Home
http://www.faz.net/-gy9-77xaj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Google marschiert vor Das Internet entwickelt sich zurück

Gegen Microsoft ist man vor Jahr und Tag wegen einer Lappalie massiv vorgegangen. Nun sind ähnliche Schritte gegen Google zu erwarten. Denn der Konzern will mit starker Hand die Marschrichtung im Internet vorgeben.

© Bernd Helfert

Zum 1. Juli macht Google seinen Reader dicht. Diese knappe Nachricht hat in den vergangenen Wochen für einen selten gesehenen Aufruhr im Netz gesorgt. Während die überwiegende Zahl der Internetnutzer wohl noch nie vom Reader gehört hat, gehen Hunderttausende von Journalisten, Bloggern und Nachrichteninteressierten auf die Barrikaden. In weniger als zwei Tagen gab es mehr als eine Million wütender Mitteilungen auf Twitter. Doch worum geht es bei diesem Proteststurm gegen Google?

Michael Spehr Folgen:

Der Reader ist eine im Web-Browser laufende Software zum Lesen von Nachrichten aus unterschiedlichen Informationsquellen, gebündelt, in kompakter Form, quasi wie eine E-Mail. Die Daten - etwa aus Zeitungsseiten oder Blogs - werden als RSS-Feed geliefert, man sieht die Überschriften und Anreißertexte im Überblick, kann alte Nachrichten als gelesen markieren und neue mit ein, zwei Mausklicks an Twitter oder Facebook schicken. Als Google im Jahr 2005 mit seinem Reader an den Start ging, gab es ein funktionierendes „Ökosystem“ unterschiedlicher RSS-Programme, und zwar als eigenständige Software, die lokal auf dem PC installiert wurde. Google machte alles besser: Der Reader wurde gratis bereitgestellt, man musste kein Programm einrichten, und so kam es, wie es kommen musste: Durch das Gratisangebot von Google wurde eine ganze Softwaresparte in kürzester Zeit ausradiert.

Wer Programme rund um RSS anbieten wollte, ging als unabhängiger Entwickler dazu über, seine Systeme auf den Kern des Google Readers aufzusetzen. Der Reader verwaltet die Nutzerinformationen, die unabhängige App bezieht von diesem Backend sämtliche Daten. Mit dem Aufkommen der Apps für Smartphones und Tablet PC verfestigte sich diese Tendenz. Fast alle Lesesysteme für die Mobilgeräte sind unabdingbar mit dem Google-Dienst verwoben.

Standardwerkzeug zum Lesen von RSS-Feeds

Wenn Google seinen Reader demnächst einstellt, gibt es zwar die eine oder andere Hilfslösung. Aber keine Alternative, die das gesamte Ökosystem rund um den Reader schnell, einfach und zuverlässig ersetzen könnte. Journalisten und Bloggern wird quasi in einem Handstreich ein wichtiges Arbeitsinstrument genommen. Ungeachtet der Tatsache, dass jetzt viele Unternehmen an Ersatzlösungen basteln: Der Google-Reader war zum einen das Standardwerkzeug zum Lesen von RSS-Feeds und erlaubte zum anderen die Kopplung von Systemen. Fehlt dieser Grundstein, bricht häufig die gesamte Struktur zusammen. Nur wenige Stunden nach Googles Ankündigung stellte gleich der „Feed Demon“ seine Dienste ein.

Warum verhält sich Google so ungeschickt? Als das Projekt Reader begann, war absehbar, dass damit kein Geld zu verdienen ist, und der finanzielle Aspekt spielt hier keine Rolle. Reader verursacht kaum Betriebskosten, und man hätte das Angebot problemlos auf eine kostenpflichtige Basis stellen können. Die Gründe für die Einstellung des Readers hat der frühere Google-Mitarbeiter Brian Shih dahin gehend gedeutet, dass es darum gehe, die Nutzer nach Google Plus zu drängen, um dort Inhalte zu suchen und zu teilen. Dieses Google-Netzwerk ging 2011 an den Start. Bis dahin waren sämtliche Vorstöße Googles ins soziale Netz wie Orkut, Google Wave oder Buzz gescheitert. Obwohl das neue Plus von Google aufdringlich beworben wird, ist es abermals kein Erfolg. Ungeachtet aller Jubelmeldungen kann Google Plus jenseits des Netzwerks Facebook und des Nachrichtenmediums Twitter keinen eigenständigen Charakter ausbilden. Zählt und misst man Aktivitäten in den Netzwerken, die „Likes“ von Facebook, die „Retweets“ bei Twitter oder die „Plus eins“ bei Google, liegen Facebook und Twitter ganz weit vorn, Google Plus holt auf, spielt aber noch keine bedeutsame Rolle.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Suchmaschinen Getty Images klagt gegen Google

Google steht in der Kritik: Jetzt hat sich die Bildagentur Getty einer Klage vor dem europäischen Kartellgericht angeschlossen. Auch bei der Bildersuche soll Google eigene Dienste bevorzugen. Mehr

24.06.2015, 15:50 Uhr | Feuilleton
Brüssel EU leitet weitere Untersuchung gegen Google ein

Die EU wirft dem Internetunternehmen Google Verfälschung von Suchergebnissen im Internet vor. In seiner Suchmaschine würde Google Treffer für eigene Dienste bevorzugen. Man habe auch eine kartellrechtliche Untersuchung gegen das Betriebssystem Android eingeleitet, teilte die Wettbewerbskommission in Brüssel mit. Mehr

16.04.2015, 11:57 Uhr | Wirtschaft
Googles Gesichtserkennung Meine Freundin ist kein Gorilla

Googles Gesichtserkennung ist eine peinliche Panne unterlaufen. Ein dunkelhäutiges Paar wurde versehentlich als Gorillas markiert. Der Konzern hat sich inzwischen entschuldigt. Mehr

02.07.2015, 14:48 Uhr | Feuilleton
Facebook, Twitter und Co Neue Berufe: Social Media Manager

Führungskräfte in der Wirtschaft haben im digitalen Zeitalter ein Problem: Sie müssen sich im Internet gut positionieren, haben aber keine Zeit für Facebook, Twitter und Co. Das erledigen heute Profis für sie - die Social Media Manager. Mehr

10.02.2015, 11:15 Uhr | Beruf-Chance
Artikel im Einzelverkauf Wie Apple und Facebook den Journalismus filetieren

Apple und Facebook wollen mit neuen Diensten die Regie über den Nachrichtenmarkt übernehmen. Den Zeitungen bleibt die Zulieferung einzelner Artikel. Über Auswahl und Präsentation entscheiden intransparente Algorithmen. Mehr Von Adrian Lobe

28.06.2015, 13:40 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.03.2013, 18:43 Uhr

Europa schafft ab

Von Michael Spehr

Mit der Abschaffung der Netzneutralität in Europa wird es jetzt ernst. Diese Grundfrage wird jedoch in der Öffentlichkeit wie gehabt weder gestellt noch diskutiert. Mehr 12