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E-Book-Reader Lesen wird digital

09.05.2009 ·  Der Online-Händler Amazon hat sich mit dem elektronischen Lesegerät Kindle hohe Ziele gesteckt. Der Markt zieht viele Wettbewerber an. Buchverlage und Zeitungen sind hoffnungsfroh und misstrauisch zugleich: Wer wird an dem Geschäft letztlich verdienen?

Von Roland Lindner
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Jeff Bezos hat viele Gründe, Papier zu mögen. Der Vorstandsvorsitzende des Internetmarktplatzes Amazon.com hat schließlich seine Karriere in nicht unerheblichem Maße bedrucktem Papier zu verdanken.

Amazon ist als Online-Händler von Büchern erfolgreich geworden, und bis heute sind Bücher ein wesentlicher Teil des Geschäfts, auch wenn das Unternehmen sein Sortiment längst auf viele andere Segmente von Bekleidung über Computer bis hin zu Lebensmitteln ausgeweitet hat.

Und doch arbeitet Bezos zielstrebig daran, Bücher und andere Druckerzeugnisse überflüssig zu machen. „Es wäre nicht schlecht, wenn wir uns zu einer papierlosen Gesellschaft hinbewegen würden“, sagte Bezos in dieser Woche bei der Vorstellung der nächsten Generation seines elektronischen Lesegeräts Kindle in New York. Bücher, Zeitungen und Dokumente - all das will Bezos mit dem Kindle digitalisieren.

Schon die zweite Neuheit in diesem Jahr

Bezos weiß, dass seine Vision einer papierlosen Gesellschaft Zukunftsmusik ist, und er fand dafür bei seiner Präsentation ein treffendes Beispiel: Druckertinte und Toner - laut Bezos die „bösartigen Gefährten“ von Computern - sind noch immer ein glänzendes Geschäft, nicht zuletzt für Amazon (“Wir verkaufen viele von diesen Dingern“). Im Computerzeitalter werde mehr gedruckt als je zuvor.

Bezos kann es Menschen nicht verdenken, wenn sie es angenehmer und praktischer finden, Inhalte auf Papier anstatt auf dem Computerbildschirm zu lesen. Er hofft aber, dass er dies mit dem Kindle ändern kann.

Bezos hat mit der Vorstellung des neuen „Kindle DX“ eine weitere Offensive in einem Markt gestartet, in dem sich nach einem zähen Beginn die Ereignisse überschlagen. Im Moment kommt ein neues Produkt nach dem anderen auf den Markt. Neben Amazon hat in dieser Woche auch der deutsche Weltbild-Verlag ein digitales Lesegerät mit dem Namen Cybook vorgestellt.

Für Amazon war die Präsentation vor wenigen Tagen schon das zweite neue Kindle-Modell in diesem Jahr. Den Kindle gibt es bislang nur in Amerika, und Amazon hat noch keinerlei Angaben zu einem möglichen Start in anderen Ländern gemacht.

E-Ink ist inzwischen Standard

Digitale Lesegeräte sind keine völlig neue Erfindung. Schon vor mehr als zehn Jahren gab es die ersten Modelle mit Namen wie Rocket E-Book oder Softbook zu kaufen. Die Produkte hatten zwar eine eingeschworene Fangemeinde, konnten sich aber nie in der Masse etablieren und wurden schließlich eingestellt. Es gab zu wenig Titel in digitaler Form, die Preise für die elektronischen Bücher waren zu hoch, die Speicherkapazität der Geräte war begrenzt und die Bildschirme nicht leserfreundlich.

Einen großen Sprung nach vorne gab es im Jahr 2006, als der japanische Unterhaltungskonzern Sony den E-Book-Reader einführte. Der Sony-Reader war das erste Gerät mit der Bildschirmtechnik von E-Ink, einem kleinen Unternehmen aus der Nähe von Boston.

Diese „elektronische Tinte“ von E-Ink erlaubt einen hohen Kontrast und kommt ohne Hintergrundbeleuchtung aus, was das Lesen für die Augen weniger ermüdend macht. Die E-Ink-Technik ist mittlerweile zum Standard in der Branche geworden.

Vergleiche zu iPod und iTunes

Im Herbst 2007 sorgte Amazon mit der Vorstellung des Kindle für einen Paukenschlag. Beobachter trauten dem amerikanischen Unternehmen zu, mit dem Kindle den entscheidenden Durchbruch bei den Lesegeräten zu schaffen. Amazon brachte schließlich die besten Voraussetzungen mit. Das Unternehmen hat sich als Online-Buchhändler bei den Verbrauchern etabliert und verfügt über langjährige Beziehungen zu den Verlagen.

