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Google marschiert vor Das Internet entwickelt sich zurück

Gegen Microsoft ist man vor Jahr und Tag wegen einer Lappalie massiv vorgegangen. Nun sind ähnliche Schritte gegen Google zu erwarten. Denn der Konzern will mit starker Hand die Marschrichtung im Internet vorgeben.

© Bernd Helfert Vergrößern

Zum 1. Juli macht Google seinen Reader dicht. Diese knappe Nachricht hat in den vergangenen Wochen für einen selten gesehenen Aufruhr im Netz gesorgt. Während die überwiegende Zahl der Internetnutzer wohl noch nie vom Reader gehört hat, gehen Hunderttausende von Journalisten, Bloggern und Nachrichteninteressierten auf die Barrikaden. In weniger als zwei Tagen gab es mehr als eine Million wütender Mitteilungen auf Twitter. Doch worum geht es bei diesem Proteststurm gegen Google?

Der Reader ist eine im Web-Browser laufende Software zum Lesen von Nachrichten aus unterschiedlichen Informationsquellen, gebündelt, in kompakter Form, quasi wie eine E-Mail. Die Daten - etwa aus Zeitungsseiten oder Blogs - werden als RSS-Feed geliefert, man sieht die Überschriften und Anreißertexte im Überblick, kann alte Nachrichten als gelesen markieren und neue mit ein, zwei Mausklicks an Twitter oder Facebook schicken. Als Google im Jahr 2005 mit seinem Reader an den Start ging, gab es ein funktionierendes „Ökosystem“ unterschiedlicher RSS-Programme, und zwar als eigenständige Software, die lokal auf dem PC installiert wurde. Google machte alles besser: Der Reader wurde gratis bereitgestellt, man musste kein Programm einrichten, und so kam es, wie es kommen musste: Durch das Gratisangebot von Google wurde eine ganze Softwaresparte in kürzester Zeit ausradiert.

Wer Programme rund um RSS anbieten wollte, ging als unabhängiger Entwickler dazu über, seine Systeme auf den Kern des Google Readers aufzusetzen. Der Reader verwaltet die Nutzerinformationen, die unabhängige App bezieht von diesem Backend sämtliche Daten. Mit dem Aufkommen der Apps für Smartphones und Tablet PC verfestigte sich diese Tendenz. Fast alle Lesesysteme für die Mobilgeräte sind unabdingbar mit dem Google-Dienst verwoben.

Standardwerkzeug zum Lesen von RSS-Feeds

Wenn Google seinen Reader demnächst einstellt, gibt es zwar die eine oder andere Hilfslösung. Aber keine Alternative, die das gesamte Ökosystem rund um den Reader schnell, einfach und zuverlässig ersetzen könnte. Journalisten und Bloggern wird quasi in einem Handstreich ein wichtiges Arbeitsinstrument genommen. Ungeachtet der Tatsache, dass jetzt viele Unternehmen an Ersatzlösungen basteln: Der Google-Reader war zum einen das Standardwerkzeug zum Lesen von RSS-Feeds und erlaubte zum anderen die Kopplung von Systemen. Fehlt dieser Grundstein, bricht häufig die gesamte Struktur zusammen. Nur wenige Stunden nach Googles Ankündigung stellte gleich der „Feed Demon“ seine Dienste ein.

Warum verhält sich Google so ungeschickt? Als das Projekt Reader begann, war absehbar, dass damit kein Geld zu verdienen ist, und der finanzielle Aspekt spielt hier keine Rolle. Reader verursacht kaum Betriebskosten, und man hätte das Angebot problemlos auf eine kostenpflichtige Basis stellen können. Die Gründe für die Einstellung des Readers hat der frühere Google-Mitarbeiter Brian Shih dahin gehend gedeutet, dass es darum gehe, die Nutzer nach Google Plus zu drängen, um dort Inhalte zu suchen und zu teilen. Dieses Google-Netzwerk ging 2011 an den Start. Bis dahin waren sämtliche Vorstöße Googles ins soziale Netz wie Orkut, Google Wave oder Buzz gescheitert. Obwohl das neue Plus von Google aufdringlich beworben wird, ist es abermals kein Erfolg. Ungeachtet aller Jubelmeldungen kann Google Plus jenseits des Netzwerks Facebook und des Nachrichtenmediums Twitter keinen eigenständigen Charakter ausbilden. Zählt und misst man Aktivitäten in den Netzwerken, die „Likes“ von Facebook, die „Retweets“ bei Twitter oder die „Plus eins“ bei Google, liegen Facebook und Twitter ganz weit vorn, Google Plus holt auf, spielt aber noch keine bedeutsame Rolle.

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