18.12.2007 · Die Klagen über immer schlechtere Verarbeitungsqualität bei Handys sind nicht immer berechtigt. Vor dem Kauf gilt es sich dennoch zu informieren. Doch Vorsicht bei „Pannenstatistiken“: Oftmals sagen diese nicht viel aus.
Von Michael SpehrViele Leser fragen nach der Robustheit von Handys im Dauereinsatz. Es gehe ihnen nicht darum, dass das nächste Mobiltelefon alle nur denkbaren Funktionen habe, sondern um seinen zuverlässigen Einsatz im Alltag. Uns fällt dazu als erstes Norwegen ein. Hier ist der Kunde König, es gibt eine fünfjährige Garantie für Mobiltelefone. Unlängst hat sich das Oberste Gericht mit diesem ungewöhnlich langen Recht auf Reklamation beschäftigt. Marktführer Nokia argumentierte in diesem Rechtsstreit, dass Mobiltelefone nur auf eine Lebensdauer von zwei Jahren ausgelegt seien. Und hatte mit dieser bezeichnenden Aussage keinen Erfolg. Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigt, stößt sogleich auf die „Pannenstatistiken“ der kleinen Fachzeitschriften. Schon der Begriff ist irreführend. Er soll an die ADAC-Pannenstatistik anknüpfen, die repräsentativ nach Einsätzen der ADAC-Straßenwacht erhoben ist.
Handys bleiben aber nicht auf der Straße liegen. Die Zeitschriften befragen deshalb ihre Leser, und die Ergebnisse sind brisant und belanglos zugleich. Da meldet sich natürlich nur, wer schlechte Erfahrungen mit seinem Mobiltelefon gesammelt hat, was beispielsweise ein „Pannenreport“ der „Connect“ zeigt. Hier schickten lediglich 7000 der 110.000 Zeitschriftenkäufer überhaupt den Fragebogen ein: angesichts von mehreren hundert Millionen Mobiltelefonen in Deutschland ein eratisches Rauschen. Trotzdem verkündete die „Connect“ lauthals: „Jedes fünfte Handy geht kaputt!“ Denn von den 7000 Einsendern hatten 1200 ihr Gerät bereits einmal zur Reparatur gegeben. „Fehlerquelle Nummer eins“ sei mit 42 Prozent die Software. Hier kann man natürlich vortrefflich streiten, ob ein Garantie- oder Reparaturfall vorliegt. Denn alle großen Hersteller aktualisieren regelmäßig das Betriebssystem ihrer Top-Handys. Da werden kleine Macken ausgebügelt oder neue Funktionen hinzugefügt. Nokia hat beispielsweise die Empfindlichkeit des GPS-Empfängers seiner Modelle N95 und E90 durch ein Software-Update erheblich erhöht.
Die anfälligsten Komponenten
Dauerte früher die Suche nach den Satelliten bis zu fünf Minuten, ist die Angelegenheit nun dank hinzugefügtem Assisted GPS (die Positionsdaten der Erdtrabanten werden über Mobilfunk geladen) in weniger als 30 Sekunden erledigt. Natürlich will der technikaffine Käufer das sofort haben und stürzt mit seinem Gerät ins nächste Nokia-Center, wo er das gefragte Update gratis bekommt. Ist das nun eine Reparatur oder nicht? Des Handys Software-Macken lassen sich übrigens bei fast allen Geräten der namhaften Hersteller einfach und bequem zu Hause ausbügeln. Man aktualisiert dazu das Betriebssystem des Mobiltelefons am PC. Erforderlich ist nur ein DSL-Anschluss, wichtig ist eine vorherige Datensicherung. Das alles ist mittlerweile so selbstverständlich wie die regelmäßigen Sicherheits-Updates des Betriebssystems.
Um noch einmal auf den Pannenreport der „Connect“ zurückzukommen: Tastatur, Display und Akku sind die anfälligsten Komponenten eines Handys, und das mag richtig sein, auch wenn die Datenerhebung nicht repräsentativ ist. So bleibt also nur der Rückgriff auf eigene Erfahrungen. Insgesamt gesehen, ist die Verarbeitungsqualität der Handys in den vergangenen Jahren deutlich schlechter geworden, aber wir haben in zehn Jahren nur ein Handy zur Reparatur geben müssen. Ein legendäres Nokia 6310i aus dem Jahr 2002 ist bei unserem Kollegen Rüdiger Abele bis heute im Einsatz. Es hat natürlich kein Farbdisplay, keine E-Mail und kein UMTS. Aber eine sagenhafte Ausdauer von mehr als einer Woche. Das gute Stück zeigt zwar mittlerweile ein paar Kratzer und Staub hinter dem Display, arbeitet aber perfekt wie am ersten Tag. Eine solche Verarbeitungsqualität sucht man heute vergebens.
