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Veröffentlicht: 03.07.2012, 18:04 Uhr

Google-Brille „Glass“ Noch mehr Macht im Digitalen

Fotografieren, telefonieren, navigieren - alles nur mit einer Brille: Der Internetgigant Google hat sein „Project Glass“ vorgestellt. Für eine Smartphone-Zukunft ohne Smartphone.

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© AFP Macht Freude: die Google-Brille

Eine faszinierende Vorstellung, ein Traum - oder ein Albtraum? In der vergangenen Woche hat Google sein „Project Glass“ ein weiteres Mal vorgestellt, und auf den ersten Blick dreht sich alles um eine besonders raffinierte Brille - oder besser gesagt: um einen Brillenaufsatz mit Anzeige. Mit der Optik des „Head-Mounted Display“, der am Kopf befestigten Anzeige, wurden bislang Inhalte vom Computer auf einen augennahen Mini-Bildschirm übertragen, die Technik ist keineswegs neu. Spektakulär ist stets die Möglichkeit, in eine virtuelle Realität einzutauchen. Denn durch die unmittelbare Nähe wirkt die Darstellung auf einer Datenbrille deutlich größer als auf einem Monitor, und wenn gar die Inhalte der Kopfbewegung folgen, ist der visuelle Eindruck besonders stark. Reale und virtuelle Inhalte können sich überlagern, künstliche Objekte werden scheinbar ein Teil der greifbaren Welt, etwa bei der Kombination aus Helm und Datensichtsystem für Hubschrauberpiloten. Das alles kennt man unter dem Stichwort „Augmented Reality“ seit Jahren, erste Brillen wurden zusammen mit Datenhandschuhen bereits in den 1960er Jahren entwickelt. Die Probleme sind Gewicht, Akkulaufzeit, Größe des Sichtfelds und Latenzzeit.

Verkauf an Entwickler für 1500 Dollar

Michael Spehr Folgen:

“Project Glass“, das im Google „X Lab“ entwickelt wurde, ist jedoch anders, es ist ein Always-On-Produkt, das nicht extra aus der Tasche geholt werden muss, sondern quasi ein Lebensbegleiter. Ein Werbevideo auf Youtube zeigt durch die Datenbrille eine Episode, die mit dem morgendlichen Blick aus dem Fenster beginnt. In der Brille ist nun gleich der Wetterbericht einblendet - und die Regenwahrscheinlichkeit in Prozent. Der junge Mann erhält Chat-Anfragen, die er mit Sprachkommandos beantwortet. Er läuft durch die Großstadt und bekommt die Route eines Fußgänger-Navis in den Bildschirm eingespielt, er schießt mit der Brille ein Foto, lädt es in sein Netzwerk hoch, nimmt Videoanrufe entgegen - und er kann den eigenen Blick auf die Welt mit seinen Freunden teilen. Der Computer dieser Brille ist also ein Smartphone, das ist die Innovation, mit der Google aufwartet. Während der Entwicklerkonferenz I/O in San Francisco zeigten Fallschirmspringer live ihren Blick durch die Brille. Sie wird von Januar an nur an amerikanische Entwickler für 1500 Dollar verkauft.

Infografik / Die Google-Brille © F.A.Z. Vergrößern Schematische Darstellung der Google-Brille

Unlängst hat sich Google das Design der Brille und ihre Steuerung patentieren lassen. Die Dateneinheit mitsamt Display, Kamera und Mikrofon wird demnach auf die rechte Seite einer vorhandenen Brille aufgesteckt, so dass die Anzeige unmittelbar im Blickfeld des Auges schwebt. Bedient wird das Ganze mit einem berührungsempfindlichen Trackpad im linken und rechten Steg der Brille. Mit einem Fingerwisch soll man beispielsweise von einer zur nächsten E-Mail wechseln; Gesten in verschiedene Richtungen lösen unterschiedliche Aktionen aus. In ähnliche Richtung geht ein neues Sony-Patent einer Brille, die nicht nur zum Spielen mit der Playstation gedacht ist, sondern Daten auch zu einem Smartphone oder einer Daten-Armbanduhr überträgt - und zu den Freunden mit identischer Ausstattung. Dass eine Datenbrille auch zu Microsofts neuer Xbox 720 gehören wird, ist derzeit nur ein Gerücht, die neue Spielekonsole wird erst 2013 erwartet.

Kundenbindung durch Alleinstellungsmerkmale

Das Faszinierende an der Google-Brille ist weder die Hardware noch die technische Umsetzung im Detail. Es ist die Idee, dass sich das Smartphone vom Smartphone löst. Kommunikation läuft über Systeme, die nicht mehr an bestimmte Apparate gebunden sind. Nicht das neue Gerät steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Software. Google folgt damit Apple, und zwar der Sprachassistentin Siri. Allein aus Gründen des Marketings ist Siri derzeit auf das iPhone 4S fixiert. Sie ließe sich indes auf nahezu jedes beliebige Utensil bringen, das eine Verbindung zu Apples Servern in Cupertino herstellen kann. Es käme nur darauf an, dass man sich Inhalte aller Art vorlesen lässt - und sich mit der eigenen Stimme navigierend und diktierend in die Flut der Informationen begibt, die gewiss in der Cloud des jeweiligen Herstellers liegen. Auch Google Glass würde ein Smartphone allein als Datentransporteur benötigen. Alles andere wird irrelevant. Mit solchen Alleinstellungsmerkmalen versuchen Apple und Google, ihre Kunden noch enger an sich zu binden, es geht um die Konzentration der Macht im Digitalen. Der Kampf um die Systemplattformen ist demnach das nächste große Ding.

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