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Enzyklopädien Das Wissen der Welt aus dem Netz und von der Scheibe

21.10.2005 ·  Statt sich Lexika meterweise ins Regal zu stellen, kann auch auf die CD im Computer oder das Internet zurückgreifen. Der Brockhaus ist führend bei Software, die in Alltagssprache gestellte Fragen beantwortet.

Von Nils Schiffhauer
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Früh beginnt der Enzyklopädien-Herbst. Die 2006er Scheiben von Microsoft Encarta und Encyclopadia Britannica 2006 erreichten uns im August, in dem wir zudem ausgiebig in der elektronischen Version der 21. Auflage des Brockhaus-Wissensmassivs stöbern konnten. Dieses ist Mitte November in Form eines Ein-Gigabyte-USB-Sticks lieferbar, der den gesamten Textbestand der 30 gedruckten Bände enthält und mit Zusatzmaterial aus der Brockhaus-Bibliothek angereichert ist. Zwei auf Festplatte kopierbare Multimedia-DVDs ergänzen ihn. In dieser Klasse der Edelauskunfteien sieht sich die Internet-Enzyklopädie Wikipedia mitmischen, die zwar laufend aktualisiert wird, ohne Internetzugang aber ebenfalls als CD greifbar ist. Damit nicht genug im Enzyklopädienland, hat doch die deutsch-rumänische Crew des Berliner Digitalisierungsspezialisten Direktmedia mit "Meyers Konversationslexikon" von 1906 und "Pierer's Universal-Lexikon" (1857 bis 1865) zwei grandiose historische Enzyklopädien zu einem Spottpreis als Faksimile und mittels Software durchsuchbarem Text auf DVD gebrannt. Mehr Wissen für weniger Geld war nie.

Jedes dieser Nachschlagewerke ist empfehlenswert, und fast alle haben sie ihre Stärken wie Schwächen, die mit ihrer Entstehung sowie der Geschichte ihrer Herausgeber und deren Investitionsbereitschaft zusammenhängen. Wir haben uns nicht nur die neuesten Ausgaben erklickt, sondern uns auch in den Redaktionen und Softwarelabors umgetan.

Die älteste der Allwissenden ist die Encyclopadia Britannica. Ihre erste Auflage erschien seit 1768, und ihre zuletzt 2003 gedruckten 32 Bände halten Jahrbücher frisch. Seit 1995 stehen ihre gut 1,30 Regalmeter auf einer federleichten Silberscheibe zur Verfügung, die in jährlich erneuerten Ausgaben erscheint. Jüngster Wissensspeicher ist Microsofts Encarta, die 1993 das Laserlicht der CD-Lade erblickte. Sie ging aus den 29 Bänden von Funk and Wagnalls New Encyclopaedia hervor, von der sie sich heute - zumal in ihrer deutschen Ausgabe - völlig emanzipiert hat. Der erste Brockhaus erschien um 1808, die erste CD kam genau 190 Jahre später. Allen diesen Enzyklopädien macht die Wikipedia Konkurrenz, an der Tausende Experten und Laien seit 2001 im Internet in heute gut 100 Sprachen schreiben. Als gruppendynamisches Experiment, das ohne ordnende Zentralredaktion auskommt und sich auf zumeist urheberrechtsfreies Zusatzmaterial zu stützen hat, nimmt sie eine Sonderstellung unter den Nachschlagewerken ein. Mehr als solches ist sie ein Vorschlagewerk, bildet sie doch das Wissen der Welt nicht in seinen proportionalen Anteilen ab, sondern illustriert Neigungen und Kenntnisstand ihrer Freizeitschreiber. Nicht Einordnung und Zusammenhang scheinen ihre Leitmotive, sondern Vollständigkeit. Das Konzept macht sie zur Pflichtlektüre jedes Wißbegierigen, der im besten Fall mit einem ausführlichen und glänzend geschriebenen Essay belohnt wird. Nur kann er sich eben nicht bei jedem Lemma auf eine durchgehende Qualität verlassen. Die Wikipedia ist daher eher Ergänzung einer klassischen Enzyklopädie für Leser mit Vorwissen und kritischem Blick auf Fakten wie Einordnung.

