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Elektronik im Auto Die feine Logik des neuen Fahrens

21.06.2010 ·  Das Auto definiert sich immer stärker über seine Elektronik, es wird zum rollenden „Hotspot“. In der Oberklasse sind raffinierte Navi-Systeme, Head-up-Displays in der Frontscheibe und das Internet im Cockpit schon Standard.

Von Michael Spehr
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Neulich im Fernsehen: Die Motorredaktion verglich zwei neue Fahrzeuge, und eine Familie durfte die beiden Probanden ebenfalls fahren. Das Fazit der Laien fiel bemerkenswert klar aus. Sie entschieden sich für das Auto mit der moderneren Kommunikationstechnik, das war ihr Favorit. Man mag bei solchen Auswahlkriterien nur den Kopf schütteln. Aber unzweifelhaft ist: Die Elektronik im Auto wird immer wichtiger. Was früher ein teures Extra war, gewinnt an Stellenwert in Zeiten, in denen ordentliches Fahren mit unschönen Porträtfotos auf amtlichen Dokumenten endet.

Am klarsten unterstreicht Ford in Amerika diesen Sinneswandel und bewirbt seine Modelle vorrangig mit der Kommunikationstechnik: das „Sync“-System für Handy und MP3-Spieler mitsamt Sprachsteuerung. Es kommt in dieser Blickrichtung nicht mehr auf das Auto an, sondern auf die wichtigsten Aspekte seiner täglichen Nutzung bei den Käufern.

Unterhaltungsprogramm für den Beifahrer

In Europa sind die feinen Extras mit Bits und Bytes vor allem in der Oberklasse zur Selbstverständlichkeit geworden. Prachtvolle Farbbildschirme in der Mittelkonsole zeigen nicht nur Videos und das digitale Fernsehprogramm. Ihre optische Auflösung wird immer höher, und sie werden neuerdings unterstützt von Grafikkarten, wie man sie aus der PC-Welt kennt.

Audi setzt beispielsweise die Nvidia-Prozessoren ein, um die Kartendarstellung bei der Navigation schicker zu machen. Aber nicht nur das: Der Routenführer zeigt die Welt ringsum dreidimensional, Gelände und Höheninformationen werden plastisch in Szene gesetzt, und in der Großstadt sieht man markante Sehenswürdigkeiten wie bei Google Earth als Computermodell nachgebildet. Das alles braucht man nicht unbedingt, um sicher von A nach B zu gelangen, es ist eher ein Unterhaltungsprogramm für den Beifahrer.

Aber gelegentlich profitiert man doch von hochauflösenden Karten mit den darin eingeblendeten Sonderzielen wie Parkhäusern, Restaurants oder Hotels. Wir waren unlängst in München unterwegs und suchten im Bereich der Fußgängerzone des Viktualienmarkts die Hoteleinfahrt, eine kleine Seitenstraße. Der Kopilot war zwar mit aktuellem Kartenmaterial bestückt, aber die Verkehrsführung hatte sich mittlerweile geändert. Mit einem Seitenblick auf den Bildschirm konnten wir uns wenigstens „Pi mal Daumen“ orientieren.

Solche Malaisen mit den auf DVD oder der Festplatte des Fahrzeugs gespeicherten Landkarten treten immer wieder auf. Es gibt leider nur zwei Lieferanten, Navteq und Teleatlas, im Besitz von Nokia und Tom Tom, und jede Änderung der Verkehrsführung muss in den Datenbestand eingepflegt werden.

Unterwegs im Netz surfen

Eine Möglichkeit der Abhilfe besteht darin, tagesaktuelle Karten und andere Informationen mit einer Mobilfunkanbindung ins Fahrzeug zu holen. Etwa von Google Maps, wie im neuen Audi A8 und im VW Phaeton der nächsten Generation. Hier kommt dann auch die dreidimensionale Darstellung der Topographie von Google. Und wenn das Fahrzeug ohnehin mit einer eigenen Sim-Karte für die Datenanbindung ausgestattet ist, liegt es natürlich nahe, weitere Internet-Dienste anzubieten.

Im aktuellen 7er BMW kann man mit den beiden Zusatzpaketen „BMW Online“ und „Connected Drive“ unterwegs im Netz surfen, allerdings nur mit Edge-Geschwindigkeit, nicht mit UMTS. Die Datenverbindung über ein eigenes UMTS-Handy herzustellen ist nicht möglich. Der Netfront-Browser lässt sich nur im stehenden Fahrzeug (nicht einmal im langsam rollenden) aufrufen, die Bedienung erfolgt mit dem Controller, und es gibt Extras wie einen Zoom-Modus zum Lesen kleiner Schriften. Ist die Darstellung ganzer Seiten dank der hohen Auflösung der Anzeige durchaus gelungen, wird jedoch Java Script nicht immer zufriedenstellend unterstützt, ein Flash-Player oder PDF-Betrachter fehlen.

