16.11.2008 · Was macht Google eigentlich mit seinen ganzen Daten? Das neue Projekt „Google Flu Trends“ nutzt sie beispielsweise, um Grippewellen vorherzusagen, angeblich besser als die amerikanische Gesundheitsbehörde. Vor dem Arztbesuch kommt bekanntlich das Internet.
Von Harald StaunEs dauert immer ein bisschen, bis sich das abstrakte Raunen um bahnbrechende Technologien zu einer praktischen Anwendung verdichtet, die alle komplizierten fachterminologischen Erklärungen überflüssig macht. Ohne die Erfindung des Webbrowsers wäre das Internet bekanntlich noch immer eine Sache, die die Maschinen unter sich ausmachen, und vor ein paar Jahren konnte sich kaum jemand etwas unter dem Begriff „peer to peer“ vorstellen, bis die Antwort auf die Frage, wozu das gut ist, einfach „Napster“ hieß.
„Killerapplikation“ heißt so ein Ding, in dem erkenntnistheoretisch alles zusammenfällt, im Jargon der Computerwelt, und wer trotz der mittlerweile auch imagemäßig erfolgten Wandlung der Softwarefirma Google von der Utopiefabrik zur imperialen Krake noch immer nicht ganz fassen kann, was genau der Großkonzern überhaupt mit den Daten anfangen kann, die die Benutzer dort eingeben, kann das jetzt an einem neuen Gimmick aus dem Google-Labor ganz gut erkennen, am Projekt „Google Flu Trends“, das diese Woche vorgestellt wurde.
Inseln der Dummheit
Es behauptet, Grippewellen besser vorhersagen zu können als etwa die amerikanische Gesundheitsbehörde, und sein Prinzip ist so plausibel, dass man sich jede Diskussion über seine Effizienz und wissenschaftliche Genauigkeit sparen kann. Anhand der Häufigkeit der Suchanfragen nach Grippesymptomen oder -impfstoffen ermittelt Google, wo dem Land gerade die Nase läuft, und macht sich damit die Tatsache zunutze, dass kranke Menschen heutzutage oft zuerst ins Internet gehen und dann zum Arzt (oder auch nicht).
Als Datenschützer müsste man sich jetzt natürlich Sorgen machen, weil es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis sich aus diffusen Datenmustern nicht nur lokale, sondern auch individuelle Prognosen erstellen lassen, und zwar nicht nur über die eigene gesundheitliche Verfassung. Bis es so weit ist, sollte man das System aber möglichst schnell auf andere Anwendungsbereiche übertragen und als Staumelder regionaler Befindlichkeiten nutzen: Bastionen des schlechten Geschmacks könnten sich damit identifizieren und eindämmen lassen, Inseln der Dummheit, Berge des Ressentiments. Nordic-Walking-Bezirke könnten sich endlich großräumig umfahren lassen, Ildikó-von-Kürthy-Hochburgen ließen sich meiden und Bohlenwege absperren. Google-Treffer werden vom Statussymbol zum Stigma. Mich persönlich juckt's schon: Hat mich da gerade jemand gegoogelt?
Oh nein!
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 16.11.2008, 19:40 Uhr
Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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