Auf die Fragestellung kommt es an

Gerade auf diese aber kam es nicht nur den Enzyklopädisten seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an. Die elektronischen Entsprechungen schlagen nach multimediahubernden Umwegen wieder diesen Pfad ein. Übertrug man in der ersten Phase die gedruckten Werke in computerlesbaren Text und füllte den Silberling mit oftmals beliebig wirkenden Video- und Audioschnipseln, so ist seit kurzem die Rückbesinnung auf den Zusammenhang sichtbar. Nicht beliebig viele unverbundene Fakten über den Niger erklären eine dortige Hungersnot, sondern die Kombination verschiedener Faktoren stiftet den Zusammenhang in aufklärerischer Tradition. Digitale Enzyklopädien leisten via herbeiklickbarem Hypertext selbst dann Beträchtliches, wenn sie dem deutschen Konzept der kleinteiligen Stichwörter ("Vernestung") folgen und nicht nach englischer Tradition ausführliche Erklärstücke bieten, die - ob "Fliegen", "Ethik" oder "Taktik" - Umfang und Gehalt von Monographien annehmen können.

Doch unabhängig von der Präsentation des Wissens muß der Suchende die Informationen erst einmal finden, bevor er sie in einen Zusammenhang stellen kann. "Man sollte die Frage ,Warum ist der Himmel blau?' eintippen können und darauf eine Antwort erhalten", wies Bill Gates daher vor rund zwei Jahren der Such-Software für elektronische Wissenssammlungen aller Art ein Ziel. Zwar hatte da die Britannica exakt diese Frage längst beantwortet, damit jedoch die "große Aufgabe der Informatik" (Gates) nur scheinbar gelöst. Ihre Software untersucht den Text nur auf Begriffe wie "Himmel" und "blau", die nach Art der Boolschen Algebra automatisch miteinander verknüpft werden. Zwar ist das gegenüber der Konstruktion logischer Ausdrücke, die der Frager durch "und" oder "nicht" selbst miteinander zu verbinden hat, ein in unsere Alltagssprache reichender Fortschritt, setzt jedoch voraus, daß der Ratsuchende das Objekt seines Wissenswunschs relativ präzise beschreibt.

Auf Fragen wie "Welches Tier hat zwei Höcker?" schwieg daher der Bildschirm. Bis Alexander Bob es wissen wollte, 1,5 Millionen Euro (eine weitere Million kam vom Steuerzahler) dafür ausgab und nach dem Eintippen dieser Frage endlich umstandslos beim Stichwort "Kamel" landete. "Diese natürlichsprachliche Abfrage einer Datenbank ist ein Meilenstein", schwärmte Bob, Vorstand des Bibliographischen Instituts in Mannheim. Schon längst hatten die Brockhäusler ein Auskunftssystem, das die Bezüge eines Stichworts zu Ähnlichem zeigte (F.A.Z. vom 11. Februar 2003). "Dieses Wissensnetz", sagt Bernd Kreissig, der als Geschäftsführer des Neue-Medien-Ablegers von Brockhaus und Duden außerdem tief in der Sprachwissenschaft steckt, "haben wir zu einem dreidimensionalen Wissensraum erweitert."

Der schwebt wie die utopische Gesellschaftsinsel Laputa des Jonathan Swift über den Niederungen der normalen (Wissens-)Welt, dreht sich um den gesuchten Begriff und zeigt dessen vielfältige Bezüge zu so unterschiedlichen Kategorien wie Geographie, Kultur und Physik dreidimensional - je enger die Verweise um das Zentrum kreisen, desto stärker hängen sie mit dem Begriff zusammen und erweitern ihn um zusätzliche Wissensdimensionen. Klickbare Verweise zu Biographien, historischen Zusammenhängen oder naturwissenschaftlichen Bezügen symbolisieren unterschiedliche Figuren. Zusammen mit der differenzierten Farbgebung bietet dieser Wissensraum Weichbild und Relationen eines Begriffs, reißt diesen aus seiner Isolation und knüpft einen Wissensteppich wie ein geduldig erklärender Experte.