Rollender „Hotspot“ mit Wireless-Lan

Wir haben das Ganze ausprobiert, der Browser ist eine nette Zugabe. Etwas sinnvoller ist der Abruf von E-Mail, RSS-Nachrichten oder Wetterberichten im Fahrzeug. Diese Angebote von BMW gibt es bereits länger, sie lassen sich auch während der Fahrt nutzen. Wer unterwegs im Netz surfen will, ist jedoch als Beifahrer mit Notebook und UMTS-Karte besser ausgerüstet. Dieser Klientel will Audi demnächst ein schönes Extra bieten: Der neue A8 wird zum rollenden „Hotspot“ mit Wireless-Lan. Die Mobilfunkeinheit mit eigener Außenantenne holt sich die Daten aus den Funknetzen und reicht sie in den Innenraum als W-Lan-Signal weiter.

Unterstützt werden derzeit Geschwindigkeiten von bis zu 7,2 MBit/s, und ungemein praktisch ist das natürlich für Passagiere im Fond, die mit dieser Technik ohne Fummelei ihr Notebook oder ihr iPad ins Netz bringen. Ein klarer Pluspunkt für den Fahrer wiederum sind Head-up-Displays, die Informationen in die Frontscheibe projizieren.

BMWs Head-up-Display in der Frontscheibe setzt Maßstäbe

Die Technik stammt ursprünglich aus der Luftfahrt und überlagert ein virtuelles Bild mit der realen Sicht nach draußen. Um die Informationen zu erfassen, muss man nicht den Blick von der Fahrbahn abwenden, sondern sieht diese unaufdringlich und dezent mit der gewohnten Fokussierung des Auges auf Fernsicht. Ein Navigationspfeil erscheint etwa so, als schwebte er durchsichtig über der Straße.

Der immense Vorteil eines Head-up-Displays ist die minimale Ablenkung vom Verkehrsgeschehen, und die Darstellung, die beispielsweise BMW im aktuellen 7er gewählt hat, setzt neue Maßstäbe: In blassem Orange, Gelb, Grün und Rot sind Piktogramme für die Navigation, Fahrspurassistenten, die Spurverlassenswarnung und die Einstellungen der aktiven Geschwindigkeitsregelung (die entsprechend einer vorgegebenen Wunschgeschwindigkeit bis 180 km/h den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug radargestützt automatisch einhält) mit einem Blick ablesbar. Zudem werden Geschwindigkeitsbeschränkungen mit einer Kamera erfasst und ebenfalls eingeblendet.

Die Tücke liegt im Detail

Diese Verkehrsschild-Erkennung ist vor allem für den Vielfahrer ein Segen angesichts der Unsitte auf deutschen Autobahnen, dass schon aus Prinzip alle paar Kilometer die Geschwindigkeitsbeschränkung wechseln muss. Wer auf langen Strecken etwas ermüdet ist, sieht mit einem Blick das aktuelle Limit. Da die realen Schilder am Straßenrand mit den Kameras des Fahrzeugs erfasst werden, sind die Informationen deutlich besser als jene historischen, die auf den Navi-Landkarten verzeichnet sind.

Die Tücke liegt jedoch im Detail. Die Elektronik muss Schilder mit bedingten Tempolimits (bei nasser Fahrbahn oder zu bestimmten Uhrzeiten) erfassen und ebenso die Verkehrsbeeinflussungsanlagen mit ihren sehr hoch angebrachten Anzeigen. Und die Anzeige sollte ferner permanent eingeblendet werden und nicht nur wenige Sekunden lang, wie etwa bei Mercedes-Benz in der neuen E-Klasse.

Manövrieren mit Spracherkennung

Dass die Bedienung mancher High-Tech-Anlagen mit bis zu 1000 verschiedenen Funktionen alles andere als einfach ist, wird immer wieder beklagt. Vor allem der „Controller“, ein Drehsteller, den man auch drücken und seitwärts bewegen kann, steht im Zentrum der Kritik. Aber es ist natürlich nicht die Hardware, sondern das gesamte Bedienkonzept, mit dem sich mancher Autofahrer überfordert fühlt. Indes haben die großen Hersteller aus ihren Fehlern gelernt. Man muss nicht alles in das Prokrustesbett einer starren Logik hineinpressen, und bei den aktuellen Anlagen werden die Basisfunktionen von Klimaanlage und Radio wie früher mit eigenen Tasten aufgerufen.

Dazu kommt die Sprachbedienung von Marktführer Nuance, die bei Audi, BMW und Mercedes-Benz mittlerweile perfekt arbeitet. Man sagt einfach Ort und Straße, und schon ist das Navigationsziel ohne jede Fummelei erfasst. Auch der Wechsel des Radiosenders oder das Manövrieren in der Musikbibliothek und natürlich die Namenswahl in der Telefonabteilung sind auf diese Weise ein Kinderspiel. Wenn man die Spracherkennung nur einziges Mal in Betrieb erlebt hat, wird man auf diesen Komfort nicht mehr verzichten wollen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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