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Facebook „Hallo, auch noch wach?“

25.01.2009 ·  Die Vorstellung, nächtelang vor Facebook zu sitzen und zu gucken, wer wen als Freund hat, wer welche Fotos von sich veröffentlicht, welcher Beziehungsstatus sich wann verändert, stößt viele ab. Ein Versuch mit dem Netzwerk verspricht aber noch andere Erkenntnisse.

Von Johanna Adorján
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Neulich fragte ich meinen Bruder, ob ich etwas verpasse, wenn ich nicht bei Facebook Mitglied sei. „Na ja“, sagt er, „der A. ist heute Vormittag in München eine Flasche Olivenöl runtergefallen, zwei Stunden später hatte sie 96 Kommentare zu diesem Vorfall.“ Das war der Augenblick, an dem für mich feststand: Ich muss dabei sein!

Wenig später hatte ich mich angemeldet. Und kurz darauf schon sieben Freunde, und als die Sonne unterging, was in diesen Tagen früh geschieht, waren es schon siebzehn. Siebzehn Freunde! Das war doch schon mal etwas. Auch wenn ich mit etwa der Hälfte verwandt war. Und auch wenn man den Begriff Freund bei Facebook vielleicht besser in Anführungszeichen setzen sollte, ähnlich wie das Wort „tall“ bei Starbucks.

Facebook ist kein Land

Die Anführer der Globalisierung zeichnen sich ja nicht zuletzt dadurch aus, dass sie Wörtern des allgemeinen Sprachgebrauchs einen neuen Sinn aufdrücken. Die Bechergröße „tall“, also groß, bedeutet bei Starbucks das genaue Gegenteil, nämlich klein. Und ein Freund ist im sozialen Internetnetzwerk von Facebook jeder, der nicht explizit kein Freund ist. Also tatsächlich so gut wie jeder. Heute, am Tag zwei meiner Mitgliedschaft, habe ich 27 Freunde. Heute, beim grauen Licht des Tages betrachtet, kommt mir das sehr wenig vor (Nachtrag zehn Minuten später: jetzt sind es 31, immerhin).

Es ist nicht so, dass Facebook eine neue Sache wäre. Vor vier Jahren von einem Harvard-Studenten gegründet und zunächst nur als Online-Kontaktbörse für Kommilitonen gedacht, beteiligen sich heute, Stand vom 7. Januar, 150 Millionen Menschen auf der ganzen Welt daran, die Hälfte davon, laut Facebook-Website, täglich.

Es ist also auch nicht so, dass es noch ein Geheimtipp wäre. „Wenn Facebook ein Land wäre“, schreibt der Gründer der Organisation, Mark Zuckerberg, der in Harvard übrigens Psychologie studiert hat, „wäre es auf Platz acht der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, vor Japan, Russland und Nigeria.“ Facebook aber ist kein Land. Es ist ein neben der realen Welt real existierendes Paralleluniversum, in dem einige meiner Freunde (darunter auch einige ohne Anführungszeichen) seit Monaten leben. Und es werden immer mehr.

Wer nicht dabei ist, ist eben auch nicht dabei

Die schönste Facebook-Geschichte, die ich kenne (neben der von Mark Zuckerberg, der mit 23 Jahren der jüngste Milliardär ist, den die Forbes-Liste je führte), handelt von einer 62-jährigen, die via Facebook ihren neuen Freund kennengelernt hat. Er ist siebzig Jahre alt, (sieht aber, ich habe mir das Porträtfoto auf seiner Seite angeguckt, wirklich viel jünger aus). Sie hatten einen gemeinsamen Facebook-Freund, so etwas wird einem auf Facebook bekanntgegeben, und so trafen sie sich über diesen wie auf einer virtuellen Cocktailparty. Sie machten ein paar Monate lang virtuellen Smalltalk und verabredeten sich schließlich im richtigen Leben, wo sie ein richtiges Liebespaar wurden. Das klingt zunächst einigermaßen erstaunlich - man würde auf Facebook vor allem junge Menschen vermuten, aber tatsächlich sind die über 35-Jährigen derzeit die Gruppe mit dem stärksten Mitgliederzuwachs bei Facebook.

