kam, ist nur ein zweiter Aufguss ohne grundlegende Verbesserungen, zudem miserabel verarbeitet und völlig überteuert.
Der Marktführer stellt zwar ein neues Modell nach dem anderen vor. Aber es sind stets Variationen eines Themas: dasselbe Betriebssystem, dieselbe mickrige Displayauflösung, mal wird Wireless-Lan weggelassen, mal der GPS-Empfänger, gelegentlich bekommt die Kamera eine aufwendigere Optik. Null Fortschritt, und das verwendete Plastik wird immer billiger.
Sony Ericsson hat unlängst sein Betriebssystem UIQ für Businessgeräte eingestellt. Damit liefen einst legendäre Kommunikationstalente der Oberklasse. Zum Schluss war es nur noch ein Schatten seiner selbst, nahezu unbedienbar und vollkommen verbastelt. Derzeit gibt es von dem Gemeinschaftsunternehmen lediglich ein anspruchsvolles Topprodukt für Geschäftsleute, und das läuft mit Windows Mobile. Im mittleren und unteren Segment konzentriert man sich vor allem auf schicke Kamerahandys wie das C905, das allerdings in Sachen Verarbeitungsqualität nicht überzeugt.
Eine Abfolge von Enttäuschungen für die Handy-Generation
Motorola landete zuletzt 2004 mit der flachen Razr-Serie einen Überraschungserfolg. Von einigen Designvariationen abgesehen, kam danach nichts Neues, keine einzige Innovation. Im gehobenen Segment bieten die Amerikaner derzeit nur ein uraltes Smartphone Motorola Q9 mit Windows Mobile an. Viele Branchenexperten vermuten, dass sich Motorola in diesem Jahr vom europäischen Handymarkt zurückzieht. Von der Schwäche der ehemals Großen profitieren die Kleinen. Samsung und LG sind klare Gewinner bei den einfachen Modellen für den Massenmarkt, Samsung wagt gelegentliche Ausflüge in die Oberklasse mit Symbian- oder Windows-Mobile-Geräten.
Auf Microsoft setzt ferner HTC als Newcomer. Das taiwanische Unternehmen bemüht sich redlich, das betagte Windows Mobile mit einer halbwegs nutzerfreundlichen Oberfläche aufzuhübschen. Aber das Kernproblem bleibt: So leistungsfähig und vielseitig Windows Mobile auch sein mag, es ist umständlich zu bedienen, geht verschwenderisch mit allen Ressourcen um, und es hat weder Chic noch Charme. Windows Mobile in der Version 7 kommt vermutlich erst 2010 und soll sich mit Gestensteuerung und verbesserter Fingerbedienung am iPhone orientieren.
Nun kopieren alle Hersteller die Fingersteuerung
Dass Apple mit seinem ersten Gerät gleich einen Marktanteil von mehr als 10 Prozent bei den Smartphones eroberte, zeigt nicht nur, wie gut das iPhone ist, sondern vor allem: wie schlecht die Platzhirsche aufgestellt waren und sind. Zwei Jahre nach dem Start ist das iPhone noch immer das mit weitem Abstand beste Produkt, wenn es um die Darstellung von Internetseiten und kinderleichte Bedienung des Web-Browsers geht. Nur das iPhone zieht einen geradezu ins Internet hinein, weil selbst komplizierte WWW-Seiten so dargestellt werden wie am PC. Und wenn die Technik stimmt, begeistert, fasziniert, dann wird sie genutzt. Auch und gerade von Älteren, die nicht zur Gadget-Generation gehören.
Der Datenkonsum mit dem iPhone ist 30-mal höher als mit anderen Handys. Nun kopieren zwar alle Hersteller fleißig die grundlegenden Ideen, vor allem die Fingersteuerung. Aber was selbst bei Nokia mit dem neuen Symbian Serie 60 in der fünften Edition herauskommt, reicht letztlich nicht ans Original heran, trotz höherer Bildschirmauflösung. Internetsurfen bleibt damit fummelig und umständlich (deutlich besser ist der Browser im ersten Google-Handy G1).
Wenn das Business-Telefon nicht einmal zum Telefonieren taugt
Kritik muss sich Marktführer Nokia bei seinen teuren Business-Handys aus der E-Serie gefallen lassen. An der Spitze ist die Luft dünn. Hier werden die Maßstäbe gesetzt, jeder blickt nach oben. Aber während bei den aktuellen Modellen der Finnen aller nur denkbarer Schnickschnack eingebaut ist und das Symbian-Betriebssystem zunehmend unübersichtlich und fehlerträchtig wird, hapert es schon bei der Basisfunktionalität, wenn es also nur darum geht, einfachste Standardaufgaben zu erledigen: Man versuche zum Beispiel, mit Nokias Spitzenmodellen für Geschäftskunden – etwa dem Communicator E90 oder dem E71 –, im Kalender einen bereits eingetragenen Termin auf „übernächste Woche Mittwoch“ zu verschieben.
Das geht nur, wenn man einen zweiten Kalender hinzuzieht und dort das Datum des besagten Mittwochs nachschlägt. Dass der Terminplaner schon morgens beim Einschalten des Geräts nicht mehr die anstehenden aktuellen ganztägigen Ereignisse zeigt, weil sie für ihn nach Mitternacht bereits der Vergangenheit angehören, ist ein weiterer kapitaler Fehler, der seit Jahren bekannt ist.
