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Digitale Revolution Arbeitsplätze nur noch für die Internet-Elite?

19.01.2009 ·  Der Blogger Nicholas Carr dämpft den Optimismus der Netzrevoluzzer und betrachtet die gesellschaftlichen Folgen des „digital turn“. Seine These: Internet-Betriebe höhlen die klassische Ökonomie aus und bereiten eine dramatische Erosion der Mittelschicht vor.

Von Oliver Jungen
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In einem der anregendsten Sachbücher des vergangenen Herbstes vertreten Holm Friebe und Thomas Ramge die These, die Ära der zentralistischen Massenproduktion neige sich - aus eigener Schwäche - ihrem Ende zu. Die Mikroökonomie, heißt es in „Marke Eigenbau“ weiter, sehe einer goldenen Zukunft entgegen. Zeitgleich behauptete in den Vereinigten Staaten der Essayist Nicholas Carr in seinem gewichtigen und - dem Verlag mit sei Dank - nun bereits ins Deutsche übertragenen Buch „The Big Switch“, es breche eine neue Ära des Zentralismus an.

Erstaunlicherweise soll in beiden Fällen das Internet verantwortlich sein. Diese Gemeinsamkeit bei größtmöglicher Diskrepanz der Prognosen erklärt sich dadurch, dass man es mit einem gewissermaßen innertheologischen Unterschied zu tun hat. Er besteht in der einmal messianisch, einmal apokalyptisch geprägten Haltung gegenüber dieser am Ende der Zeiten auf die Menschheit niedergekommenen Metamaschine.

Der Antichrist wohnt im Internet

Für Friebe und Ramge stellt die Vernetzung in Berufung auf Chris Andersons Long-Tail-Theorie (Lukrativität von Nischenmärkten bei gegen null tendierenden Lager- und Transportkosten für digitale Güter) die Grundlage für eine endgültige Individualisierung und Humanisierung von Wirtschaft, Politik und Kultur dar. Für Carr hingegen, obwohl mit allen Feinheiten der digitalen Revolution vertraut, wohnt im Internet, dieser Zentrale des Ausgeflipptseins, der Antichrist.

Die erste Hälfte von „The Big Switch“ - der deutsche Untertitel übersetzt etwas schief, aber inhaltlich treffend: „Der große Wandel“ - wird dominiert von einem technikhistorischen Analogieargument. So stellt Carr heraus, dass Wasserräder nach der Elektrifizierung nur vorübergehend durch Generatoren ersetzt wurden. Bald übernahmen Großkraftwerke die Stromproduktion. Dieselbe Revolution stehe nun dem Cyberspace bevor: „Das Glasfaser-Internet leistet für die Datenverarbeitung dasselbe, was das Wechselstromkraftwerk für die Elektrizität geleistet hat: Es macht den Standort der Gerätschaften für den Anwender unwichtig.“

Zurück zum Wasserrad

Mit dem „Big Switch“ ist also die Umschaltung vom „Client-Server-Modell“ auf das „Utility-Computing“ gemeint: Führen die Mitarbeiter eines Unternehmens heute Anwendungen teils auf dem eigenen PC, teils auf dem firmeninternen Server aus, so verfügten Firmen in Zukunft nur noch über „Thin-Clients“, kaum mehr als Bildschirme mit Tastatur. Speicherplatz und Prozessorleistung stellten gigantische Serverfarmen gegen Gebühr bereit. Tatsächlich arbeiten die großen Internetunternehmen am Ausbau solcher Service-Leistungen.

Die von Carr schon in „Does IT matter?“ (2004) vorgebrachte Analogie hat jedoch begrenzte Aussagekraft, schließlich besteht das Internet seit je aus der Verschaltung von Servern, auf welche die Einzelrechner zugreifen. Findet da technisch überhaupt ein großer Wandel statt? Zugleich werden die Anwender-Gerätschaften immer kleiner, billiger und leistungsfähiger. Warum sollte jemand, der kein Problem mit Strom aus der Steckdose hat, Serverfarmen sensible Informationen anvertrauen? Bislang jedenfalls hat sich das Utility-Modell nicht durchgesetzt. Auch bei der Stromgewinnung kehrt man zu dezentralen Konzepten zurück, ja: zum Wasserrad. Wind-, Sonnen- und Blockheizkraftwerken gehört die Zukunft, nicht Atommeilern.

