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Handy-Ticket Kein Fahrkartenautomat in der Hosentasche

10.05.2007 ·  Obwohl das Bezahlen per Handy funktioniert, wollen eine Reihe Verkehrsbetriebe das Rad nun neu erfinden. Ihr Feldversuch mit dem Handy-Ticket ist dank umständlicher Verfahren, unsicherer Technik und hoher Kosten für den Kunde aber zum Scheitern verurteilt.

Von Nils Schiffhauer
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Die Idee ist so gut, dass sie schon vielfach - sogar in Deutschland - realisiert wurde: Fahrkarten für Busse und Bahnen einfach mit dem Handy zu bezahlen. Nun haben elf Verbünde des Öffentlichen Personennahverkehrs dieses Rad nochmals neu erfunden. Sie schalteten jetzt in Hamburg die Signale für einen zweijährigen Feldversuch auf Grün. Das dabei verwendete Verfahren ist bestürzend umständlich und eine offene Einladung an selbst wenig hackingbegabte Schwarzfahrer.

Im Normalfall hat der Fahrgast sich einmal im Internet anzumelden, kann sich daraufhin mit einem Java-fähigen Internet-Handy durch die Menüs hangeln, bis er im Tarifdschungel seine Verbindung sowie seinen Tarif gefunden hat, und die virtuelle Fahrkarte buchen. Das Geld wird via Lastschrift, Kreditkarte oder von einem vorher bestückten Konto (prepaid) abgezogen. Letzteres, so hieß es im Zeitalter von Online-Banking und Echtzeit-Aktienhandel, nehme aber „drei bis fünf Tage“ in Anspruch, ehe das Geld auf dem Konto verbucht sei.

Viele Verkehrsverbünde - viele Verfahren

Die Fahrerlaubnis besteht aus einer Ziffernfolge, aus dem als lesbares Wort die jeweilige Tagesparole (“Alster“) herausragt. Hinzu tritt die Nummer eines „ein-eindeutigen Identifikationsdokuments“ wie Kreditkarte, Telefonnummer oder Personalausweis. Eine tatsächliche Kontrolle ist nur möglich, indem der Schaffner den ganzen Zahlensalat händisch in ein Gerät eintippt. Dort durchlaufen die beiden Zahlen Rechenoperationen, an deren Ende dann ein Schwarzfahrer erwischt oder ein ehrlicher Fahrgast gelobt wird. Wer die Geschicklichkeit des Personals im Umgang mit Gerätschaften und langen Zeichenketten in zudem ausgiebig wackelnden Beförderungsmitteln kennt, darf für diesen Vorgang eher zehn als zwei Minuten ansetzen. Man werde sich in den meisten Fällen aber auf die Kontrolle der freilich im gesamten Tarifgebiet wortgleichen Tagesparole beschränken, hieß es. Und wenn der Handyakku leertelefoniert ist? Dann könnte doch der kundenorientierte Kontrolleur fix beim Server anklingeln und die Fahrberechtigung ganz unzweideutig prüfen? Diesen naheliegenden Dienstleistungsgedanken jedoch durchkreuzt flugs das Kleingedruckte der Allgemeinen Beförderungsbedingungen.

Konzentrieren wolle man sich beim Handyticket auf die 13 Millionen Gelegenheitsfahrer, die kein Abo hätten. Wenn jeder Hundertste sich an dem Versuch beteiligte, so verbuchte man das als Erfolg. Zudem haben es die elf Verkehrsverbündler in Nord-, Südost-, West- und Südwestdeutschland auf Touristen abgesehen. Damit die nicht erst im Internet stochern, könnten sie sich telefonisch bei einer Hotline anmelden. Deren Kenntnis von Koreanisch, Japanisch, Chinesisch und Swahili sowie die Wartezeiten haben wir indes noch nicht geprüft. Wer Nahverkehrssysteme in Tokio, Schanghai oder San Francisco kennt, wird ihren Kunden überdies zutrauen dürfen, dass sie im herkömmlichen System mit dem Ziehen eines Flatrate-Touristen-Tagestickets wenige Probleme haben. Vielleicht aber mit der Gültigmachung des Fahrscheins, die sonderbarerweise „entwerten“ genannt wird. Da verfolgen viele Verkehrsverbünde unterschiedliche Verfahren, dass sogar der Deutsche in einer fremden Region nicht weiß, ob und, wenn ja, wo er stempeln muss. Ein Rätsel überdies, wie der Fahrgast telefonisch zeitlich passend einen Beförderungsanspruch buchen soll, der in vielen Bereichen ohnehin nach 60 oder 90 Minuten - selbst das ist unterschiedlich - automatisch erlischt.

Nach dem Feldversuch ist vor dem Feldversuch

Überhaupt scheinen die regionalen Besonderheiten das Pilotsystem vor die größte Herausforderung gestellt zu haben. Statt hier gleich kräftig aufzuräumen und klare Angebote zu machen, bildete das Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden das gesamte bunte Tarifdurcheinander vieler, vieler Kommunalpolitiker in Software nach. Wem die Wörter „Fahrplanbeauskunftung“, „schnittstellenlastige Angelegenheit“ oder „verkehrlich enge Beziehungen“ so fehlerfrei von den Lippen gehen wie den Lenkern des bei diesem Projekt federführenden Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, der wird das für einen kapitalen Fortschritt halten.

Die Macher testen dieses System am Fahrgast - der überdies die Übermittlung der Daten selbst zu zahlen hat -, damit es sich als bundeseinheitliche Norm empfehlen möge. Zwei Jahre somit, in denen hoffentlich irgendjemand die Notbremse zieht und Weichen für eines der ja vorhandenen wirklich einfachen elektronischen Verfahren stellt. Schade, wenn dieser Feldversuch den grundfalschen Eindruck erweckte, mobiles Bezahlen an sich sei nur in dieser vertrackt-unsicheren Form möglich. Mitnichten. Aber nach dem Feldversuch ist vor dem nächsten Feldversuch.

Quelle: F.A.Z., 08.05.2007, Nr. 106 / Seite T2
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