Der Kindle wurde bei seinem Start sofort mit dem digitalen Musikspieler iPod von Apple verglichen. Dabei kam er optisch etwas klobig daher und ließ wenig vom Designgespür erkennen, für das Apple berühmt ist. Dafür überzeugte der Kindle mit technischen Möglichkeiten: Bücher können über eine drahtlose Internetverbindung direkt auf den Kindle geladen werden, während sie beim Sony-Reader zunächst auf einem Computer gespeichert werden müssen.

Amazon hat dazu eine Online-Plattform ähnlich wie iTunes für den iPod. Die meisten Bücher kosten 9,99 Dollar und somit deutlich weniger als in der gedruckten Version. In der Branche wird kolportiert, dass Amazon den Buchvertrieb subventioniert, zumal das Unternehmen auch Gebühren an den Telekommunikationskonzern Sprint Nextel abführen muss, der die Internetverbindung liefert.

Im Februar dieses Jahres stellte Amazon die zweite Generation des Kindle vor, die mehr Funktionen und Speicherplatz hat als der Vorgänger und außerdem dünner ist.

Kein Kannibalisierungseffekt laut Amazon

Amazon sagt, der Kindle habe die kühnsten Prognosen übertroffen. Einen Beweis dafür gibt es freilich nicht, denn das Unternehmen hütet die Absatzzahlen für das Gerät und für elektronische Bücher wie Staatsgeheimnisse. Der Kindle war aber trotz seines üppigen Verkaufspreises von 359 Dollar zwischenzeitlich über Monate hinweg ausverkauft.

Mark Mahaney, Analyst bei der Citigroup, schätzt, dass Amazon im vergangenen Jahr 500.000 Kindles verkauft hat. Für dieses Jahr rechnet er mit einem Absatz von einer Million Geräten. Im nächsten Jahr könnte Amazon nach seiner Schätzung mit dem Kindle und digitalen Büchern einen Umsatz von 1,2 Milliarden Dollar schaffen.

Amazon rückt bislang nur kleine Informationshäppchen heraus. Bei Büchern, die es für den Kindle gibt, erreichen die Verkaufszahlen der elektronischen Version heute schon 35 Prozent der Absätze, die Amazon mit der gedruckten Fassung verbucht, sagte Bezos in dieser Woche. Im Februar, vor der Einführung der zweiten Kindle-Generation, habe dieser Wert noch bei 13 Prozent gelegen.

Bezos sagte vor einigen Monaten außerdem, beim Kindle sei kein Kannibalisierungseffekt zu beobachten. Wer sich das Gerät anschaffe, kaufe danach in gleicher Menge wie vorher gedruckte Bücher. Zu jedem physischen Buch kommen aber nach Angaben von Bezos im Schnitt 1,6 bis 1,7 Kindle-Titel hinzu.

Immer noch nur ein Bruchteil des klassischen Buchmarkts

Der Markt für elektronisches Lesen wächst zweifellos. Nach Angaben des amerikanischen Verlegerverbands Association of American Publishers stieg der Umsatz mit digitalen Büchern im vergangenen Jahr um 68 Prozent auf 113 Millionen Dollar. Freilich entspricht das noch immer nur einem Bruchteil von 0,5 Prozent vom gesamten Buchmarkt, der ein Volumen von 24,3 Milliarden Dollar hatte.

Der Wachstumsmarkt zieht immer mehr Wettbewerber an. Neben den großen Anbietern wie Amazon und Sony tauchen auch neue Konkurrenten auf, die sich allein auf diese Geräte spezialisieren. Zu den aussichtsreichsten Adressen wird das junge Unternehmen Plastic Logic aus dem kalifornischen Mountain View gezählt, das im nächsten Jahr ein Lesegerät auf den Markt bringen will.

Plastic Logic hat seine Produktion in Dresden, zum Aufbau seines Geschäfts hat das Unternehmen 200 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt. Zu den Geldgebern gehören neben Finanzinvestoren auch prominente Industrienamen wie Intel, Siemens oder BASF.

Kindle-Abonnements halten sich in Grenzen

Angeblich bereitet auch Apple den Einstieg in das Geschäft vor. Medienberichten zufolge arbeitet Apple an einem Konkurrenzprodukt zum Kindle und anderen Lesegeräten, das sich in der Größe zwischen dem Multimediahandy iPhone und einem Macbook-Laptop bewegt.