Aber je jünger die Benutzer sind, desto selbstverständlicher ist ihr Umgang mit diesem Medium, mit dem sie schließlich aufgewachsen sind. Ganze Schulklassen sind Mitglied, wer nicht dabei ist, ist eben auch nicht dabei. Beziehungen werden via Facebook für beendet erklärt, Fotos von der neuen Frisur präsentiert, mittels „Status“-Funktion der aktuellste Gedanke oder Aufenthaltsort mitgeteilt. J., der in Paris zur Schule geht, hat 900 Freunde. Sein Facebook-Leben erklärt er so: „Ich benutze Facebook, um mit Leuten in der ganzen Welt zu kommunizieren, um meine alten Freunde wiederzutreffen, die ich im Laufe der Jahre verloren habe.“ Um sehr viele Jahre kann es sich kaum handeln, J. ist 15 Jahre alt. Wenn er auf die Seite geht, guckt er zunächst, wer von seinen Freunden auch gerade online ist (das wird unten rechts angezeigt, man kann es einsehen, falls es einen interessiert), und chattet mit einigen von ihnen (unten rechts springt ein Fenster auf, und man kann live hin- und herschreiben). Dann sendet er Nachrichten an diejenigen, mit denen er etwas „Privates“ zu besprechen hat (Nachrichten können nur vom Empfänger gesehen werden), und sieht sich neue Fotos oder Fotoalben an, die Freunde auf ihre Seiten gestellt haben. „Leute aus meiner Generation benutzen Facebook auch, um Partys oder Veranstaltungen zu organisieren“, schreibt er mir via Schnecken-Mail. Und fügt hinzu, dass er allerdings sagen müsse, dass Facebook ziemlich süchtig mache.

Eine Vernetzung von Privatsphäre

Das war einer der Gründe, aus denen ich mich bisher dagegen gesträubt hatte, Mitglied bei Facebook zu werden. Die Angst, dann nächtelang vor dem Computer zu sitzen und zu gucken, wer wen als Freund hat, wer welche Fotos von sich veröffentlicht, welcher Beziehungsstatus sich wann von „ist in einer Beziehung“ zu „Single“ ändert, und wer was über wen sagt. Es war zu hören, Facebook stelle eine Verletzung der Privatsphäre dar. Tatsächlich stellt es eine Vernetzung von Privatsphäre dar. Man kann dort Zeuge von vermeintlich privaten Gesprächen werden. Auf der Seite einer Freundin las ich folgenden Dialog an der für alle ihre Freunde einzusehenden Pinnwand: Es ging um eine Party, auf der sie nicht war. „War K. da?“, fragte sie einen, der da gewesen war. „Nicht gesehen. K. nervt!“, antwortete der. Und weiter: „M. war aber da, schlecht angezogen, wie immer.“ Darauf sie: „Der ist bei Paul Smith hängengeblieben.“ Er: „Und ist noch stolz darauf!“ - „Die Koteletten . . .“ - „Der Metallring am Daumen.“ - „Sein Auto.“ - „Seine Freundin.“ Am Telefon erzählte sie mir, dieser Dialog sei frei erfunden gewesen. Es hatte weder die Party gegeben, noch gab es K., noch M. Einfach nur ein Spaß. Es war trotzdem der mit Abstand interessanteste Dialog, den ich bislang auf Facebook habe entdecken können.

Es können sogar Freunde frei erfunden sein, wie P., eines der vielen Mitglieder über 35, feststellen musste. Er hatte sich via Facebook mit einer ihm unbekannten Frau „befreundet“, mit der er fünf gemeinsame „Freunde“ hatte, weshalb sie ihm als vertrauenswürdig erschien. Nach einer Weile begann die Frau, ihm immer zärtlichere Nachrichten zu schicken, P. war geschmeichelt, gab irgendwann den Namen der Frau bei Google ein, um herauszufinden, was es sonst noch über sie herauszufinden gäbe, da stellte sich heraus: es gab sie offenbar gar nicht. Inzwischen hat sie ihre Mitgliedschaft bei Facebook gelöscht.