Die These vom ausgedünnten Bewusstsein

Kannte man den jüngst in die Redaktionsleitung der „Encyclopaedia Britannica“ aufgenommenen Nicholas Carr bisher vornehmlich in Bloggerkreisen, so hat sich das im vergangenen Juli geändert, als er in „The Atlantic“ den Generalangriff „Is Google Making Us Stupid?“ lancierte. Die Frage war natürlich rhetorisch gemeint. Carrs These, die er an sich selbst exemplifizierte, lautete: Der ständige Umgang mit den „Content“-Häppchen des Internets habe unsere Hirnstrukturen verändert, die Konzentrationsfähigkeit so sehr geschwächt, dass wir kaum mehr in der Lage seien, ein Buch zu lesen.

Reflexhafte Kulturkritik also, mit der man neuen Technologien immer schon begegnete. Doch hatte Carr einen Nerv getroffen: Weltweit kam es zu großen Debatten über die Verdummungswirkung der neuen Medien. Der wolkige Begriff des „Cloud Computing“ bezeichnet bei Carr den Zusammenschluss aller Rechner zu einer einzigen Maschine, der wir zunehmend ausgeliefert sind: „Unser Bewusstsein wird ausdünnen und verflachen.“ Von der Emergenz einer neuen Form von Intelligenz, wie sie der „Wired“-Redakteur Kevin Kelly 2005 beschrieb, will Carr nichts wissen.

Die klassische Ökonomie wird ausgehöhlt

Bedeutsamer als dieses raunende Bedrohungsszenario ( „Bald wird der World Wide Computer wissen, wo wir sind und was wir an fast jedem Augenblick des Tages tun“) ist der zweite, hellsichtige Teil des Buches, in dem sich Carr den gesellschaftlichen Folgen des „digital turn“ widmet. Hier dämpft er - mit guten Argumenten - den charmanten Optimismus von Netzrevoluzzern wie dem in Yale lehrenden Juristen Yochai Benkler: Nicht weltweite Harmonisierung, sondern harsche Polarisierung kennzeichne etwa heutige Online-Communities.

Die Utopie einer Geschenkökonomie, wie sie auch Friebe und Ramge stark machen, übersehe den Umstand, dass damit einer besonders unsozialen Marktökonomie zugearbeitet werde. Im Extremfall verdienen Großunternehmen wie You-Tube (mithin Google), MySpace oder Facebook Unsummen mit der kostenlosen Arbeit ihrer Mitglieder. Auch im Normalfall aber höhlen die auf Masse setzenden Internet-Betriebe die klassische Ökonomie aus. Buchhandlungen können mit Amazon nicht mithalten, Telekommunikationsunternehmen nicht mit Skype.

Kurz: Es bleibe den „traditionellen Unternehmen gar keine andere Wahl, als ihr Geschäft in eine ähnliche Form umzubauen und dabei Millionen von Angestellten zu entlassen“. Im Netz aber, daraus resultiert ja der Wettbewerbsvorteil, gibt es nur Arbeitsplätze für eine kleine digitale Elite. Daher stehe eine dramatische Erosion der Mittelschicht bevor.

Auf dem Weg zum perfekten Konsumenten

Auch die Qualität des Wissens leide durch die „große Zerlegung der Einheiten“, wie Carr anhand des amerikanischen Zeitungsmarkts verdeutlicht. Die rückläufigen Verkäufe angesichts der kostenlosen (Amateur-)Konkurrenz - 1964 lasen 81 Prozent der amerikanischen Erwachsenen eine Tageszeitung, 2006 noch 50 Prozent - zwingen die Medienhäuser zu stärkerem Online-Engagement unter Preisgabe des Gesamtcharakters ihres Produkts. Werbeanzeigen, die einzig aussichtsreiche Einkunftsquelle, sind dabei an einzelne Artikel gekoppelt: eher selten an Kriegsreportagen. Werbefreundliche Inhalte und durch Schlagworte provozierte Seitenaufrufe werden so zur neuen Währung auf dem inhaltlich verarmenden Medienmarkt.

Sehenden Auges seien wir ins „Spinnennetz“ (Alexander Solschenizyn) gegangen, beschließt Carr dieses lesenswerte Manifest. Freiwillig lieferten wir den führenden Netzunternehmen komplette Persönlichkeitsprofile: „Wir akzeptieren die größere Kontrolle im Gegenzug für einen größeren Komfort.“ Und so habe das Internet seine gesellschaftliche Bestimmung gefunden: „Es macht uns zu perfekteren Konsumenten und Arbeitern.“ Ein verstörender, aber vermutlich richtiger Gedanke.

Nicholas Carr: „The Big Switch“. Der große Wandel. Die Vernetzung der Welt von Edison bis Google. Aus dem Englischen von Reinhard Engel. mitp Verlag/Redline, Heidelberg 2009. 320 S., br., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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