18.02.2010 · Die Aufregung war groß, als das Nexus One vorgestellt wurde. Als Smartphone für E-Mail, Internet und soziale Netzwerke trat es nämlich in direkte Konkurrenz mit dem iPhone. Das Google-Handy Nexus One nun im ersten Praxistest.
Von Michael SpehrZwei Konkurrenten stehen sich derzeit in der Welt der Smartphones gegenüber: Wer sein Mobiltelefon in erster Linie für E-Mail, Internet und soziale Netzwerke einsetzt, nimmt entweder ein iPhone von Apple oder ein Android-Gerät der offenen Betriebssystem-Allianz, zu der Google, HTC, Motorola, Samsung und andere gehören. Das erste Android-Handy im Vertrieb von Google hat weithin Furore gemacht, es ist das Nexus One. Die Hardware stammt vom taiwanesischen Hersteller HTC. Das Nexus One ist derzeit nicht offiziell in Deutschland erhältlich. Erst in einigen Wochen ertönt der Startschuss, vermutlich nimmt Vodafone das Objekt der Begierde in sein Portfolio auf. Wer schon jetzt ungeduldig mit den Füßen scharrt, kann Importgeräte bei Ebay kaufen oder sich von Amerika-Reisenden mitbringen lassen. In den Staaten kostet das Nexus One nur 530 Dollar, das sind 370 Euro.
Doch lohnt sich das? Wir haben ein amerikanisches Nexus One seit ein paar Tagen im Einsatz und können zunächst nur Gutes berichten: Dank Micro-USB-Anschluss passen hiesige Ladegeräte, und beim Einschalten aktivierte unser Gerät sofort die deutschen Menüeinstellungen. Mit seiner opulenten Bildschirmauflösung (800 × 480 Pixel) zeigt es deutlich mehr von WWW-Seiten als das iPhone, und es beherrscht jetzt die Zwei-Finger-Gesten zum Vergrößern und Verkleinern der Darstellung (Multitouch).
Sofort augenfällig ist der leichtere Zugriff auf die Programme
Das mit Android 2.1 einhergehende neue Hauptmenü ist eine Wucht. Sofort augenfällig ist der leichtere Zugriff auf die Programme. Musste man bislang ein Fenster nach oben ziehen, gibt es nun ein „Home“-Symbol, nach dessen Betätigung sich die Programmliste über dem jeweils aktuellen Hintergrund zeigt. Ferner lassen sich statt drei nun fünf Startbildschirme individuell mit Symbolen oder Anwendungen belegen und animierte Hintergrundmotive laden.
Hinsichtlich der Ausstattung folgt das Nexus den üblichen Android-Traditionen: Neben UMTS mit HSDPA (bis 7,2 MBit/s) sind Wireless-Lan, GPS und Bluetooth eingebaut, der Speicher umfasst jeweils 512 Megabyte für RAM und ROM, er ist erweiterbar mit Micro-SD-Karten (bis 32 Gigabyte), und für den Kontakt nach außen gibt es neben der Micro-USB-Buchse einen 3,5-Millimeter-Kopfhöreranschluss. Die 5-Megapixel-Kamera unterstützt ein LED-Blitz, die Fotoqualität ist jedoch enttäuschend. Vier Tasten und das bekannte Rollkügelchen mit Hintergrundbeleuchtung kennt man ebenfalls von anderen Androiden. Beim Telefonieren soll ein zweites Mikrofon Nebengeräusche erkennen, sie werden mit Softwaretricks herausgerechnet - viel bringt das nicht, das iPhone hat den besseren Klang. Spektakulär wiederum ist der Prozessor, ein 1-Gigahertz-Snapdragon, wie er auch im HTC HD 2 eingesetzt wird. Damit ist das Nexus One der derzeit schnellste Android, und dieser Pluspunkt macht sich jederzeit bemerkbar.
