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Handy Nokia N93 Der Pionier mit Videokamera

19.09.2006 ·  Nokia will mit dem N93 „ein neues Zeitalter im Markt für digitale Videorekorder“ einläuten. Man könne Filme in „DVD-ähnlicher Qualität“ drehen. Ein Handy als Kamkorder für Amateure? Es sieht nicht immer danach aus.

Von Michael Spehr
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MP3-Spieler, Fotoapparat, Navigationssystem, E-Mail-Maschine: Was kommt als nächstes in der Entwicklung des Handys zum Alleskönner? Das Mobiltelefon wird zum Kamkorder. Wie bei den ersten Musik- und Fotohandys sollte man aber nicht damit rechnen, daß hier bewährte Videogeräte mit einem Schlag überflüssig werden. Wer sich an die Anfangszeiten von MP3 und Kamera im Handy erinnert, weiß, daß die erste Gerätegeneration künftige Entwicklungen nur zart andeutete. Erst Jahre später waren dann Modelle wie das K800i von Sony Ericsson wirklich ein brauchbarer Ersatz für iPod und Urlaubskamera. Nicht anders ist es bei den aktuellen Video-Handys wie dem N93 von Nokia für rund 600 Euro. Bei der Präsentation in Berlin sagte Nokia-Vizepräsident Anssi Vanjoki, das N93 läute „ein neues Zeitalter im Markt für digitale Videorekorder ein“, weil man mit ihm Filme in „DVD-ähnlicher Qualität“ drehen könne.

Der erste Eindruck des N93 ist erschlagend: Mit Maßen von 118 × 56 × 28 Millimeter und einem Gewicht von 180 Gramm hält man einen sehr wuchtigen Apparat in der Hand. Das Display (260 000 Farben, 240 × 320 Pixel) ist an der rechten Seite aufgehängt. So läßt sich das Gerät im Kameramodus wie ein Kamkorder halten und zudem für UMTS-Telefonate (mit einer zweiten Innenkamera) oder zwecks einfacherer Handhabung auch im Querformat bedienen, wobei sich der Bildschirminhalt automatisch dreht. Als Betriebssystem kommt - wie bei allen neueren Top-Modellen von Nokia - Symbian S60 3rd Edition zum Einsatz, und was Menüs und Ausstattung betrifft, ist hier alles so reichhaltig bestückt, daß man ins Staunen kommt. Zwölf Hauptmenüs führen in weit verschachtelte Tiefen eines Handys, mit dem man Radio hören, seine Kontakte aus Outlook verwalten, aber auch Spiele spielen oder so sinnfreie Dinge machen kann wie Barcodes scannen.

Reichhaltige Ausstattung

Was die Business-Ausstattung betrifft, ist das N93 gut gerüstet. Nicht nur, daß es die E-Mail ins Handy holt, es zeigt auch Office-Dateien von Word und Kollegen an. UMTS ist an Bord, vier GSM-Frequenzen werden unterstützt. Mit Wireless-Lan kommt man kostengünstig ins Netz, und Bluetooth mitsamt Sim-Access-Profil erlaubt die Nutzung der Auto-Freisprechanlage. Kurzum: Die Ausstattung ist sogar etwas reichhaltiger als beim E61 für Geschäftskunden, und dazu kommt dann eben noch die Foto- und Videoabteilung. Hier werden 50 Megabyte interner Speicher für Bild und Film ergänzt durch Mini-SD-Karten (128 Megabyte im Lieferumfang). Das Objektiv ist der große Knubbel am oberen Gehäuserand, ein Vario Tessar von Carl Zeiss mit dreifachem optischen Zoom. Die Kamera löst mit maximal 2048 × 1536 Pixel auf, und die Videoabteilung schafft 640 × 480 Pixel bei 30 Frames je Sekunde. Kodiert wird im MPEG 4-Format, und dank beiliegendem Kabel kann man die Aufnahmen sofort am Fernsehgerät betrachten.

Wie sieht es nun mit der Qualität aus? Was die Fotoabteilung betrifft, erreicht das N93 nur Mittelmaß. Der Autofokus arbeitet sehr langsam und läßt sich einige Sekunden Zeit. Die meisten Fotos sind leicht rotstichig. Innenaufnahmen sind verrauscht und wirken so, als ob eine Nachbearbeitungs-Software korrigierend eingegriffen hätte. Bei Aufnahmen draußen sind die Resultate hinnehmbar. Alles in allem wird die Fotoqualität eines K800i von Sony Ericsson nicht erreicht. Doch nun zum Kamkorder. Die Videoqualität läßt sich in mehreren Stufen einstellen, es gibt einen Verwacklungsschutz, und die Bedienung mit den seitlich angebrachten Tasten gefällt. Was die Qualität betrifft, gilt auch hier: bei Außenaufnahmen passabel, innen verrauscht und nahezu unbrauchbar. Die geringe Auflösung stört ebenso wie das laute Stuckern des Zooms. Jeder noch so billige Mini-DV-Kamkorder bringt deutlich bessere Ergebnisse. Das alles wird jedoch ein jugendliches Publikum nicht stören, das seine Amateurfilmchen in erster Linie ins Internet stellen wird. Hier kommt es eben nicht auf die Qualität an, sondern darum, spontane Schnappschüsse schnell und einfach anderen zur Verfügung zu stellen. Zu loben ist Nokia für die Beigabe zum Videoschnitt: Mit Adobe Premiere Elements in der Version 2.0 (leider nur in Englisch, ohne Handbuch) erhält man eine ausgezeichnete Software zur Produktion von eigenen DVDs. Sie eignet sich auch zur Datenübernahme vom herkömmlichen Kamkorder und verdient eine klare Empfehlung für jeden Hobbyfilmer.

Wer sich für das N93 entscheidet, kauft also ein Pioniergerät. Für den Alltagseinsatz sollte man wissen, daß der Akku bei intensiver Nutzung keine zwei Tage durchhält. Ferner stürzt das Gerät recht häufig ab und wird bei der Wiedergabe umfangreicher Videos von der Speicherkarte sehr, sehr langsam. In diesem Sinne ist das N93 ein schönes Spielzeug für Freaks.

Quelle: F.A.Z., 19.09.2006, Nr. 219 / Seite T2
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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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