13.01.2010 · Das Google-Handy „Nexus One“ startet in Amerika. Die Aufmerksamkeit ist groß, wilde Gerüchte gehen durchs Land. Erste Eindrücke eines erfolgversprechenden Android-Geräts. Alles in allem hat Google damit das Rad nicht neu erfunden.
Von Michael SpehrGoogle bringt sein erstes eigenes Handy: Diese Nachricht twittert seit Anfang Dezember durchs Internet, und was man in den vergangenen Wochen in Blogs, Diskussionsforen, auf renommierten Internetseiten und sogar in den Feuilletons lesen konnte, war vor allem ein Wirrwarr aus Gerüchten und Spekulationen. Mit der Pressekonferenz in der kalifornischen Google-Zentrale ist nun einiges klargestellt, was man aber schon vorab hätte wissen können: Google-Handys mit dem offenen Betriebssystem Android gibt es seit mehr als einem Jahr. Android ist ferner kein Google-Betriebssystem, sondern ein Produkt der Open Handset Alliance, zu der beispielsweise auch HTC, Motorola, Samsung, Sony Ericsson und Netzbetreiber wie Vodafone und T-Mobile gehören.
Android-Handys sind frei auf dem Markt erhältlich, mit und ohne Mobilfunkvertrag. Mittlerweile gibt es fast zwei Dutzend Modelle von führenden Herstellern. Android ist ein attraktives, modernes Betriebssystem, das auf Linux basiert, mit dem Finger oder einer Tastatur bedient wird und hochwertige kapazitive Displays einsetzt. Die bislang aktuelle Android-Version war 2.0, wie sie etwa im Motorola Milestone zum Einsatz kommt.
Worin besteht nun der Paukenschlag, mit dem Google die Branche angeblich aufrütteln will? Das neue Nexus One ist (mit wenigen Ausnahmen) ein Android-Handy wie jedes andere, und es wird nicht von Google, sondern von HTC in Taiwan gefertigt. Spektakulär soll vielmehr sein, dass Google dieses Gerät selbst vertreibt. Das ist schon alles, keine Weltsensation und kein Anlass für düstere Verschwörungstheorien rund um die „Datenkrake“. In den Vereinigten Staaten wird das Nexus One ohne Kartenvertrag für 530 Dollar (370 Euro) angeboten, mit einem Zweijahresvertrag bei T-Mobile Amerika ist es günstiger. Nach Europa kommt das Nexus One erst später, es gibt vorerst keine Testgeräte für europäische Journalisten.
Das Nexus One ist exzellent verarbeitet
Wir haben trotzdem ein Exemplar kurz inspizieren dürfen, und hier ein erster Blick auf die Details: Das Nexus One ist exzellent verarbeitet, es wirkt robust und stabil, große Teile des Gehäuses bestehen aus mattem Aluminium. Bauform und Gewicht entsprechen ungefähr dem iPhone, aber seine Display-Auflösung von 800 × 480 Pixel ist deutlich höher. Zum Einsatz kommt eine stromsparende Amoled-Technik, die für kräftige Farben und hohe Kontraste steht, aber draußen bei hellem Sonnenlicht nur schlecht ablesbar ist. Im Unterschied zum bislang modernsten Androiden, dem Motorola Milestone, kommt das Nexus One ohne Tastatur aus, es nutzt allein ein virtuelles Keyboard mit den üblichen Komfortfunktionen wie Wörterbuch und Wortergänzung.
Hinsichtlich der Ausstattung folgt das Nexus One ebenfalls den üblichen Android-Traditionen: Neben UMTS mit HSDPA (bis 7,2 MBit/s) sind Wireless-Lan, GPS und Bluetooth eingebaut, der Speicher umfasst jeweils 512 Megabyte für RAM und ROM, er ist erweiterbar mit Micro-SD-Karten (bis 32 Gigabyte), und für den Kontakt nach außen gibt es die gewohnte Micro-USB-Ladebuchse sowie einen 3,5-Millimeter-Kopfhöreranschluss. Die 5-Megapixel-Kamera unterstützt ein LED-Blitz, vier Tasten und das bekannte Rollkügelchen mit Hintergrundbeleuchtung kennt man ebenfalls von anderen Androiden.
Beim Telefonieren soll ein zweites Mikrofon Nebengeräusche erkennen, sie werden mit Software-Tricks herausgerechnet. Spektakulär ist der Prozessor, ein 1-Gigahertz-Snapdragon, wie er auch im HTC HD 2 eingesetzt wird. Damit ist das Nexus One der derzeit schnellste Android, und dieser Pluspunkt macht sich durchaus bemerkbar.