Großer Vorzug gegenüber dem iPhone ist das Multitasking
Ein großer Vorzug der Androiden gegenüber dem iPhone ist das Multitasking. Chat-Programme, Internettelefonie und andere Dienste laufen im Hintergrund, ein feines Detail für die junge Gadget-Generation. Und eine „atmende“ Leuchtdiode in der Rollkugel weist dezent auf neue Ereignisse aller Art hin. Apples Kleinod iPhone hat insgesamt die schönere Bedienungsoberfläche, die Software wirkt homogener, und in Sachen Musikverwaltung ist ein iPhone jedem Android haushoch überlegen.
Die gilt auch für die Exchange-Anbindung, hier hat uns das Nexus One arg enttäuscht. Nur die E-Mail und die Adressen werden vom Unternehmens-Server abgerufen. Es fehlt unter anderem der „Firmenkalender“, der bei anderen Android-Geräten mit dabei ist, und bei den Kontakten gibt es keine Möglichkeit, das globale Unternehmensadressbuch zu durchsuchen. E-Mail im HTML-Format werden nicht ordentlich formatiert, Office-Dokumente in den Anhängseln lassen sich betrachten, aber nicht speichern. Auch kann man keine Telefonnummern in Nachrichten mit einem Fingertipp wählen. Ferner fehlt eine programmübergreifende Suche, und die Kontakte werden ausschließlich nach dem Vornamen sortiert.
Mit „Maps“ lässt sich der Weg berechnen, aber es gibt keine Fahranweisungen
Die in Amerika schon funktionierende Google-Navigation mit Sprachkommandos für den Einsatz im Auto sucht man vergebens. Mit „Maps“ lässt sich zwar der Weg berechnen, aber es gibt keine Fahranweisungen. Vorhanden ist indes die Spracherkennung. Das Gebotene ist schon jetzt spektakulär: Kurze Sätze kann man (nur in) englisch diktieren (etwa bei SMS oder E-Mail, aber auch im Twitter-Programm „Twidroid“), die aufgenommene Datei wird auf Google-Servern in Amerika transkribiert, und das Ergebnis steht sekundenschnell im Textfeld. Natürlich nicht fehlerfrei, aber die Resultate sind brauchbar. Die Erkennung erfolgt ohne jedes vorhergehende Training. Sollte dergleichen in Deutsch erhältlich sein, wird die Spracherkennung den Umgang mit Smartphones grundlegend ändern. Für das iPhone ist übrigens auch ein Sprach-Erkenner angekündigt: Dragon Dictate von Nuance kommt in der zweiten Jahreshälfte.
In Verbindung mit Google Translate kann man auf dem Nexus One des weiteren seine englischen Diktate (oder deutschen Texteingaben) in mehrere Dutzend Sprachen übersetzen und gegebenenfalls vorlesen lassen, auch das ist eine „Killer App“, angeblich arbeitet Google sogar an einer Echtzeit-Dolmetschersoftware. Wo wir gerade bei den Zusatzprogrammen sind: Apple wirbt mit mehr als 140 000 Apps. Für Android gibt es bislang „nur“ 20.000. Mag der Unterschied gewaltig sein: Was die Qualität der Apps betrifft, hat Android die Nase vorn. Hier stehen Hunderte von Zusatzprogrammen bereit, die Apple nie zulassen würde, weil sie tief ins Betriebssystem eingreifen. Alles in allem ist das amerikanische Gerät spannend, hervorragend verarbeitet, und sein Akku hält gut anderthalb Tage durch. Wegen der oben beschriebenen Mängel in der Office-Funktionalität würden wir aber jetzt noch nicht kaufen, sondern auf eine deutsche Version warten. In der sind dann hoffentlich auch weitere kleine Schwachstellen ausgebessert, etwa bei der W-Lan-Anbindung. Zudem wird das Original von HTC, das „Desire“ heißt und auf dem Mobile World Congress in Barcelona vorgestellt wurde, die „Sense“-Oberfläche und zahlreiche spannende Erweiterungen mitbringen.