Die Guten und die Schlechten
Die Nokia-Modelle, die wir in diesem Jahr über Wochen oder gar Monate hinweg in Betrieb hatten, zeigten schnell ihre Schwächen: Wir haben den wackligen Slider bei den beiden N95-Geräten in der Preisklasse von 700 bis 800 Euro kritisiert, Dutzende von Lesern berichten über Probleme und Reparaturen. Tastatur und Vier-Wege-Wippe der beiden Flaggschiffe sind hakelig und haben Spiel. Ein präzises Tippen ist kaum möglich. Dass die Akku-Ausdauer im Unterschied zu den Herstellerangaben nicht bei mehr als 200, sondern bei weniger als 20 Stunden liegt, ist peinlich. Ein länger eingesetztes E61 weist mittlerweile deutliche Spuren von Verschleiß auf. Der Akkudeckel wackelt und sitzt nicht mehr fest. Beim E90 Communicator, dem Top-Produkt für Geschäftskunden, hat sich Nokia ebenfalls in die Nesseln gesetzt: Bei der ersten Serie drückten die Tasten auf das Innendisplay und hinterließen dort Spuren. Ferner gab es ein starkes Rauschen zu Gesprächsbeginn. Unser Testgerät stand von Anfang an nicht plan auf seinen Gummifüßchen, die Vier-Wege-Wippe ist unpräzise, und mittlerweile wackelt die Abdeckung des rechten Scharniers. Die Finnen haben dann die Notbremse gezogen und das E90 aus der Produktion genommen. Es gibt jetzt angeblich ein verbessertes Modell.
Positiv ist uns bei den Nokias das ganz neue E51 aufgefallen. Hier knarzt und wackelt nichts, die Tastatur ist sehr gut, und die Vier-Wege-Wippe arbeitet präzise. Von Sony Ericsson hatten wir lange das K800i im Einsatz. Auch hier ist die Tastatur zu loben, allerdings war der Joystick unterhalb der Anzeige bei vielen Besitzern Anlass für einen Werkstattbesuch. Vom rückseitigen Schieber, der das Objektiv der Kamera schützt, ist Sony Ericsson mittlerweile abgekommen. Generell sollte man beachten, dass das neue Handy möglichst wenig verschleißanfälligen Schnickschnack hat. Dazu gehören Slider- oder Klappmechanismen, die nach längerer Zeit ausleiern. Bisweilen sieht man die Verschleißteile schon beim Einlegen der Sim-Karte: etwa beim neuen K850i von Sony Ericsson der filigrane Federmechanismus zum Schließen der unteren Abdeckung und ein hauchdünner roter Kunststoffhebel, der den Akku an seiner Position halten soll. Bei unseren Motorolas im Dauereinsatz fiel nichts negativ auf. Das Display einiger Geräte reagiert empfindlich auf die Berührung mit dem Finger, der dort allerdings auch nichts zu suchen hat.
Und das sagt der Reperaturservice
Statistische Daten über die Reparaturanfälligkeit ihrer Geräte geben die großen Handy-Hersteller nicht heraus. Wir haben deshalb stichprobenhaft einige Reparaturservices befragt. Auch deren Aussagen sind natürlich nicht repräsentativ. Interessant ist aber, dass die unabhängigen kleinen Händler in erster Linie auf Reparaturen hinweisen, die in der „Connect“ mit keinem Wort erwähnt werden: wenn das Handy durch eigenes Verschulden defekt wurde, nämlich nach einem Sturz oder Wasserschaden. Natürlich gibt das niemand zu. Man hat ja meist eine zweijährige Garantie und flunkert dann bei der Reparaturannahme, um das Gerät unentgeltlich instand gesetzt zu bekommen. Meist vergeblich, denn Wasserschäden treten so häufig auf, dass viele Hersteller kleine Feuchtigkeitsindikatoren im Handy einbauen. Sie verfärben sich bei Kontakt mit Flüssigkeiten.
Nach langem Hin und Her hat uns einer der beiden großen Netzbetreiber einen Blick in seine Pannenstatistik erlaubt. Demnach gibt es eine Rücklaufrate von 15 Prozent in den ersten beiden Jahren nach dem Kauf. Darin sind sämtliche Software-Reklamationen enthalten und Geräte, die vom Kunden als fehlerbehaftet eingesandt wurden, ohne dass ein Defekt feststellbar gewesen wäre. Auch das gibt es. Ebenfalls enthalten sind die Ausfälle aufgrund unsachgemäßer Bedienung durch Sturz oder Wasser. Man kann also schätzen, dass nur jedes zwanzigste Handy in den ersten zwei Jahren mit einem realen Hardware-Fehler in die Werkstatt muss. Wenn man beim Kauf darauf achtet, dass das Handy der Wahl gut verarbeitet ist, sollte einem langen Einsatz nichts im Wege stehen.