Es wäre eine Kehrtwende für den Apple-Vorstandsvorsitzenden Steve Jobs, der sich kurz nach der Einführung des ersten Kindle noch abfällig zu den Chancen elektronischer Bücher äußerte: „Die Leute lesen einfach nicht mehr“, sagte Jobs damals.

Freilich geht es ohnehin längst nicht mehr nur um Bücher. Die Lesegeräte sollen nach dem Willen der Hersteller auch zu einer Plattform für Zeitungen werden. Darauf setzt Amazon mit seinem in dieser Woche vorgestellten neuen Kindle-Modell, das einen zweieinhalb Mal so großen Bildschirm hat wie die bisherige Version und das Lesen von Zeitungsartikeln attraktiver machen soll.

Bislang hält sich die Zahl der Kindle-Abonnenten in Grenzen: Das „Wall Street Journal“ hat 15.000 Kunden für die Kindle-Version, die gedruckte Auflage liegt bei mehr als zwei Millionen.

Die Zeitungsverlage hoffen auf neue Leser

Auch Plastic Logic hat Allianzen mit Zeitungen wie „USA Today“ oder „Financial Times“ geschlossen. Die Medienkonzerne News Corp. und Hearst, die über umfangreiche Zeitungsaktivitäten verfügen, haben selbst in die Entwicklung neuer Lesegeräte investiert.

Für die Zeitungsbranche könnten Lesegeräte ein Hoffnungsschimmer in der Krise sein. Die Verlage leiden unter rückläufigen Auflagen und Anzeigenumsätzen, viele Menschen verzichten auf eine Tageszeitung und nutzen Gratisangebote im Internet. Mehrere amerikanische Zeitungshäuser haben Insolvenz beantragt oder Blätter ganz eingestellt.

Die Verlage hoffen nun, dass Lesegeräte zu einer neuen elektronischen Plattform werden könnten, für deren Nutzung die Menschen im Gegensatz zu den meisten Internetangeboten zu zahlen bereit sind.

Farbe ist noch länger nicht in Sicht

Die Amazon-Präsentation in dieser Woche hat aber auch unterstrichen, dass die Branche noch am Anfang steht. Auch wenn der neue Kindle den Zusatz „DX“ für „Deluxe“ bekommen hat, mutet er doch in vielerlei Hinsicht fast archaisch an. Auch in seiner jüngsten Version bleibt der Kindle schwarzweiß und erlaubt keine Farbfotos. Das macht gerade das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften weniger reizvoll, und es mindert auch die Attraktivität für mögliche Werbekunden.

Zudem wirkte es fast linkisch, wie Jeff Bezos bei seiner Demonstration den Kindle mit allerlei Knöpfen bediente - in einer Zeit, in der sich die Menschen an berührungsempfindliche Oberflächen wie beim iPhone gewöhnt haben.

Der Sony-Reader und das kommende Gerät von Plastic Logic haben Touchscreen-Funktionen. Lesegeräte mit Farbbildschirm werden aber wohl noch ein paar Jahre auf sich warten lassen, wie der Techniklieferant E-Ink zugibt.

Die bisherigen Schwachpunkte lassen es jedenfalls als sehr ambitioniert erscheinen, dass Amazon für seine Deluxe-Version des Kindle den Preis auf 489 Dollar nach oben geschraubt hat (die 359-Dollar-Version mit kleinerem Bildschirm wird es weiterhin geben).

Amazon streicht 70 Prozent der Abo-Gebühren ein

Viele Anbieter von Inhalten blicken auch noch mit Argwohn auf die Hersteller der Lesegeräte und dabei vor allem auf Amazon. So ist es den Verlagen ein Dorn im Auge, dass Amazon aus ihrer Sicht die Preise in dem Geschäft kontrolliert. Zeitungshäuser ärgern sich nach einem Bericht der „New York Times“ darüber, dass Amazon bislang 70 Prozent der Abonnementgebühren für sich einstreicht.

Rupert Murdoch, der Vorstandsvorsitzende von News Corp., ging vor ein paar Tagen voll auf Konfrontationskurs mit Amazon. Bei der Vorlage von Quartalszahlen sagte Murdoch: „Ich kann Ihnen versichern, wir werden die Rechte an unseren Inhalten nicht an die guten Leute verfüttern, die den Kindle geschaffen haben. Wir werden die Preise für unseren Inhalt und die Beziehungen mit unseren Kunden kontrollieren. Jeder Gerätehersteller und jede Internetseite, die dieses elementare Kriterium nicht erfüllt, wird langfristige kein Geschäft mit der News Corporation machen.“

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