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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Digitale „Wasserzeichen“ Legale Konkurrenz für illegale Tauschbörsen

21.10.2009 ·  Die Musikindustrie will Internetpiraten mit Dateimarkierungen auf die Schliche kommen. Ein neuer Dienst nutzt die Technik, um den kostenlosen Tausch von Musik zu ermöglichten - und will Raubkopierern damit den Weg in die Legalität ebnen.

Von Hendrik Wieduwilt
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Wenn ein Kunstfälscher sein Werk vollendet, schreibt er seinen richtigen Namen in der Regel nicht auf die Rückseite der illegalen Kopie. Die Ware von Internetpiraten hingegen könnte bald durchaus entsprechend beschriftet sein: Um herauszufinden, wer seine Käufe im Internet zur Verfügung stellt, weben Musik- und Hörbuchportale inzwischen einen unsicht- und -hörbaren Code in ihre Stücke ein. Die Suche nach den so gezeichneten Dateien findet automatisiert statt. Anwälte können dann die Herkunft ganz ohne Gerichtsbeschluss oder Staatsanwaltschaft ermitteln.

Diese „Wasserzeichen“ für die digitale Welt markieren einen Strategiewechsel beim Kampf gegen die Piraterie. Der bisher propagierte Kopierschutz, der Vervielfältigungen technisch verhindern kann (DRM), ist beim Kunden auf wenig Gegenliebe gestoßen: Entsprechend geschützte CDs liefen nicht auf allen Abspielgeräten oder auf jedem Computer. Dateien konnten nicht auf den eigenen MP3-Player überspielt werden, und auch das Kopieren im Bekanntenkreis entfiel. Für manch einen Stammgast auf Piraterieseiten geriet der Frust über die DRM-Hürden sogar zur Legitimation, sich über Urheberrechte hinwegzusetzen. Die Wasserzeichen hingegen verhindern nichts - sie dokumentieren.

Jeweiliger Code wird einem Kunden zugeordnet

So führen Anbieter Listen, mit denen der jeweilige Code einem Kunden zugeordnet wird. Taucht der Code auf einer Datei in einer Tauschbörse auf, ist die Quelle der Raubkopie schnell bekannt, und wer ein Wasserzeichen entfernt, begeht eine Straftat nach dem Urheberrechtsgesetz.

Damit scheint zumindest theoretisch eine Lösung für die Flüchtigkeit digitaler Inhalte gefunden zu sein. Denn wann immer um digitale Inhalte im Netz diskutiert wird, bilden sich zwei Fronten: Die einen sehen im digitalen Vertrieb großes Potential. So legte der Hörbuchmarkt in diesem Jahr nach Informationen des Branchenverbandes um 31 Prozent zu. Skeptiker hingegen sehen die Risiken - denn was einmal digital ist, verbreitet sich schnell weiter, ohne dass der Ersteller davon profitiert. Der Dienstleister Opsec Security warnte dementsprechend: Neun von zehn Hörbüchern aus der Buchreport-Bestsellerliste seien im Netz als Raubkopie kostenlos verfügbar.

In den vergangenen Jahren ließ die Tauschbörsennutzung allerdings nach. Die Zahl illegaler Downloads hat sich nach Angaben der GfK seit 2003 etwa halbiert; in den nächsten fünf Jahren soll der digitale Verkauf hingegen um 17 Prozent wachsen. Eine britische Studie des britischen Unternehmens „The Leading Question“ kam zu dem Schluss, dass die Tauschbörsennutzung im Vereinigten Königreich um ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr gesunken sei. Jugendliche Nutzer verwendeten demnach inzwischen zunehmend Videoportale wie Youtube oder radioähnliche Angebote wie Spotify (Streaming-Dienste). Musik kann hier gezielt gehört, nicht aber ohne weiteres heruntergeladen werden. Schließlich sorgte Per Sundin, Chef der Plattenfirma Universal in Schweden - dem Heimatland der Plattform Piratebay -, mit der Äußerung für Aufsehen, Spotify erzeuge für das Unternehmen mehr Einnahmen als der Branchenführer Apples iTunes.

