25.08.2009 · Beim Streit über die Digitalisierung von Büchern setzen Frankreich und die EU im Umgang mit Google auf Pragmatismus, in Deutschland überwiegt die Scheu vor einer Monopolstellung. Unsere Korrespondenten berichten aus Paris, Brüssel und Berlin.
Von Hendrik Kafsack, Konrad Mrusek, Christian Schubert und Hendrik WieduwiltGoogle digitalisiert Bücher. Millionenfach. Das Ziel ist stets: Menschen über die eigene Suchtechnologie ins Netz zu locken und an der zu Suchanfragen passenden Werbung Geld zu verdienen. Doch für das Digitalisierungsprojekt „Google Books“, das angeblich dem Wohle der Menschheit dienen soll, steckten die Kalifornier bereits reichlich Kritik ein - auch seitens der deutschen Politik. Die scheint durch Googles jüngste Erfolge in Frankreich isoliert. Googles größter Coup könnte aber bald in Amerika besiegelt werden.
Französischer Pragmatismus
Frankreich liebt seine Kulturgüter und unterwirft sich ungern dem Diktat Amerikas. Doch wenn die eigenen Mittel nicht reichen, dann siegt gelegentlich der Pragmatismus. Vor diesem Hintergrund hat die Bibliothèque Nationale de France (BNF) - eine der vier größten Bibliotheken der Welt - Verhandlungen mit Google zur Digitalisierung ihrer Bestände aufgenommen. Ein Sprecher der Bibliothek betonte, dass sich eine mögliche Einigung nur auf Bücher ohne Urheberschutz beziehen könne. Die Gespräche könnten in einigen Monaten zum Abschluss kommen, sagte der stellvertretende Generalsekretär Denis Bruckmann in dieser Woche.
Damit vollzieht die BNF eine Kehrtwende. 2005 hatte ihr damaliger Direktor Jean-Noël Jeanneney mit Unterstützung von Präsident Jacques Chirac als Gegenmodell zu Google noch das europäische Bibliotheksportal Europeana angestoßen. Doch das Projekt kommt wegen technischer und finanzieller Schwierigkeiten nur langsam voran. Die Kosten der Digitalisierung - also das Einscannen Seite pro Seite und das Abspeichern auf leistungsfähigen Scannern - liegen nach Aussage von Bruckmann in Frankreich bei 0,12 bis 0,74 Euro je Seite. „Allein um die Bestände der Dritten Republik zu digitalisieren, brauchte man zwischen 50 und 80 Millionen Euro“, schätzt er. Doch die französische Regierung stellt ihm im Rahmen ihres Digitalisierungsprojektes Gallica nur 5 Millionen Euro im Jahr bereit. Beim aktuellen Tempo wären die europäischen Werke nach Schätzung des französischen Beratungsunternehmens Ifrap erst in 312 Jahren digitalisiert.
Die Stadtbibliothek Lyon ist Frankreichs Vorreiter in der Kooperation mit Google. Im vergangenen Jahr vereinbarte sie, dass Google ihre rund 500 000 Werke aus dem 15. bis zum 19. Jahrhundert in seiner Google-Bibliothek (“Book search“) einscannen darf. Gleichzeitig muss das Internetunternehmen die digitalen Dokumente, auf die keine Autorenrechte mehr bestehen, auch der Stadtbibliothek überlassen, damit diese ihre eigene kostenlose Internetsammlung aufbauen kann. Die Werke aus Lyon werden künftig also bei zwei Websites zu finden sein. Kosten fallen für die Stadtbibliothek nicht an. Google hat sich sogar bereit erklärt, ein Digitalisierungszentrum mit Scannern und Personal in der Gegend um Lyon anzusiedeln. „Der französische Staat hat nicht die Mittel, um in einem vernünftigen Zeitraum den Großteil der Werke zu digitalisieren. Logischerweise stellt sich da die Frage nach Partnerschaften“, sagte der Lyoner Bibliotheksdirektor Patrick Bazin der F.A.Z. Er wurde lange Zeit in Frankreich wegen seiner Öffnung zu Google angefeindet. „Jetzt kommen alle zu mir und wollen wissen, wie wir das gemacht haben“, sagte Bazin.
Die französische Regierung hält sich bisher zurück. „Frankreich hat ein wunderbares Kulturerbe. Da ist es normal, dass ein Akteur wie die BNF mit Google diskutiert, um dieses aufzuwerten“, sagte die Staatssekretärin Nathalie Kosciusko-Morizet. „Das wirkliche Risiko besteht darin, dass die französischen Akteure außen vor bleiben.“
Beifall von der Kommission
Die Europäische Kommission begrüßte die Einigung von Google mit der französischen Nationalbibliothek. Die digitale Erfassung kultureller Güter - inklusive von Büchern - sei eine echte Herkulesaufgabe, die die öffentliche Hand nicht allein stemmen könne, sagte ein Sprecher der Behörde. Es bringe deshalb gar nichts, - wie in Deutschland - eine ideologisch aufgeheizte Debatte über die Digitalisierung von Büchern zu führen. Die Kommission sei offen für private Initiativen, insbesondere wenn dabei innovative Wege beschritten würden. Es sei gut, wenn private Unternehmen wie Google ansonsten nicht erhältliche Bücher einer breiten Leserschaft zuführten, sagte der Sprecher weiter. Schließlich seien heute 90 Prozent der Bücher in den Nationalbibliotheken nicht mehr im Laden zu kaufen, weil sie nicht mehr gedruckt würden. Das bedeute natürlich nicht, dass Google die Autorenrechte missachten dürfe.
