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Google-Handy G1 Es zieht einen in seinen Bann

20.01.2009 ·  Die Hardware weckt beim ersten Hinsehen wenig Begeisterung. Doch das erste Google-Handy G1 mit dem neuen Android-Betriebssystem ist eine Herausforderung für Microsoft und Nokia und macht selbst dem iPhone Konkurrenz.

Von Michael Spehr
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Das erste Google-Handy geht an den Start, und da wird mancher, der um seine Privatsphäre besorgt ist, gleich den Kopf schütteln: Will die Datenkrake jetzt auch unsere Telefongespräche auswerten? Diese Befürchtungen gehen in die falsche Richtung. Hinter dem G1 von Google steckt viel mehr: die „Open Handset Alliance“ des Suchmaschinenbetreibers mit Partnern wie Vodafone, T-Mobile, Motorola, Samsung, Sony Ericsson, HTC und anderen gegen Nokia und Microsoft.

Während letztere als Platzhirsche mit digitaler Rechteminderung und anderen Schikanen immer höhere Zäune um den Zugang zu ihrem Betriebssystem ziehen, ist diese Allianz, wie ihr Name schon sagt, offen, und verwendet das Linux-Betriebssystem Android für Mobiltelefone und Smartphones, das aber auch auf kleinen PCs zum Einsatz kommen soll. Der Programmcode von Android ist in großen Teilen frei einsehbar, er basiert auf der Open-Source-Idee, und es fallen keine Lizenzkosten an.

Die Hardware weckt beim ersten Hinsehen wenig Begeisterung

Der erste Handy-Android ist das G1, das in Deutschland vom 2. Februar an bei T-Mobile erhältlich ist und vom taiwanesischen Hersteller HTC gebaut wird. Die Hardware weckt beim ersten Hinsehen wenig Begeisterung. Das G1 ist recht schwer (158 Gramm), und die untere Menüleiste mit fünf Tasten und einer Rollkugel zur Cursorsteuerung ist nach oben gebogen, was unseres Erachtens keinen Gewinn bringt. Klappt man das Display zur Seite, zeigt sich eine ordentliche Tastatur, und die Darstellung schwenkt automatisch ins Querformat. Der Mini-USB-Anschluss ist für das Laden des Akkus und als Headset-Adapter zuständig, eine Micro-SD-Karte fungiert als Speichermedium. Die Ausstattung mit Wireless-Lan, UMTS und HSDPA sowie einem guten GPS-Modul ist vollständig, es fehlt allerdings bislang eine Navi-Software, der Akku hält rund anderthalb Tage.

Das G1 macht erst dann etwas her, wenn man es in Betrieb genommen hat. Der Starbildschirm wirkt frisch und aufgeräumt, und wie beim iPhone kommt ein hochwertiges kapazitives Display zum Einsatz, das allein auf sanfte Fingerberührungen reagiert. Fummelige Eingaben mit einem Stift (wie bei den Microsoft- und Nokia-Systemen mit resistiver Anzeige) sind hier also nicht angesagt. Alle Basisfunktionen lassen sich schnell erreichen, die Menüs sind klar gestaltet und nahezu selbsterklärend. Das G1 ist zudem sehr flink und Multitasking-fähig. Und wenn man das erste Mal den Google-Browser „Chrome“ aufruft, stellt sich sofort Begeisterung ein: Internetseiten werden auf der mit 320 x 480 Pixel auflösenden Anzeige ebenso gut wie auf dem iPhone dargestellt, mit kurzen Fingerbewegungen oder dem Rollrädchen bewegt man sich butterweich über die Seite.

In Sachen E-Mail ist das G1 ungemein überzeugend

Auch komplizierte Internetauftritte werden prima umgesetzt. Kurzum: Neben Safari im iPhone ist dies der zweite brauchbare Browser fürs abendliche Sofa-Surfen. Was demgegenüber die großen Mitbewerber anbieten, darf fortan als drittklassiger Notbehelf gelten. Warum ist Marktführer Nokia nicht in der Lage, einen solchen Browser zu programmieren? Im Unterschied zum iPhone fehlt dem G1 allerdings Multitouch, also die Steuerung mit mehreren Fingern, etwa um den Bildschirminhalt zu vergrößern oder zu verkleinern. Diese Funktion ist angeblich im Gerät vorhanden und allein aus patentrechtlichen Gründen gesperrt.

In Sachen E-Mail ist das G1 ebenfalls ungemein überzeugend, -- wenn man sich auf eine E-Mail-Adresse von Google einlässt. Sie wird schon beim Start des G1 abgefragt, ohne sie geht es nicht. Die Idee dahinter: Der Googlemail-Nutzer bekommt vollen Komfort mit Push-Zustellung neuer Nachrichten à la Blackberry und automatischer Synchronisation von Kalender und Kontakten. Damit zeigt man den Mitbewerbern eine lange Nase: Wer Outlook am PC nutzt, guckt in die Röhre, er kann seine Termine und Adressen nicht übertragen. Wer beruflich an einen Exchange-Server im Büro angebunden ist, bleibt ebenfalls außen vor. Man kann zwar zusätzlich zum Googlemail-Konto weitere E-Mail-Dienste einbinden, allerdings nur in einem spärlich ausgestatteten Zusatzprogramm für die Protokolle Pop3 und Imap.