Android 2.1 unterscheidet sich geringfügig von der 2.0-Version
Was die Software betrifft, kommt das Nexus One mit Android 2.1, das sich nur geringfügig von der 2.0-Version unterscheidet. Sofort augenfällig ist der leichtere Zugriff auf die installierten Programme. Musste man bislang ein Fenster nach oben ziehen, gibt es nun ein „Home“-Symbol, nach dessen Betätigung sich die Programmliste über dem jeweils aktuellen Hintergrund zeigt. Das sieht unglaublich schick aus und gefällt. Ferner lassen sich statt drei nun fünf Startbildschirme individuell mit Symbolen oder Anwendungen belegen und animierte Hintergrundmotive laden. Mit zwei Schaltflächen am unteren Bildschirmrand kann man ferner eine miniaturisierte Kartenansicht der laufenden Programme einblenden, die Idee stammt vom Palm Pre. Das Google-Navigationssystem gehört ebenfalls zum Lieferumfang, es soll auch in Europa funktionieren, wir hatten darüber schon berichtet.
Innovativ ist eine Sprachwahl und eine Spracherkennung, die nicht nur in der Navi-Abteilung für die Eingabe von Straße und Ort taugt, sondern auch bei E-Mail und SMS arbeitet. Transkribiert wird auf Google-Servern in Amerika. In englischer Sprache konnten wir etliche Sätze diktieren, die flink und verblüffend gut umgesetzt wurden. Ob die Spracherkennung auch auf Deutsch kommt, war bislang nicht zu erfahren. Einige neue Google-Apps kann man schon jetzt im Internet auf ältere Androiden mit OS 2.0 laden. Sehr gelungen ist die „Galerie“, die eine sehr schicke Anordnung der Fotos auf dem Gerät erlaubt. Optisch ansprechend gibt sich ferner „News and Weather“, das, wie der Name schon sagt, Wetterdaten und Nachrichten unter einem gemeinsamen Dach bündelt.
Während des kurzen Ausflugs mit dem Nexus One stellten wir allerdings gleich einige Nachteile fest: Wie das Motorola Milestone sortiert es die Kontakte im Telefonbuch nach Vornamen und nicht nach dem Nachnamen. Und im Unterschied zum Motorola fehlt das Multitouch, also die Möglichkeit, mit Zwei-Finger-Gesten beispielsweise den Text im Internet-Browser zu vergrößern oder zu verkleinern. Die Anbindung an einen Exchange-Server im Unternehmen läuft übrigens einwandfrei, man muss nicht unbedingt mit Googlemail synchronisieren. Nur lassen sich Rufnummern in E-Mails nicht mit einem Fingertipp wählen.
Es ist ein sehr gutes Oberklassegerät
Alles in allem hat Google mit dem Nexus One das Rad nicht neu erfunden. Es ist ein sehr gutes Oberklassegerät für einen moderaten Preis und signalisiert, dass Google stärker denn je in den Mobilfunkmarkt drängt. In diesem Zusammenhang ist auch Google Voice als Sprachdienstleistung in Amerika zu erwähnen. Aber woher resultiert der Fieberwahn um dieses Gerät? Android ist das einzige Smartphone-Betriebssystem, das in der iPhone-Liga souverän mitspielt. Wer im gesetzten Alter ein Smartphone für das mobile Internet sucht, ist mit dem iPhone bestens bedient. Seine Software wirkt homogener, schöner in den Details, und in Sachen Musikverwaltung ist ein iPhone jedem Android haushoch überlegen.
Aber die jüngere Gadget-Generation, die mit und in Twitter oder Facebook lebt, allzeit vernetzt und ständig „online“ ist, tendiert eher zu Android, denn hier stellt sich nach intensiver Beschäftigung ein „Wow“-Effekt auf den zweiten Blick ein: Android ist offen, es beherrscht Multitasking und ist für Messaging-Anwendungen wie Internettelefonie oder Chats deutlich besser geeignet als das große Vorbild aus dem Hause Apple. Es sind die Tüftler und Bastler, die von Android begeistert sind, und die Dynamik, die sich derzeit unter den Entwicklern zeigt, ist beeindruckend. Für Android gibt es mittlerweile mehr als 20.000 zusätzliche Apps. Hunderte davon würden von Apple niemals zugelassen werden, weil sie tief ins Betriebssystem eingreifen und pfiffige neue Funktionen anbieten, die weit über das Standardprogramm hinausgehen. In diesem Sinne wird 2010 das Jahr der Androiden, und wer sich grämt, dass das Nexus One hierzulande noch nicht erhältlich ist, mag sich damit trösten, dass im Frühjahr ein baugleiches Gerät von HTC kommt.
Nexus One - der feine Charme
Lothar Reeg (lreeg)
- 13.01.2010, 12:56 Uhr
Wer kauft sich das Nexus One
Sven Rot (sven.r)
- 13.01.2010, 13:11 Uhr
Riesen Sauerei!!!!!!
Petra Michalski (MichalskiP)
- 13.01.2010, 19:31 Uhr
Multitouch
Eric Franco (lagrimo)
- 13.01.2010, 21:01 Uhr
Sauerei, genau!
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 14.01.2010, 13:49 Uhr