Eigene Grammatik

Wie dieser, so will der Wissensraum gefragt werden. Dabei bekommt der PC richtig viel zu tun. Denn was in seinem Innern in Sekundenschnelle passiert, ist eine ganze Menge. Zuerst erkennt die Software den Fragetyp: Wird nach einer Funktion ("Warum fliegt ein Flugzeug?"), nach einem Kontext ("Wie hängen hygienische Verhältnisse mit bestimmten Krankheiten zusammen?") oder nach einem Ort ("Wo wird das meiste Gold gefördert?") gefragt? Dann schlägt die Computerlinguistik mit einer speziell entwickelten Grammatik zu, unterzieht die schon in Schubladen eingeteilte Fragen einer sogenannten morphosyntaktischen Analyse, um daraufhin Alltagssprache in die der Bits und Bytes zu übersetzen. Damit das Wissen mit dieser Frage etwas anfangen kann, wurde es zuvor in 82 Grobklassen und 2358 Feinklassen kategorisiert und indexiert. Ein Eintrag wird damit in seine abfragbaren Bestandteile zerlegt. "Dieser Vorgang erfolgt automatisch", sagt Bernd Kreissig, "nimmt aber selbst bei unseren leistungsstarken Rechnern für die Enzyklopädie vier bis fünf Tage in Anspruch." Erst danach ist der Übersetzer bereit, normalsprachliche Anfragen zu beantworten. Selbst auf die scheinbar dadaistisch klingende Fangfrage "Wer schrieb im Ziegelbrenner?" führt die Software stracks zum Personaleintrag des Schriftstellers B. Traven. Erfüllt somit der neue Brockhaus Gates' Forderung im hohen Maße, so ist dessen eigenes Produkt noch nicht soweit. Gleiches gilt für die Britannica und erst recht für die Wikipedia, die über eine Art Volltextsuche nach Begriffen nicht hinauskommen. Auch das kann zu richtigen Antworten führen. Der Leser betritt einen je nach Fragestellung individuell möblierten Raum, der ihn in die Mitte seines Erkenntnisinteresses versetzt, dem er wie spielerisch bis zu seinen Rändern folgen kann. Was wir da sehen, ist nichts weniger als die Zukunft des Wissenserwerbs im digitalen Zeitalter, wodurch die Enzyklopädie endlich für breitere Schichten zu sich selbst kommt.

Unterschiedliche Sprachstile

Doch die schönste Fragetechnik fördert nur schon vorhandenes Wissen zutage. Kommt es allein darauf an, so zeigen sich dem täglichen Nutzer aller erwähnten Enzyklopädien manche Eigenheiten, die in ihrer Summe die Auswahl des richtigen Lexikons enorm erleichtern: Für maximalen Genuß sollte man sie nämlich alle miteinander konsultieren. Die Encarta auskunftet in frischer Alltagssprache und pflegt unverkrampfte Verbindungen bis hin zum Schaum des Showbiz. Brücken sind ihr "Bauwerke, die einen ununterbrochenen Übergang über Wasser, Verkehrswege oder Täler ermöglichen", während Brockhaus sie erklärt als "Bauwerke zur Überführung von Verkehrswegen, Rohrleitungen und dergleichen über natürliche oder künstliche Hindernisse", und die Britannica versteht darunter "Strukturen, die sich horizontal zwischen zwei Stützen spannen, um horizontale Lasten aufzunehmen". Wie ein Muster zeigt dieses Beispiel die jeweils unterschiedliche Perspektive, wobei in diesem Fall auch die Wikipedia-Erklärung einigermaßen typisch ausfällt: "Eine Brücke ist ein Bauwerk, das zwei durch ein Gewässer (Fluß, Bach, Meeresbucht), einen Verkehrsweg (Straße, Eisenbahn, Kanal) oder ein Tal getrennte Landflächen so miteinander verbindet, daß dieses Hindernis leicht überquert werden kann." Zitiert haben wir nur den jeweils ersten Satz, das Stichwort selbst überbrückt in jeder Enzyklopädie viele Seiten bis zur Erschöpfung des Lesers.