Sorgen um ein Google-Monopol
Die Bundesregierung sieht in den Gesprächen zwischen Google und der französischen Nationalbibliothek jedoch keine Niederlage in ihrem Kampf für geistige Eigentumsrechte. Denn es handele sich um Bücher, bei denen die Urheberrechte abgelaufen seien, heißt es dazu in Berlin. Dass man diese frei digitalisieren könne, sei in juristischer Hinsicht nie strittig gewesen. Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) sagte dieser Zeitung: „Die Digitalisierung der gemeinfreien Bestände der französischen Nationalbibliothek durch Google ist in Ordnung, denn der urheberrechtliche Schutz dieser Werke ist bereits abgelaufen. Ich begrüße es, wenn Bürgern der Zugang zu Informationen erleichtert wird. Frankreich wird sicher dafür Sorge tragen, dass auch andere Anbieter die Bestände der Nationalbibliothek scannen können.“
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wies darauf hin, dass die Bayerische Staatsbibliothek in den letzten Jahren auch Teile ihrer Bestände - wohlgemerkt gemeinfreie - Google zur Digitalisierung zur Verfügung gestellt habe. „Hiergegen habe ich mich nie gewendet, im Gegenteil: Zugang zu Kulturgut durch Digitalisierung auch denjenigen zu eröffnen, die den Weg zur Bibliothek oder zum Museum bislang nicht gefunden haben, ist prinzipiell zu begrüßen.“ Weil aber Bücher und wissenschaftliche Daten Teil der kulturellen Identität und damit genuin öffentliche Güter seien, so der Staatssekretär, müsse die digitale Verfügungsmöglichkeit über solche Bestände auf nationaler und europäischer Ebene auch in öffentlicher Verantwortung bleiben. Man sollte deshalb möglichst schnell die europäische Bibliothek Europeana und eine deutsche Variante aufbauen. „Würde Google allein den digitalen Zugang zu Büchern und sonstigen Kulturgütern eröffnen und verwalten können, bestünde die Gefahr eines faktischen Informationsmonopols.“
Digitalisierung an vielen Fronten
Google-Sprecher Stefan Keuchel betonte hingegen, dass mit den weltweit 30 Bibliotheken - davon 7 in Europa - keine Exklusivverträge geschlossen würden. Wettbewerber könnten also durchaus noch einsteigen. Das Bibliotheksprogramm betreffe ausschließlich Bücher, die keinem Urheberrechtsschutz mehr unterstehen. In Deutschland ist dies nach dem Urheberrechtsgesetz 70 Jahre nach dem Tod des Autors der Fall. Von diesem Bibliotheksprogramm sind Partnerschaften mit Verlagen zu unterscheiden. Auf Basis von Verträgen zeigt Google dort Ausschnitte von neuen Büchern und dient den Verlagen als Werbeplattform.
„Wir verdienen mit dem Bibliotheksprogramm kein Geld“, betonte Keuchel, „wir investieren vielmehr sehr stark.“ Neben den gemeinfreien Büchern würde nicht einmal Werbung eingeblendet. Googles Ziel - neben dem stets betonten Motiv, Wissen zugänglich zu machen - ist demnach, als Marke und Technologie für die Suche nach Informationen bekannt zu bleiben. Inzwischen sind nach Keuchels Angaben etwa 500 000 Bücher auch auf dem iPhone und dem Google-Handy G1 verfügbar - eigene Lesetechnologien wie Amazons Kindle verfolgt Google demnach nicht.
Die meiste Kritik musste Google wegen seines Vorgehens in den Vereinigten Staaten einstecken. Der Streit mit den Rechteinhabern, in den sich nun eine Allianz der Google-Konkurrenten wie Microsoft, Amazon und Yahoo einmischt, spielt auf einem gänzlich anderen Feld. Dort geht es neben gemeinfreien auch um urheberrechtlich geschützte Werke, die Google jedoch unter Ausnutzung der amerikanischen Copyright-Freiheiten ausschnittsweise zeigt. Justizministerin Zypries sagte dieser Zeitung: „Etwas völlig anderes ist es, wenn Google in den Vereinigten Staaten Bücher - auch deutscher Autoren -, die noch urheberrechtlichen Schutz genießen, ohne Einwilligung der Rechteinhaber digitalisiert. Das können und wollen wir nicht hinnehmen. Ich unterstütze deshalb die deutschen Urheber in der Klage vor dem New Yorker Gericht durch einen anwaltlichen Schriftsatz.“
Der dort geschlossene Vergleich wirkt sich aufgrund des amerikanischen Prozessrechts auch auf Menschen aus, die nicht Partei des Verfahrens sind. Und andererseits bringt es die Universalität des Internets mit sich, dass dort ins Netz gestellte Bücher auch hierzulande abrufbar sein werden. Damit handelt es sich auch um einen über die Technologie des Internets vermittelten Konflikt von Rechtsordnungen. Noch bis zum 4. September können Urheber dem Vergleich beitreten. Am 7. Oktober wird das Gericht eine letzte Anhörung zum Verfahren durchführen.
Bitte etwas mehr Differenzierung
Patrick Hawighorst (Patrick-OS)
- 25.08.2009, 13:09 Uhr
Kooperation geht über alles
Norbert Gillmann (nogi60)
- 25.08.2009, 14:39 Uhr
Die alten Bestände zu digitalisieren, ist sicher positiv
Bernhard Schmitz (DerKetzer)
- 25.08.2009, 17:15 Uhr