Spotify ist in Deutschland nicht abrufbar

Solche Streaming-Angebote kommen jedoch bisher oft nicht um die Bürokratie des Urheberrechts herum. Spotify ist etwa wegen fehlender Lizenzen in Deutschland nicht abrufbar. „Der Markt für Online-Lizenzen ist zersplittert“, sagt Maritta Strasser vom Branchenverband Eco. Der Verband, in dem auch Internetanbieter organisiert sind, fordert neue Geschäftsmodelle - und will zudem verhindern, dass Internetprovider künftig wie in Frankreich zur Bestrafung von Internetpiraten verpflichtet werden. Diesem Ansinnen hat die Koalition inzwischen allerdings sowieso eine Absage erteilt.

Auf den Kampf mit den Lizenzen muss sich das Göttinger Unternehmen Ciiju nicht einlassen. Es ist eine Mischung aus sozialem Netzwerk und Downloadportal. Auch dort will man Nutzer illegaler Tauschbörsen abwerben. Anders als das schwedische „The Piratebay“, dessen Gründer kürzlich vor Gericht gestellt wurden, umgibt Ciiju nicht der Nimbus des Verruchten: Die Seite wird vom renommierten Fraunhofer Institut unterstützt. Forscher dieser Einrichtung schufen das digitale Dateiformat MP3 ebenso wie die Wasserzeichen, mit denen die Dateien nun markiert werden. Das Angebot von Ciiju ist in der Grundvariante kostenlos, jeder darf dort Musik mit anderen Mitgliedern tauschen - solange diese „echte Freunde“ sind.

Recht auf Privatkopie mit den Mitteln des Netzes

Damit nutzt Ciiju das Recht auf Privatkopie mit den Mitteln des Netzes. So heißt es in Paragraph 53 des Urheberrechtsgesetzes: „Zulässig sind einzelne Vervielfältigungen eines Werkes durch eine natürliche Person zum privaten Gebrauch (. . .)“. Mit dieser Vorschrift kapitulierte der Gesetzgeber 1965 vor den technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung mit damals analogen Aufzeichnungsgeräten. „Einzelne Vervielfältigungen“ definierte der Bundesgerichtshof 1978 als einen Kreis von 7 Personen, mit denen den Kopierer zudem „enge Bande“ verbinden müssen - das entgangene Geld sollen die Künstler über Geräteabgaben erhalten, die etwa seit 1985 auf Leerkassetten zu entrichten sind.

Damit sich nun nicht nach Manier sozialer Netzwerke wie Facebook Tausende von kaum einander bekannten „Freunden“ zusammenfinden, darf jedes Musikstück nur 7 Mal kopiert werden - das Wasserzeichen protokolliert die Weitergabe. „Ciiju bleibt sogar hinter den rechtlichen Möglichkeiten zurück“, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Till Kreutzer, der für Ciiju ein urheberrechtliches Gutachten erstellt hat. Erlaubt sind nur Kopien erster Instanz - also nicht Kopien von Kopien, was rechtlich erlaubt wäre.

Schließlich soll der private Tausch nach den Ideen der Gründer auch für die Musikindustrie zum Geschäft werden. Ciiju will mittelfristig selbst Musik zum Kauf anbieten. Der ökonomische Clou hinter dem Projekt: „Derzeit kostet online gekaufte Musik meist einen Euro pro Stück, das ist vielen Nutzern zu teuer“, sagt Boris Blum-Oeste von Ciiju. „Mit der Möglichkeit, Musik mit Freunden legal zu tauschen, sinken die subjektiv wahrgenommenen Kosten.“ Außerdem diene Musik auch der Selbstdarstellung. Blum-Oeste erinnert an die achtziger Jahre: „Hatte damals jemand eine neue Platte, war es das Gespräch im Freundeskreis.“ Dieser Wert werde von der Musikindustrie bislang kaum abgeschöpft. Diese reagiert auf die Idee aus Göttingen offenbar verhalten. Blum-Oeste will nichts Genaues sagen, hat aber eine Formulierung parat: „Man steht sich in Gesprächen konstruktiv, aber kritisch gegenüber.“

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