Der Brockhaus informiert in konzentrierter Sprache und bietet mit seinen mehr als 300000 Stichwörtern die größte Vielfalt. In seiner 21. Auflage hat er mächtig bei den multimedialen Elementen aufgeholt; rund 40000 Fotos, Grafiken und Tafeln flankieren den Text, den rund 2600 Tabellen sowie 500 zum Teil recht originell ausgesuchte Quellentexte ergänzen. Elektronisch beigebunden sind viele Beiträge aus der Brockhaus-Bibliothek, die entweder näher in Spezialgebiete wie Musik oder Psychologie eintauchen lassen oder Themenkreise zu Mensch, Natur und Technik im Überblick darstellen. Für die jugendlichen unter unseren Testlesern verlangt die verdichtete Brockhaus-Sprache etwas Gewöhnung. Sie suchen daher den Einstieg gern über die Encarta und vertiefen ihn im Brockhaus, den der Gewohnheitsnachschlager als erstes befragt, um sich danach davon zu überzeugen, daß die Encarta zumeist eher darunter bleibt als über ihn hinausführt.

Die Wikipedia ist immer einen - dritten oder vierten - Klick wert. In vielen Fällen ist sie tagesaktuell, wo Brockhaus und Encarta monatlich, die Britannica in größeren Abständen über das Internet aktualisiert werden. Erfreulicherweise läßt sich die Wikipedia als einziges Werk komplett auf die Speicherkarte eines PDA laden, womit dieser zu einer Bibliothek wird, die auf immer mehr Fragen Antworten weiß. Sie jedoch als einzige Quelle heranzuziehen wäre für den Wissensprofi leichtfertig.

Breite und Tiefe gegen Aktualität

Zur Britannica haben wir in langjährigem Gebrauch eine besondere Neigung gefaßt. Sie ist nicht gerade auf dem neuesten Stand, informiert aber in einer stupenden Breite wie Tiefe im unaufgeregten Ton gewissermaßen "letzter Hand". Die Quote überraschender Entdeckungen, grundvernünftiger Urteile, Einsichten und Zusammenhänge ist hier besonders groß, wenngleich manches hinter dem aktuellen Erkenntnisstand zurückbleibt.

Wem diese Wissenswelt nicht reicht, möge bis zum kommenden Frühjahr ausharren. Dann bietet Direktmedia einen ersten Teil des zwischen 1732 und 1754 in 68 Bänden ausgelieferten Universal-Lexikons des Johann Heinrich Zedler an, der sich durch sorgfältiges Abtippen und als Faksimile digitalisiert auf DVD findet. In mehr als 800000 Stichwörtern findet sich dort zum letzten Mal das gesamte Wissen einer Zeit gebündelt. Lesen freilich muß man alles selbst, denn nicht einmal die elektronischen Versionen bieten eine ans Gehirn anstöpselbare Schnittstelle oder eine "Lehrmethode, wobei keine selbstthätige Bemühung des Lernenden nothwendig ist", wie Pierer's Universal-Lexikon uns 1861 den Nürnberger Trichter erklärt. Ein wenig hat man sich schon zu mühen um den Wissenserwerb. Aber noch nie war das so umfassend leicht und preisgünstig.

Quelle: F.A.Z., 18.10.2005, Nr. 242 / Seite T1
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