Ein aufwendiger Vorgang für jeden einzelnen Kontakt
Oder man probiere im Auto mit der Freisprecheinrichtung die Sprachwahl, eigentlich ein trivialer Job für die meisten 100-Euro-Handys. Bei Nokia hingegen gibt es keine Möglichkeit, eine Rufnummer zu diktieren, und wer einen Eintrag aus dem Telefonbuch aufruft, landet stets auf dem Handy des Gesprächspartners. Das kann man umprogrammieren, ein aufwendiger Vorgang für jeden einzelnen Kontakt. Allerdings ist das Ganze vergebliche Liebesmühe, denn bei der nächsten Datensynchronisation mit dem Exchange-Server im Büro löscht das Nokia ohne Rückfrage alle persönlichen Einstellungen. Also keine Sprachwahl, wozu gibt es Anruflisten?
Früher war das Anrufprotokoll bei den „Communicatoren“ ein wichtiges Hilfsmittel, denn es speicherte alle Telefonate wochenlang. Mit dem E90 und den Produkten der E- und N-Reihe hat Nokia die Liste auf 20 Einträge zurechtgestutzt, und es wird dort seit etlichen Gerätegenerationen stets nur fälschlich ein Handysymbol neben dem Namen gezeigt, auch wenn das Gespräch zum privaten oder beruflichen Festnetzanschluss ging. Wer unterwegs flink eine Nummer sucht, ärgert sich maßlos.
Wegen massiver Softwareprobleme bereits fünfmal neu aufsetzen
Das alles mag man als Kleinigkeiten abtun, aber es sind Dutzende solcher Unstimmigkeiten und Probleme, die einen im Alltagseinsatz ungemein stören. Es fehlt jedwede Liebe zum Detail, fortwährende Produktpflege und Nachhaltigkeit. Nicht der Nutzer steht im Vordergrund, sondern die Implementierung möglichst vieler Funktionen, um in den Punktetests der Fachzeitschriften vorn zu liegen. Die Suche nach einem Telefonbucheintrag über den Firmennamen vermisst man, und die wenigsten Nokias können von Hause aus bei der Datenübertragung für E-Mail und Internet automatisch zwischen Mobilfunknetz und Wireless-Lan umschalten. Erst seit kurzem gibt es Abhilfe, ein kleines Softwareunternehmen bietet Smartconnect kostenlos an.
Seit dem vorigen Sommer haben wir das E71 im Dauereinsatz, es ist für uns das derzeit beste Nokia-Handy. Aber wir mussten wegen massiver Softwareprobleme bereits fünfmal neu aufsetzen. Der bislang letzte Anlass war die Fehlermeldung „Speicher voll“ (bei 110 Megabyte internem Speicher und einer zusätzlichen 16-Gigabyte-Karte ziemlich kurios) mit anschließendem Verlust nicht nur aller gespeicherten SMS und sämtlicher E-Mail, nein, nach Bestätigen der Meldung waren sogar die Parameter der eingerichteten E-Mail-Konten futsch, und das Backup auf der Speicherkarte ließ sich nicht mehr zurückspielen.
Bei den kleinen Herstellern ist vieles noch viel schlimmer
Nun wollen wir hier nicht nur über Nokia meckern. Bei den kleineren Herstellern ist vieles noch viel schlimmer, so unausgereift und fehlerhaft, dass wir solche Geräte gar nicht mehr vorstellen. Wie kann es sein, dass sich ein Wireless-Lan-Modul bei Sony Ericsson dem Abruf von E-Mail verweigert und nur mit dem Browser arbeitet? Warum baut Samsung in sein sündhaft teures Omnia 900 einen vollkommen unbrauchbaren GPS-Empfänger ein? Hat ihn niemand von den Entwicklern, Produktmanagern oder Pressesprechern vorher ausprobiert? Und warum liest man darüber nichts in den Fachzeitschriften?
Als vor zehn Jahren die ersten Business-Handys mit E-Mail-Abruf auf den Markt kamen, sah mancher (auch wir) die Vision des mobilen Büros. Davon ist einiges sinnvoll umgesetzt, aber das Potential einer pfiffigen Idee bleibt unausgeschöpft. Gar nicht davon zu reden, dass bislang kein Hersteller die Herausforderung des Web 2.0 aufgegriffen hat. Wie lassen sich die Online-Netzwerke à la Facebook sinnvoll am Handy nutzen? Wie greift man auf Kontaktdaten zu, die hier gespeichert sind, und wie geht man mit der Tatsache um, dass der typische Anwender heutzutage nicht nur ein Adressbuch im Büro hat, sondern entweder mehrere bei verschiedenen Anbietern oder gar keins, weil er sich stets ändernde Daten und Rufnummern aus alten E-Mails herausfischt?
Die Luft ist raus und die Krise unübersehbar
Nokias Antwort ist ein Facebook-Programm, das man sich aufs Handy laden kann. Nach der Installation wird man allerdings eine Überraschung erleben: Es ist nämlich keineswegs eine aufs Mobiltelefon und seine Besonderheiten zugeschnittene Facebook-Software, sondern nur ein schlichtes Lesezeichen für den Browser: geradezu lächerlich, eine Veralberung des Kunden. Die Luft ist raus und die Krise unübersehbar.
Der Erfolg der kleinen Netbooks ist unter anderem den Unzulänglichkeiten der aktuellen Toptelefone geschuldet. Für 400 Euro erhält man jedenfalls auf der PC-Seite mehr und bessere Technik als bei den meisten Oberklassehandys, die ungleich teurer sind und viele ihrer Versprechen nicht halten. Nun sind kluge Ideen und neue Ansätze gefragt. Denn Telefonieren und die E-Mail abrufen kann man mittlerweile mit fast jedem 200-Euro-Handy.