Die Fortführung des Pausenhofs

Ein anderer Grund, aus dem ich nicht zu Facebook wollte, war der, dass ich fand, alle sollten denken, ich verbrächte ein wildes, aufregendes Leben im Freien, anstatt alleine vor dem Computer. Und es ist mir in der Tat nicht angenehm, jetzt, wo ich auf Facebook bin, wenn ich nachts um ein Uhr kurz auf die Seite schaue (vielleicht habe ich neue Freunde?), und, zack, ploppt das Chatfenster auf: „Hallo, auch noch wach?“ Ich fühle mich dann, als ob mir jemand in mein Leben schaut, und mache auf der Stelle erschrocken den Computer aus.

Facebook ist im Grunde nichts anderes als die Fortführung des Pausenhofs. Es bilden sich Gruppen, man guckt, ob jemand guckt, verabredet sich, knüpft und beendet Freundschaften. Manche stehen lieber am Rand und warten mal ab, ob sich etwas tut - andere laufen stolz in der Mitte herum und jeder will mit ihnen befreundet sein. Wer sich hineinbegibt, wird darin nicht umkommen. Man kann im Handumdrehen seine Mitgliedschaft löschen, es kostet nichts (außer Zeit), und man hat Kontrolle über alles, was dort geschieht. Niemand wird dort etwas über einen erfahren, was man nicht preisgeben will. Man muss weder ein Foto auf die Seite stellen noch über seinen Beziehungsstatus Auskunft geben. Alles ist freiwillig, kann jederzeit geändert oder gelöscht werden, nichts geschieht, ohne dass man seine ausdrückliche Einwilligung gegeben hätte.

„Hilf ihm, Freunde zu finden, die er kennt“

Mittlerweile - es sind ein paar Tage vergangen - habe ich 76 Freunde. Und die meisten von ihnen kenne ich sogar! Mit dem Großteil hatte ich bis auf die gegenseitige Bestätigung der Freundschaft keinen Kontakt, andere riefen mich altmodisch telefonisch an, nachdem sie mich auf Facebook sahen, als hätten sie mich eines Tages zufällig auf der anderen Straßenseite gesehen. Mit einer, die ich versehentlich aus den Augen verloren hatte, habe ich mich in der Wirklichkeit verabredet, jemand anderes hat mir eine virtuelle Umarmung geschickt und ich habe mich darüber wirklich gefreut, worüber ich mich dann wiederum wirklich erschrocken habe. Ich bekomme jetzt Informationen darüber, wer von meinen Freunden wann auf welche Veranstaltung geht und weiß dadurch öfter als vorher, wann ich was verpasse. Ich weiß, dass S. seit zwei Tagen ein Fan von Wes Anderson ist, dass das Kind von N. Schnupfen hat, und ich lerne, sinnfreie Sätze zu verstehen: „B. hat 77 Freunde. Hilf ihm, Freunde zu finden, die er kennt.“

Trotzdem ist Facebook nicht halb so interessant, wie man denkt, wenn man nicht dabei ist. Und nicht halb so uninteressant. Es ist eine neue Art der Kommunikation, irgendetwas zwischen Mail und Telefon. Die Kontakte sind so unverbindlich wie eine Begegnung auf einem Fest eines gemeinsamen Bekannten, man sieht sich und sagt entweder hallo oder guckt weg und hofft, der andere hätte einen nicht gesehen. In den achtziger Jahren gab es eine Fernsehserie, die in einer Bar spielte, „Cheers“. Dort liefen sich Leute über den Weg, die gerade nichts Besseres vorhatten, als eben in diese Bar zu gehen. Im Titelsong hieß es: „You wanna go where people know, people are all the same / You wanna go where everybody knows your name“. Facebook ist das neue „Cheers“. Oder um es internetnäher zu erklären: Wenn Sie Menschen mögen, könnten Sie sich auch für Facebook interessieren. Und um die ganze Wahrheit zu erzählen: Eine meiner aktivsten Freundinnen auf Facebook schrieb neulich Nacht folgenden Satz auf ihrer Seite: „Ich vermisse meine richtigen Freunde.“ Am nächsten Morgen hatte sie ihn wieder gelöscht. Auf Facebook ist alles erlaubt. Außer einsam.

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