Hineingezogen wie in eine Venusfalle

Während die liebe Konkurrenz rücksichtslos ausbremst wird, läuft das G1 mit Googlemail zur Hochform auf. Bei der E-Mail muss man nichts manuell einrichten, sondern nur Name und Kennwort eingeben. Schwuppdiwupp ist sämtliche Post im Handy, besser gesagt: von unserem etwa 10.000 Nachrichten umfassenden Konto die aktuellsten, und der Rest wird bei Bedarf oder bei einer Suche flink nachgeladen. Anders ausgedrückt: Das G1 findet draußen auf dem Land mit langsamer Edge-Mobilfunkverbindung eine fünf Jahre alte E-Mail deutlich schneller als unser Outlook im Büro mit breitbandigem Netzzugang. Google zeigt also, was es kann und welche immensen Vorzüge eine Datenspeicherung im Netz bietet.

Kontakte und Kalendereinträge des Googlemail-Kontos werden ebenso unkompliziert synchronisiert, das Chat-Programm funktioniert (bemerkenswert, weil Nokia seit fünf Jahren seine Handys mit einem unbrauchbaren System ausrüstet), und man wird in das Google-System hineingezogen wie in eine Venusfalle.

Ärgerlich sind eine ganze Reihe von Kleinigkeiten

Und da sind wir schon gleich bei den Nachteilen, und damit meinen wir nicht die bekannten Minuspunkte von Googlemail und Aspekte des Datenschutzes. Ärgerlich sind eine ganze Reihe von Kleinigkeiten. So ist der Standby-Bildschirm zwar hübsch gemacht und bietet auf insgesamt drei Ebenen genug Platz, um seine Programme anzuordnen. Aber er zeigt nicht auf einen Blick die neu eingegangene Post oder die anstehenden Termine des Tages. Man muss erst das entsprechende Modul starten. Eine virtuelle Tastatur fehlt, man muss stets die reale ausklappen, und Bluetooth ist, wie beim iPhone, allein auf die Freisprechfunktion reduziert. Zwar ist eine Vorschau für Office- und PDF-Dateien vorhanden, bearbeiten lassen sie sich indes nicht, und es fehlt ein Dateimanager mit Zugriff auf die Daten der Speicherkarte. Auch lässt das G1 nicht als Modem am Notebook einsetzen.

Dass man nur eine einzige Googlemail-Adresse verwenden und keine Synchronisation in Intervallen wählen kann, zählt ebenfalls als Minuspunkt. Entweder hängt das Gerät permanent am Netz oder es tauscht gar keine Daten aus. Der Fairness halber sei erwähnt, dass man die Synchronisation für die Module Mail, Kalender und Kontakte einzeln ein- und ausschalten und die E-Mail-Synchronisation auf bestimmte „Label“ beschränken kann. Aber man hat gar keine Kontrolle über den Datenverkehr, und das Handbuch weist mehrfach darauf hin, dass sogar Aktualisierungen des Betriebssystems automatisch ohne Rückfrage geladen werden. Es empfehle sich daher ein Vertrag mit unbegrenztem Datenvolumen. Noch mehr Unbehagen weckt die Tatsache, dass es sich Google vorbehält, Software und Anwendungen, die der Anwender aufgespielt hat, automatisch wieder zu entfernen. Das alles geht eindeutig zu weit.

Das Ganze wird ein verflixt teueres Vergnügen

Mittlerweile liegen in dem Online-Shop, der sich (wie beim iPhone) direkt vom Gerät aus starten lässt, schon mehr als 800 Android-Programme. Etliche davon bügeln kleine Macken der aktuellen Software aus. Andere zeigen, wie leistungsfähig Android ist. So lässt sich beispielsweise ein „Power-Manager“ laden, der energiehungrige Module wie GPS, Bluetooth und Wireless-Lan automatisch beim Erreichen eines kritischen Akku-Standes abschaltet. So etwas sucht man bei Nokia oder Microsoft vergebens. T-Mobile bietet das G1 für 450 Euro ohne Vertrag an, es hat keinen Sim-Lock.

Unser Gerät akzeptierte klaglos eine Vodafone-Karte, stellte indes keine Datenverbindungen her, weil sich ein neuer Zugangspunkt zwar einrichten aber nicht auswählen ließ. Die T-Mobile-Tarife beginnen bei 25 Euro und enden bei 120 Euro Grundgebühr im Monat. Wie beim iPhone gilt also: Das Ganze wird ein verflixt teueres Vergnügen. Aber das G1 macht wirklich Spaß, es ist ein ernstzunehmender iPhone-Konkurrent. Unabhängig davon freuen wir uns auf die nächsten Android-Modelle, ob nun mit oder ohne Google. Dieses Betriebssystem wird den Markt verändern.

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